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Test: Huawei Mate S – High-End aus China

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Apple und Samsung sind cool, der Rest spielt im Markt kaum eine Rolle. Spätestens beim Blick auf das Huawei Mate S fragen wir uns allerdings: Warum? Der Hersteller aus China hat mit seinem neuen Top-Modell nämlich ein echtes Sahnestück produziert.

Über Geschmack kann man streiten, über Qualität nicht. Glas und Metall dominieren Front und Rückseite, das Mate S liegt hochwertig und griffig in der Hand. Es ist schwer genug, um massiv und stabil zu wirken, aber nicht so schwer, dass es sich wie ein Klotz am Bein anfühlt.

Bei der Optik kommt es darauf an, wen man fragt. Manche finden, das Mate S sieht ein wenig altbacken aus. Andere attestieren ihm, das „Edelste“ zu sein, was sie je gesehen haben. Mir persönlich gefallen die abgerundeten Ecken des Gehäuses nicht so gut – sie wirken wie ein Kompromiss aus eckigen Geräten à la Sony Xperia und runderen Handys wie dem iPhone. Aber ganz im Ernst: Wen interessieren schon die Ecken? Da freue ich mich lieber über Highlights wie das zu allen Kanten hin abgerundete Glas der Frontscheibe.

Die silberne Version mit weißer Front wirkt oberhalb des Displays etwas zerklüftet. Mehr sogar als bei anderen Smartphones. Den hellen Glasstreifen teilen sich Status-LED, Frontkamera, Lautsprecher, Helligkeits- und Annäherungssensoren, zusätzlich gibt es noch einen echte Front-LED, die als Blitz für Selfies dient – und sie alle hinterlassen graue oder schwarze Flecken. Deswegen gefällt uns die graue Version mit schwarzer Glasfärbung besser; sie sieht schlicher aus.

Die Rückseite ist leicht gebogen. Das fällt kaum auf – das Smartphone liegt gefällig in der Hand. Allerdings sorgt die Rundung natürlich auch beim Mate S dafür, dass das Gerät leicht kippelig auf dem Tisch liegt. Überraschenderweise sorgt ausgerechnet die überstehende Kameralinse für eine Verbesserung: Eine Fläche von etwa einem Quadratzentimeter steht etwa einen Millimeter vor und stabilisiert das ansonsten runde Mate S. Ich habe mit dem Wackeln kein Problem; nehme das Handy allerdings auch zum Tippen in die Hand.

Zentrales Element des Mate S ist die 5,5 Zoll große Anzeige mit AMOLED-Panel. Sie hat Full-HD-Auflösung, also 1920 × 1080 Bildpunkte. Und wisst Ihr was? Nach einigen intensiven Tagen mit dem Mate S frage ich mich tatsächlich, wofür man noch höhere Auflösungen bei Displays in dieser Größe braucht. 401 Pixel pro Zoll (ppi) kümmern sich um eine gestochen scharfe Darstellung, die AMOLED-Technik sorgt prinzipbedingt für perfekte Kontraste und Blickwinkel.

Früher konnte man AMOLEDs häufig eine etwas zu kühle Farbtemperatur vorwerfen. Die Chinesen gehen dem „Problem“ mit Software-Tuning aus dem Weg: Eine zusätzliche Einstellung erlaubt es dem Nutzer, die Farbtemperatur selbst zu justieren – so kann man seinen Favoriten per Slider stufenlos zwischen Blau- und Rotstich festlegen. Eigentlich nur Spielerei und die meisten Käufer werden die Einstellung vermutlich nur einmal ausprobieren und dann nicht mehr anfassen. Aber bei mir wanderte der Regler tatsächlich fast bis ganz nach rechts und blieb dort: Der Blaustich ist mir offensichtlich sympathisch.

Trotz meiner nicht gerade zierlichen Körpermaße komme ich bei der Einhandbedienung bei der Größe des Mate S an meine Grenzen. Wenn ich das Smartphone in der rechten Hand halte und versuche, die Statusleiste zu erreichen, geht das gerade noch so – und ist nicht mehr angenehm. Also: Vor dem Kauf ausprobieren, ob Ihr damit leben könnt. Und einen Blick auf die Software werfen, die das eine odere andere Problem dieser Art zu lösen vermag.

Apropos: Die Software ist ein Punkt, den wir häufig kurz und knapp gegen Ende des Testberichts abhandeln. Das hat das Mate S aber nicht verdient. Es gibt viele sinnvolle Tools und Ergänzungen und dazu noch eine große Stange mehr oder weniger nützlicher Spielereien. Beispiele gefällig?

Bleiben wir gleich beim großen Display. Standardmäßig ist eine Einstellung mit dem etwas holprigen Namen UI Einhandbedienung aktiv. Wenn Ihr mit dem Daumen von rechts nach links über die virtuellen Android-Tasten am unteren Bildschirmrand wischt, verkleinert sich die komplette Darstellung und rutscht nach unten rechts. Etwa 1,5 Zentimeter auf der linken Seite des Displays und etwa drei Zentimeter oben bleiben dann komplett schwarz, aber dafür klappt die Bedienung in einer Hand problemlos. Dieser Anwendungsfall ist übrigens einer der wenigen, bei dem eine noch höhere Auflösung des Display-Panels schön wäre: Die hell- auf dunkelgraue Schrift in der Notificaiton-Übersicht beispielsweise wirkt verkleinert etwas unscharf. Lesen kann man aber alles – und sollte es einmal eng werden, wischt man einfach wieder zurück oder tippt in den schwarzen Bereich des Displays.

Zu den weiteren Software-Ergänzungen gehört die Möglichkeit, den Fingerabdruckscanner auf der Rückseite als Trackpad zu verwenden. Mit dem Zeigefinger wischt Ihr von einer Seite zur anderen, um beispielsweise die Fotos in der Galerie-App durchzublättern oder von oben nach unten, um die Notification-Leiste auszuklappen. Letzteres ist ab Werk abgeschaltet, aber wenn man die Option einmal in den Einstellungen entdeckt hat, will man sie nicht mehr missen. Ich würde mir an noch vielen weiteren Stellen die Möglichkeit wünschen, den Sensor als zusätzliche Eingabemöglichkeit zu nutzen, um etwa auch durch die Homescreen-Seiten blättern zu können – aber das geht aktuell nicht. Vielleicht liefert ein Software-Update die Funktion nach.

Apps informieren darüber, welche Programme im Hintergrund laufen und bieten die Möglichkeit, das zu unterbinden. Das spart Strom. Sie helfen, Speicher aufzuräumen, erlauben die optische Anpassung der Oberfläche an die eigenen Wünsche. Dazu gibt es noch praktische Tools wie eine vorbildliche Audio-Rekorder-App.

Der Haken an der Sache: Es gibt auch viel Bloatware, also unerwünscht vorinstallierte Apps und Spiele. Immerhin: Auch die nervigen Sachen wie eine Verknüpfung zum Angebot von Gameloft oder „Highlights“ wie Puzzle Pet lassen sich per langem Fingertipp deinstallieren.

Huawei setzt auf Android 5.1 Lollipop und die hauseigene Emotion-UI-Oberfläche in der aktuellen Version 3.1. Bekanntester Unterscheid zu den Interfaces aller anderen Hersteller ist der Verzicht auf den App-Drawer. Es gibt also kein Menü, in dem alle Apps liegen – stattdessen landen die Icons alle auf dem Homescreen. Wer das Icon vom Homescreen löscht, deinstalliert die App. Das hat sich Huawei offensichtlich von iOS abgeschaut.

Auch an anderer Stelle fällt auf, dass sich die Entwickler offensichtlich am iPhone orientiert haben. So zeigt der Lockscreen unten rechts das Kamera-Icon – wischt man von hier nach oben, landet man direkt in der Foto-App Abgeschaut? Mag sein. Na und? Auch wenn sich Android-Puristen und Nexus-Fans damit schwertun – die Bedienung klappt wirklich vorbildlich und einfacher als bei vielen Konkiurrenzprodukten. Und auch andere Hersteller lassen sich „inspirieren“.

Wer mit Emotion UI so gar nicht klarkommt, hat auch bei Huawei die Möglichkeit, einen alternativen Launcher aus dem Play Store zu installieren und bekommt so eine andere (und vermutlich klassischere) Oberfläche.

Die Hauptkamera des Mate S stammt von Sony. Es handelt sich um den IMX278-Bildsensor, der auch schon beim Huawei P8 zum Einsatz kam – und damals als der weltweit erste RGBW-Sensor beworben wurde. Das bedeutet, dass einzelne Bildpunkte nicht nur wie üblich auf rote, grüne und blaue (RGB) Farben reagieren, sondern dass es auch welche gibt, die explizit für den Weißanteil zuständig sind. Das soll Bildrauschen reduzieren und die Qualität vor allem in dunklen Umgebungen verbessern. In Kombination gibt es noch eine weit geöffnete Blende (f2.0), einen optischen Bildstabilisator und einen Dual-Color-LED-Blitz.

Die Kombination aus diesen technischen Finessen ist gelungen. Gerade in dunklen Umgebungen schlägt sich die Huawei-Kamera erfreulich gut. Aber auch als Schönwetterkamera macht sie eine gute Figur. Die Farben werden kräftig dargestellt. Profi-Fotografen dürften sich daran stören, weil die Wiedergabe manchmal nicht mehr ganz realistisch aussieht – aber der Masse gefällt's.

Auch hier hat Huawei eine erstklassige Software abgeliefert. Es gibt viele Einstellungsmöglichkeiten, die man nutzen kann, aber nicht muss: Die meisten Schnappschüsse gelingen ohne Probleme, nur selten sind mal stark verwackelte oder über- oder unterbelichtete Bilder dabei. Es gibt etliche Modi, darunter auch eine Bildverfälschung bei Selfies: Auf Wunsch kann man dem Smartphone sein Gesicht „beibringen“, in dem man es mehrfach nach Anleitung aus verschiedenen WInkeln abfotografiert. Wann immer das Mate S das Gesicht dann wieder erkennt, macht es die Wangen schmaler, die Haut glatter und die Augen größer. Wie stark, entscheidet der Nutzer per Slider. Ich habe mich vorsichtig an die Einstellung herangetastet, aber ich glaube, das ist nichts für mich: Ich sehe auch bei mittlerer „Optimierung“ aus wie eine mutierte Manga-Figur. Lustig für Partys ist das Feature aber allemal. Und apropos Selfie: Die LED der Frontkamera ist genial. Es würde uns nicht wundern, wenn demnächst noch weitere Smartphones so ausgestattet sind.

Wir würden uns einen expliziten Auslöse-Taster für die Kamera wünschen. Zwar kann man die Kamera-App auch direkt über den Sperr-Bildschirm erreichen und das Auslösen ist – entsprechende Einstellung vorausgesetzt – auch mit einem langen Druck auf den Fingerabdrucksensor möglich, doch das ist nur ein Kompromiss. Zumal man den Sensor mit der einen Hand zwar gut erreichen würde, dann aber die Linse mit dem Finger abdeckt. Von der anderen Hand ist er schon wieder so weit entfernt, dass er kaum zu erreichen ist.

Snapdragon? Fehlanzeige. Traditionell setzt Huawei auf die Kirin genannten Chips der hauseigenen Halbleitersparte HiSilicon Technologies – konkret beim Mate S auf einen Kirin 935, der schon beim P8 Max und beim günstigeren honor 7 zum Einsatz kommt.

Acht Rechenkerne arbeiten nach der big.Little-Architektur: Vier arbeiten mit maximal 1,5 GHz und kommen zum Einsatz, wenn wenig Power vonnöten ist. Wird Leistung angefordert, schaltet der Chip bei Bedarf einzelne Kerne von den „kleinen“ auf die Großen um, die mit bis zu 2,2 GHz werkeln.

Im Labor sieht das Mate S von seinen High-End-Konkurrenten nur die Rücklichter. Es erreicht gut 51.000 Punkte im Antutu-Benchmark und liegt damit etwa 15 Prozent unter Smartphones mit Snapdragon 810 respektive fast 25 Prozent unter dem aktuellen Leistungssieger, Samsungs Exynos 7 Octa. Ist das schlimm? Nein. In der Praxis reicht die Rechenpower vollkommen aus. Nichts ruckelt oder hakt; aufwändige Spiele laufen flüssig.

Dazu gibt es 3 GByte RAM und, im Falle unseres Modells, 32 GByte Speicher. Außerdem gibt es noch Varianten mit 64 GByte und 128 GByte Speicher. Letzteres bringt auch Force Touch mit, eine Eingabetechnik, die Apples 3D Touch ähnelt: Mit festerem Druck auf das Display können andere Funktionen ausgelöst werden. Ob dieses Modell aber überhaupt in Deutschland auf den Markt kommt, steht noch nicht fest.

Wenn der interne Speicher nicht ausreicht, lässt er sich per microSD-Karte um bis zu 128 GByte aufrüsten. Schade, dass die Chinesen offensichtlich wieder von ihrer genialen Idee abgekommen sind, in einer Schublade je nach Bedarf sowohl Speicher- als auch SIM-Karte zu unterstützen.

Die übrige Ausstattung entspricht High-End-Niveau. Es gibt NFC, LTE mit bis zu 300 MBit/s, Bluetooth 4.1 und WLAN nach dem n-Standard, aber leider nicht nach 802.11ac. Das ist aber nicht wild, entsprechende Router sind aktuell ohnehin noch nicht verbreitet.

Respekt, Huawei. Spätestens mit dem Mate S sind die Chinesen in die gehobene Oberklasse vorgerückt – und zwar nicht nur, was die Hardware angeht, sondern auch bei der Software. Display und Verarbeitung sind auf allerhöchstem Niveau, die Kamera kann sich sehen lassen und ein großer Teil der vorinstallierten Tools sind tatsächlich nicht nur nicht nervig, sondern sogar praktisch. Und vollkommen ungewünschte Software lässt sich einfach löschen.

Bleibt nur noch der Blick auf den Preis. 630 Euro werden aktuell fällig für das silberne Modell mit 32 GByte Speicher. Eine Stange Geld – sogar Samsung Electronics' Galaxy S6 edge ist günstiger. Das Mate S ist sein Geld wert. Bleibt die Frage, ob Huawei Device genügend potentielle Kunden davon überzeugen kann, so viel Geld für ein Smartphone auszugeben, obwohl sie vielleicht noch nicht einmal den Hersteller richtig aussprechen können.

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