Evercade VS im Test: Legales Retro-Gaming für echte Fans

Evercade VS
Pro und Contra
  • Große Auswahl auch an Exoten
  • Guter Verarbeitung
  • Interessanter Modul-Ansatz
  • Lautloser Betrieb
  • Unterstützung für Third-Party-Controller
  • Spannender Spielekatalog
  • Mäßiger D-Pad-Controller
  • Nur wenige Spiele für vier Spieler
  • Frontklappe könnte stabiler wirken
  • 4.0

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Abseits von Nintendo oder Sega gibt es noch andere, legale Wege, um Retro-Klassiker zu zocken. Ganz vorne dabei ist Evercade. TechStage testet die neue Evercade VS, eine Klassiker-Konsole für Multiplayer.

Mittlerweile gibt es keinen Mangel an Retro-Konsolen. Sega und Nintendo haben mit den Mini-Versionen des Mega Drive (Testbericht) und des Super Nintendo Mini (Testbericht) die Messlatte nicht nur sehr hoch gelegt, sondern auch den Bedarf der allermeisten Nostalgiker abgedeckt. Sony stolperte mit der mäßigen Playstation Classic (Testbericht) hinterher. Abseits vom Mainstream wird es spezieller: The64 Mini (Testbericht) bekommt mit dem TheA500 Mini zum Beispiel dieses Jahr einen Nachfolger, die eine Miniatur-Neuauflage des Commodore Amiga 500 darstellt. Damit wird nicht nur ein älteres, sondern auch ein schmaleres Publikum angesprochen, da der klassische Computer vorwiegend in Europa erfolgreich war. Ebenso nischig ist der Sega Astro City Mini, die Spielhallen-Versionen von Sega-Klassikern enthält. Die Luft für Retro-Neuauflagen wurde also zunehmend enger, aber eine Sache haben all diese Geräte gemeinsam: Die Spiele wurden und werden auf einem internen Speicher abgelegt, deren Inhalte sich mit Modding austauschen lassen.

Daher hatte sich Blaze Entertainment mit der Evercade etwas einfallen lassen: Zum einen ist es ein Handheld, zum anderen kamen die Spiele auf eigenen, separat erhältlichen Modulen daher. Damit war die Evercade (Testbericht) ein Unikat und wurde für Sammler von physischen Retro-Spielen interessant. Nach ein paar (durch die Pandemie bedingte) Verzögerungen erscheint nun mit der Evercade VS eine stationäre Version des Handhelds. Hm, aber man konnte doch den Handheld einfach per HDMI an den Fernseher anschließen? Wozu jetzt eine stationäre Version? Der größte Vorteil liegt im “VS” des Namens: Nun lassen sich bis zu vier Controller anschließen, um miteinander oder gegeneinander spielen zu können. Zudem ist jetzt eine höhere Auflösung von 1080p möglich. Der Handheld packte nur 720p.

Die Evercade VS wird im Handel in zwei regulären Versionen angeboten: Dem Starter Pack und dem Premium Pack. Bei dem Starter Pack ist nur ein Controller und mit Technos Arcade 1 nur ein Modul dabei. Das Premium Pack enthält einen zweiten Controller und mit Data East Arcade 1 ein zweites Modul. Zwar sind alle Komponenten und Spielesammlungen auch separat erhältlich, aber preislich würden wir direkt zum Premium Pack raten. Die UVP für ein Modul liegt bei 17,99 Euro und für einen Controller bei 24,99 Euro, womit die Preisersparnis klar auf der Hand liegt. Zum Zeitpunkt dieses Artikels ausverkauft ist die Founder Edition, die weitere Spiele und eine Farbvariante in Schwarz enthält, dafür aber auch 200 Euro aus dem Geldbeutel saugte. Diese Version war aber auch nur direkt beim Hersteller bestellbar und ist jetzt vermutlich nur noch über den Gebrauchthandel erwerbbar.

Unabhängig von der Edition gibt es neben dem Grundgerät, Controllern und Spielen keine weiteren Beilagen in der Packung. Es liegt weder ein HDMI-Kabel noch ein Netzteil bei. Betrieben werden kann die Evercade VS über ein Micro-USB-Kabel (5V), das als einziges mit dabei ist. Blaze Entertainment tut es seinen Konkurrenten wie Nintendo oder Sega gleich, die ebenso auf ein Netzteil verzichtet haben. Da aber die meisten Personen vermutlich einen USB-Anschluss am Fernseher oder ein Ladegerät für das Smartphone in der Schublade rumfliegen haben, ist das nicht dramatisch.

Nimmt man die Evercade VS aus der Verpackung, fällt direkt die überdurchschnittliche Verarbeitungsqualität positiv auf: Dieses Teil wirkt robust! So manch andere Mini-Konsole knarzt und klappert, wenn man sie auch nur anschaut - zum Beispiel die unsäglichen Atari Flashback-Neuauflagen. Zwar besteht die Evercade VS auch nur aus Plastik, aber das Gehäuse wirkt fest und wertig. Nur die Frontklappe, unter der sich die Modulschächte befinden, naja, klappert ein wenig. Sie wirkt zum Rest der Konsole etwas dünner, ist immerhin trotzdem stabil genug am Gehäuse befestigt. Da sie zudem beim Schließen leicht einrastet, geht sie im laufenden Betrieb nicht so schnell auf. Generell finden wir die schlichte, aber stylische Erscheinung der Evercade VS sehr schick. Das weiße Gehäuse, das mit 20 cm Länge und 13 cm Tiefe etwa die Dimension von drei übereinander gestapelten DVD-Hüllen hat, besitzt interessante rote Akzepte, die aber trotzdem nicht zu auffällig wirken. Dadurch sollte sich die Evercade VS schmiegsam in die übrige Zimmereinrichtung einfügen. Ihre Schlichtheit ist vergleichbar mit der der Xbox Series S (Testbericht), die ebenso quasi nur ein “weißer Block” ist. Etwas mehr Farbe erhält das Gerät im eingeschalteten Zustand: Der Streifen unter der Frontklappe kann in verschiedenen Farben aufleuchten. Auf diese Weise wird der Systemstatus angezeigt, der standardmäßig rot ist.

Auf der Rückseite wirkt das Gerät ebenso schlicht: Neben dem Micro-USB-Anschluss für den Strom gibt es lediglich einen HDMI-Anschluss. Mit dem Netzwerk verbindet sich das Gerät per WLAN, vorwiegend, um Firmware-Updates zu laden. Außerdem ist hier ein kleiner Reset-Knopf zu finden, den wir aber trotz des Testzeitraums von mehreren Tagen nie betätigen mussten. Die Evercade VS läuft sehr stabil.

An der Vorderseite sitzen vier USB-Anschlüsse, die für die Controller verwendet werden. Selbstverständlich findet man hier auch die beiden Modulschächte? Moment … Plural? Ja, denn ungewöhnlicherweise kann man gleich zwei Module gleichzeitig einsetzen. Die Spiele tauchen dann kombiniert im Auswahlmenü auf. Wechseln kann man Module im laufenden Betrieb, womit sich auch die Inhaltsanzeige in Echtzeit aktualisiert. Interessant: Entnimmt man ein Modul, auf dem sich das aktuell laufende Spiel befindet, beendet es sich nicht automatisch. Anscheinend wird ein Spiel bzw. das ROM auf dem Modul einmal komplett in den Arbeitsspeicher geladen und man kann so lange weiterspielen, bis man es manuell verlässt.

Man kennt es: Spätestens, wenn man sich eine Playstation 4 oder Playstation 5 (Testbericht) ins Wohnzimmer gestellt hat, macht man sich Sorgen, ob man sich eine kleine Turbine ins Heim geholt hat. Derartige Gedanken muss man sich bei der Evercade VS nicht machen: Das Gerät hat keinen Lüfter und ist dementsprechend nicht zu hören. Im Betrieb ist uns auch keine nennenswerte Wärmeentwicklung aufgefallen. Auf der Oberseite der Konsole befinden sich Öffnungen, durch die die Wärme entweichen kann. Diese sollte man selbstverständlich nicht abdecken.

Die mitgelieferten Controller fühlen sich im ersten Augenblick vertraut an: Sie haben eine ähnliche Haptik wie der Evercade-Handheld. Die Knöpfe sind prinzipiell identisch, und die Oberseite hat eine glatte, edel wirkende Oberfläche. Der Druckpunkt der vier Buttons fühlt sich gut an und beim Testen sind uns keine Verzögerungen bei der Eingabe aufgefallen. Gleichzeitig wirken sie stabil genug, so dass wir keine Scheu hatten in Actionspielen ordentlich draufzukloppen. Wir haben uns angenehm an die originalen NES-Controller erinnert gefühlt, wobei durch die Abrundungen an den Ecken die Handballen weitaus weniger strapaziert werden. Darüber hinaus gibt es vier digitale Schultertasten (jeweils zwei links und rechts), die für unseren Geschmack etwas schmal ausgefallen sind. Aber auch diese zeigten sich im Einsatz zuverlässig. Erfreulich ist außerdem das 3 Meter lange Kabel - da kann sich Nintendo mit seinen popelig-kurzen Kabel beim NES Mini eine Scheibe von abschneiden!

Allerdings hat der Controller zwei Schwachpunkte. Der erste ist das geringe Gewicht. Ja, das ist ein subjektiver Punkt, den wir Test deshalb nicht zu viel… Gewicht geben wollen. Dennoch: Es ist eines der leichtesten Pads, die wir je in der Hand hatten, was für manche Personen das Adjektiv “billig” ins Gehirn katapultieren wird. Objektiverer und zweiter Schwachpunkt am Controller ist das D-Pad, das uns eine Spur zu schwammig vorkommt. Während wir bei horizontalen und vertikalen Eingaben - also hoch, runter, links und rechts - keine Probleme haben, ist es schwerer die diagonalen zu treffen. Das D-Pad rastet hier nicht richtig ein, sondern schwimmt je nach Fingerposition unentschlossen zwischen den Himmelsrichtungen herum. Das lässt sich mit etwas Übung meistern, aber den Vergleich mit dem besagten NES-Gamepad hält es beispielsweise nicht stand. Das ist uns besonders bei Wizard Fire aufgefallen, das in einer isometrischen Ansicht dargestellt wird. Um sich im Level nach vorne zu bewegen, muss man oft eine diagonale Richtung einschlagen. Das hat unsere Spielfigur aber mit dem Evercade-Pad nicht immer zuverlässig getan.

Dafür gibt es aber Abhilfe: Wem das D-Pad nicht zusagt, kann auch andere Controller von Drittherstellern anschließen. Zum Zeitpunkt dieses Tests unterstützt die Evercade VS zum Beispiel Xbox Controller und die Dongles von 8BitDo. Sehr löblich: Spieler:innen mit körperlichen Einschränkungen können sogar den Xbox Adaptive Controller anschließen. Das Mapping lässt sich anpassen, aber das Betriebssystem sucht beim Anschluss das passende Profil heraus. Wir haben zum Beispiel den Wireless Arcade Stick von 8BitDo ausprobiert, und dieser funktionierte einwandfrei. Das ist übrigens unsere Empfehlung: Auch wenn es gut ist die offiziellen Evercade-Controller im Hause zu haben, um Freunde auszustatten, holt man das Maximum mit einem Dritthersteller-Controller seiner Wahl heraus. Da in den Spielesammlungen vorwiegend Arcade-Titel und Action-Spiele enthalten sind, ist ein Arcade-Stick zumindest aus unserer Sicht erste Wahl. Sehr nett: Wer bereits den Evercade-Handheld besitzt, kann es auch mit einem separat erhältlichen Kabel als Controller verwenden. Schade aber, dass das nicht per normalem USB-Anschluss funktioniert.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es keine Rumble-Funktionen oder sonstigen Schnickschnack in den offiziellen Controllern gibt. D.h. keine Motion Controls, keinen zusätzlichen Kopfhöreranschluss oder sonstiges. Selbstverständlich benötigt eine Retro-Konsole so etwas aber auch nicht. Die einzige halbwegs moderne Taste ist jene für das Home-Menü, über die man Optionen aufrufen kann und zudem das aktuelle Spiel verlassen kann.

Wer schon einmal eine andere Mini-Konsole verwendet hat, wird sich auch bei der Evercade VS sofort zurechtfinden. Es gibt eine schlichte Übersicht über alle Titel, die sich in den eingesetzten Modulen befinden, die wiederum alle eine eigene Menütafel spendiert bekommen. Auf dieser befinden sich rudimentäre Informationen zum Titel, wie Herstellerangaben, Spieler-Anzahl oder Genre. Die Schlichtheit des Menüs hebt die Originalcover der Spiele hervor. Die haben oft ihren eigenen Charme, viele Titel stammen aus den 80ern oder 90ern. Sehr praktisch ist außerdem das Bild des Steuerungslayouts, damit man direkt vor dem Start des Spiels sieht, welche Taste eigentlich was macht. Eine Hintergrundmusik im Hauptmenü gibt es zwar auch, aber der motiviert unsere Zehen nicht derart mitzuwippen, wie es bei der Menümusik vom Super Nintendo Mini oder dem Mega Drive Mini der Fall ist. Es handelt sich hierbei eher um einen dezenten Ambient-Sound.

Bei den Optionen haben wir nichts vermisst: Hier können wir auf Wunsch Scanlines zuschalten, als auch die Darstellungsform einstellen. Das Bild lässt sich auf 16:9 strecken, was aber selbstverständlich die Ästhetik zerstört. Sinnvoller ist hier die Darstellung von 4:3, die die gesamte Bildschirmhöhe verwendet, ohne in der Breite zu verzerren. Retro-Enthusiasten haben zudem noch die “Pixel Perfect”-Option, mit der die Spiele ohne Verzerrung dargestellt werden. Auf den meisten Bildschirmen bleibt hier jedoch drumherum ein schwarzer Rand. Apropos Rand: Selbstverständlich kann man hier zwischen verschiedenen Hintergrundbildern oder einem schwarzen Hintergrund wählen.

Neben den obligatorischen Einstellungen wie WLAN-Verbindung oder Sprache ist hier ansonsten noch ein weiterer Punkt hervorzuheben: Barrierefreiheit. Hier findet sich eine lobenswerte Einstellung für einen Hochkontrastmodus. Ominös ist der Punkt “Geheim”, der zur Eingabe von einem Code auffordert. Was genau Blaze Entertainment hier vorhat, ist aktuell noch nicht bekannt. Vielleicht lassen sich hier geheime Spiele freischalten oder Cheats freigeben? Die Community wird es in Zukunft sicher herausfinden.

Ruft man die Optionen während eines laufenden Spiels auf, kann man nicht nur direkt die Steuerung einsehen und die (globalen) Anzeige-Einstellungen vornehmen, sondern auch schnellspeichern. Für jedes Spiel stehen 6 Speicherstände zur Verfügung. Praktisch: Für jeden Slot wird ein kleines Thumbnail von der aktuellen Szene gemacht. Der letzte Spielstand kann übrigens auch direkt aus dem Hauptmenü aufgerufen werden, womit der Einstieg von der letzten Stelle schnell vonstattengeht.

Ebenso wie die Handheld-Version setzt die Evercade VS auf Emulation. Da unterschiedliche Systeme emuliert werden, kommt jedes Spiel mit seinem eigenen, angepassten Emulator daher, damit das optimale Ergebnis erzielt wird. Da die meisten Spiele auf den Modulen Nischentitel zu teils schwer erhältlichen, alten Arcade-Platinen oder Retro-Konsolen sind, ist es schwer für uns nachzuvollziehen, wie akkurat die Emulation tatsächlich ist. Aus dieser Perspektive können wir aber keine Schwächen bei der Darstellung feststellen: Wir bemerken weder eine große Latenz noch auffällige Fehler bei der audiovisuellen Darstellung. Die Spiele sehen in der Auflösung von 1080p schön knackig aus und haben keinerlei Performance-Probleme. Fast jedes Spiel, dass wir getestet haben, läuft flüssig und ohne Stottern bei der Soundwiedergabe. Fast, denn wenn doch Framedrops auftauchen, entsprechen sie auch der originalen Arcade-Version. Das fällt uns bei Biomechanical Toy auf der Gaelco Arcade 1-Sammlung auf, bei dem wir uns auch die Emulation in Mame angesehen haben. Die Mini-Ruckler tauchen hier auch auf. Wenn sie zum Original gehören, möchten die meisten Retro-Enthusiasten auch in der Emulation nicht auf kleine Fehler verzichten - der Authentizität zuliebe. Die gleiche Erfahrung erhalten wir auch auf dem Handheld.

Die Evercade VS ist kompatibel mit allen Modulen des Evercade-Handhelds und umgekehrt. Die einzige Ausnahme bilden die beiden Namco Museum-Collectionen, da man sich hierzu leider nicht die Verwertungsrechte sichern konnte. Legt man eines der beiden Module ein, gibt es eine Fehlermeldung. Blaze Entertainment schließt in einem Blogpost aber nicht aus, dass man das mit einem zukünftigen Firmware-Update beheben könnte. Trotzdem ist aber erst einmal irritierend, dass im Katalog zwei Coverfarben verwendet werden: Rot und violett. Damit wird zwischen Konsolenversion (rot) und Arcade-Version (violett) unterschieden. Auf diese Weise geht Blaze Entertainment auf einen Kritikpunkt ein, den Fans bei dem ursprünglichen Evercade anführten: Diese hatten sich die meist besseren Spielhallen-Versionen gewünscht, die technisch oftmals opulenter daherkommen als die Heimkonsolen-Portierungen. Nun ist es allerdings auch möglich, dass ehemals unter dem rotem Label erschienene Konsolenspiele noch einmal als Arcade-Fassung unter dem lilafarbenen Label erneut erscheinen. So geschehen bei der Atari-Collection, wobei die Unterschiede hier so groß sind, dass sich durchaus der Erwerb beider Fassungen lohnt. In Zukunft sollte man aber trotzdem genauer hinschauen.

Erwähnenswert ist noch, dass die Hardware der Evercade VS theoretisch etwas schneller als der Handheld ist. Letztere taktet mit 1.2 Ghz, während die stationäre Konsole mit 1.4 Ghz arbeitet. Gut, sie hat gegenüber der portablen Version auch eine Auflösung von 1080p statt nur 720p, aber trotzdem bleibt die Frage: Wird das bei dem einem oder anderem Spiel in der Zukunft vielleicht einen Performance-Unterschied machen? Gemessen an der bisherigen hohen Qualität der Emulation glauben wir nicht, dass es große Differenzen zwischen Handheld und Heimkonsole geben wird, aber die Zeit wird es zeigen.

Eingangs haben wir erwähnt, dass es sich bei der Evercade VS um ein Gerät für Sammler für obskure Nischentitel handelt. Hier gilt das, was wir auch schon beim Test der Handheld-Version geschrieben haben: Der Katalog ist voller kurioser, teils sehr eigenwilliger Titel, deren Qualität teils stark schwankt. Es ist eine bunte Mischung aus anerkannten Klassikern, wundervollen Geheimtipps, schrägen Indie-Spielen und absoluten Gurken. Die Module sind meistens nach Herstellern sortiert, und es scheint, als würden sie neben großen Highlights auch gleich ein paar vergessene Spiele aus der Mottenkiste dazupacken. Und genau hier liegt der Reiz einer gut sortierten Evercade-Sammlung: Es ist ein überraschendes Sammelsurium an Spielen, die nicht nur wie eine Wundertüte, sondern auch wie eine Zeitkapsel anmutet. Diese bildet eine Epoche mit Stärken und Schwächen ab.

Gute Beispiele für Klassiker finden sich zum Beispiel auf der Bitmap Brothers Collection 1 oder der Gremlin Collection 1. Zool ist etwa ein pfeilschneller Plattformer, wo man eine Ameise durch ein Schlaraffenland voller Süßigkeiten navigiert. Das Spiel erinnert an Sonic und macht auch heute noch Spaß. Aus der Schmiede der Bitmap Brothers stammt The Chaos Engine, ein Top-Down-Shooter, der sich zu zweit im Coop spielen lässt. Auch heute macht es noch Laune ganze Horden von Monstern abzuschießen, während man gemeinsam den Ausgang aus den Leveln sucht. Wer lieber gegeneinander spielt, kann aus der gleichen Sammlung Speedball 2 Deluxe auswählen, eine Art Sci-Fi-Football, bei dem es nebenher auch ordentlich auf die Fresse gibt.

Ein gutes Beispiel für einen Geheimtipp gibt es auf der Gaelco Arcade 1-Sammlung in Form von Alligator Hunt. Dabei handelt es sich um einen flotten Gallery-Shooter, wo man als Teenager auf einem Skateboard (!) und später in einem Raumjäger (!!) gegen eine ganze Armee von Aliens mitsamt ihren Schlachtschiffen (!!!) antritt. Visuell wartet das Ballerspiel mit bemerkenswerten Animationen und Scaling-Effekten auf - und spielt sich vor allem mit einem Arcade Stick absolut erstklassig! Sehr schön ist, dass ab und an auch Spiele im Evercade-Katalog auftauchen, zu denen es zuvor keine englische Übersetzung gab. Im März 2022 wird zum Beispiel eine Sammlung von Titeln von Renovation erscheinen, die u.a. Valis: The Fantasm Soldier beinhaltet. Hier ist vor einigen Wochen eine erstmalige englische Version für Nintendo Switch erschienen, die auch als Grundlage für den Evercade-Port dient.

Während die Anzahl der guten bis mindestens interessanten Spiele im gesamten Katalog überwiegt, gibt es wie erwähnt auch ein paar unspektakuläre bis miserable Titel. Block Out auf der Technos Arcade 1-Sammlung ist zum Beispiel eine dröge 3D-Version von Tetris, bei der die Blöcke aus der Vogelperspektive in den Raum fallen. Ja, das spielt sich so wenig intuitiv, wie es klingt. Als Ausgleich befindet sich auf der gleichen Sammlung The Combatribes, ein erstaunlich schrulliges und spaßiges Beat’em Up, dass wie eine herrliche Parodie auf Actionfilme der 80er-Jahre wirkt.

Den Katalog der Evercade im Gesamten abzubilden, würde einige Artikel füllen. Für den Einstieg empfehlen wir, sich an den Herstellernamen der jeweiligen Sammlungen zu orientieren. Ob die Worms-Spiele, Interplay, Gremlin, die Atari Lynx oder Intellivision - es ist mit Sicherheit etwas dabei, was die eigene Nostalgie kitzelt. Da jedes Modul nur 18 Euro kostet, tut ein Blick über den Tellerrand hinaus dem Geldbeutel zudem nicht weh. Ein echter Mangel ist aber die geringe Anzahl an Spielen, die man tatsächlich zu viert spielen kann. Das ist angesichts der vier Controller-Ports zum aktuellen Zeitpunkt noch enttäuschend, kann sich aber mit zukünftigen Releases selbstverständlich ändern.

Blaze Entertainment hat mit der Evercade und der Evercade VS etwas erreicht, was angesichts der unzähligen Mini-Konsolen zunächst schwierig bis unmöglich erscheint: Eine Nische gefunden und ausgefüllt, die bisher noch nicht besetzt war. Physische Module sind ein echtes Argument für Retro-Sammler, die sich ebenso darüber freuen werden, den einen oder anderen Titel zu entdecken, der über die Zeit in Vergessenheit geraten ist.

Die Unterstützung für Dritthersteller-Controller und die gute Verarbeitungsqualität des Grundgerätes erhöhen die Freude an der Entdeckungstour. Mit einer entsprechenden Modulsammlung im Regal fühlt man sich eher dazu motiviert, sich bewusst einen Sonntag-Nachmittag lang mit alten Spielen zu beschäftigen. Ein Gefühl, dass bei rein digitalen Sammlungen - etwa auf einem Retropie (Ratgeber) oder einer umfangreich bestückten Mini-Konsole - verloren gehen kann.

Aber: Die großen Klassiker, die die Zeit überdauert haben, finden sich hier eher seltener. Man muss schon eine größere Affinität für Retro-Spiele mitbringen, als es bei den Konkurrenz-Produkten von Nintendo oder Sega der Fall ist. Die Spiele im Evercade-Katalog haben mehr Eigenheiten und Unbequemlichkeiten aus ihrer Ära inne, wie etwa ein hoher Schwierigkeitsgrad oder absurdes Charakterdesign. Wen das nicht abschreckt, findet mit der Evercade VS die etwas andere Retro-Konsole.

Der Test zur Evercade VS erscheint in unserer Themenwelt Retro-Konsolen. Dort zeigen wir 10 offizielle Retro-Konsolen im Vergleich, erklären, wie man einen Arcade-Automaten Schritt-für-Schritt baut, stellen Retro-Konsolen für unterwegs und die Controller von 8BitDo vor.

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