TechStage | Tests, Ratgeber und Kaufberatungen zu Smartphones, Smart Home, Computer und Technik, die Spaß macht

Evercade im Test: Die letzte Retro-Konsole mit Modulen
Pro und Contra
  • Große Auswahl auch an Exoten
  • Guter Verarbeitung
  • Interessanter Modul-Ansatz
  • Keine Netzwerkfähigkeit
  • Verfügbarkeit eingeschränkt
  • 4.0

Teile diesen Beitrag

Beliebt auf TechStage

HDD, SSD, M.2-NVMe: So bekommt man am meisten Speicher fürs Geld

Autobatterie: Starthilfe per Powerbank und Ladegeräte zur Pflege

RC-Spielzeug für Multiplayer: Auto, Drohnen und Co mit Battle-Funktion

Fahrradleuchten: Helles Licht mit Akku oder Batterie ab 15 Euro

Mit der Evercade erscheint der vielleicht letzte Handheld, der klassische Module verwendet. Unser Test klärt, ob es mehr als nur ein Gimmick ist und wie sich das Gerät gegen Smartphones und die Nintendo Switch schlägt.

In den letzten zwei Jahren hat es einen regelrechten Boom an Retro-Handheld-Konsolen gegeben. Auf dem europäischen Markt hat man davon nicht so viel bemerkt. Hier ist nach wie vor die Nintendo Switch sehr präsent, die ihrem Erfolg wohl dem gelungenen Spagat zwischen stationärer TV-Konsole und geistigem 3DS-Nachfolger verdankt. Erst mit einem Schwenk nach China wird deutlich, was für Auswirkungen die Switch hatte: Auf einschlägigen chinesischen Online-Marktplätzen und mittlerweile auch Amazon tummeln sich etliche Geräte, die nicht von ungefähr an die großen Vorbilder erinnern. Die könnte man auf den ersten Blick glatt mit einer Playstation Vita, einer Switch oder einem 3DS verwechseln. Sie greifen auf freie Emulatoren zurück, womit die Spiele auch nur als ROM auf der SD-Karte gespeichert werden.

ROMs auf SD-Karte? Das nimmt vielen Retro-Gamern den Spaß an der Sache. Denn schließlich möchte man auf dem echten Gameboy oder Gamegear seine Originalmodule spielen. Die Jagd nach den Spielen auf dem Gebrauchtmarkt macht einen großen Reiz aus. Und wenn die mittlerweile teils mehrere Jahrzehnte alten Geräte den Geist aufgeben, kann man sich aus einer umfangreichen Modding-Community zahlreiche Anleitungen zur Reparatur und Verbesserung ansehen. Ein neuer Retro-Handheld, der ausgerechnet diese Nische anspricht, wird es erwartungsgemäß nicht ganz einfach haben. Die Evercade von Blaze Entertainment versucht es aber trotzdem. Sie möchte sich von den zahlreichen China-Emulator-Handhelds abheben, indem sie etwas Ungewöhnliches versucht: Sämtliche Spiele für das Gerät sind nur auf Modul verfügbar. Kein interner Speicher, keine ROMs auf SD-Karte, kein WLAN-Anschluss, sondern nur echte “Spielekasetten”, die separat erworben werden müssen.

Der Test zur Evercade-Konsole erscheint in unserer Themenwelt Retro-Gaming . Dort haben wir unter anderem Artikel zur SNES Classic Mini (Testbericht) , Playstation Classic (Testbericht) oder zur Mega Drive Mini (Testbericht) veröffentlicht. Dazu haben wir eine Bestenliste zu den Retro-Konsolen und erklären, wie man mit dem Raspberry Pi eine eigene Retro-Konsole baut.

Nimmt man die Evercade in die Hand, macht sie einen guten Eindruck. Das Plastikgehäuse wirkt robust. Bei festem Zupacken knarzt und knattert da nichts. Während die Vorderseite eine glänzende, glatte Oberfläche hat, ist die Hinterseite an den Seiten abgerundet und an der Oberfläche leicht rau. Auf diese Weise liegt das Gerät angenehm in den Handballen. Das Gewicht ist vergleichbar mit der Playstation Vita, und obwohl die Evercade anders geformt ist, kommt sie ergonomisch durchaus in deren Nähe. Durch die für mittelgroße Hände angenehme Größe schlägt sie unserer Meinung nach den 2DS und 3DS in all seinen Varianten im Tragekomfort. Die Vita bleibt aber nach wie vor unser Favorit, weil sie eine Spur schmaler ausfällt.

Die Knöpfe machen ebenfalls einen wertigen Eindruck. Die vier Buttons auf der linken Seite haben einen angenehmen Druckpunkt und klicken dezent. Das gilt auch für die beiden Schulterbuttons, die noch deutlicher Klicken, dabei aber nur einen sehr kurzen Weg zurücklegen müssen. Handhelds haben oft Probleme mit Schulterbuttons, weil sie entweder seltsame Geräusche von sich geben oder wackelig sind (z.B. die quietschenden, transparenten Buttons auf der ersten Playstation Portable), oder weil sie nicht optimal erreichbar sind (zahlreiche chinesische Emulator-Konsolen haben dieses Problem). Die Evercade hat aber vielleicht die besten Schulterbuttons, die wir bei einem Handheld gesehen haben. Eine scheinbare Kleinigkeit, die sich beim Spielen aber angenehm bemerkbar macht.

Die übrigen Knöpfe für Start, Select oder die Lautstärke reagieren gut und sind angenehm groß. Eine Spur zu schwammig ist uns aber das Digikreuz auf der linken Seite ausgefallen. Bewegt man es leicht mit dem Finger, kann man es im Sockel leicht zum “Schwimmen” kommen. Während oben, unten, links und rechts spürbar einrasten, gibt es bei den diagonalen Richtungen kein so eindeutiges Feedback. Fairerweise sei aber gesagt, dass uns beim Spielen das Digipad trotzdem nicht negativ aufgefallen ist. Alle Eingaben wurden anstandslos erkannt, bloß im direktem Vergleich mit den anderen Bedienelementen ist es das schwächste Element. Wobei das sicher Ansichtssache ist: Vergleichbar ist es mit dem Digikreuz auf dem Controller des Sega Saturn - und der hat viele Fans.

Einen Analog-Stick gibt es übrigens nicht, da nur Spiele bis einschließlich der 16-Bit-Ära Teil der Ludothek sind. Der würde ebenso wenig Sinn ergeben wie analoge Tasten. Diese hier sind rein digital und berücksichtigen daher nicht, wie tief oder wie schnell man sie gedrückt hat.

Die Evercade ist mit einem 4,3 Zoll LC-Display mit 11 cm Bildschirmdiagonale ausgestattet. Auch hier ist der Eindruck positiv. Die Farben sind kräftig, es gibt keine Schlieren oder Nachzieheffekte oder sonstige Fehler. Die Bildschirmauflösung von 480 × 272 Pixel ist für Retro-Spiele ausreichend, steht aber natürlich nicht in Konkurrenz von aktuellen Smartphone-Displays. Schwächen zeigt der Bildschirm allerdings bei seitlichen Betrachtungswinkeln. Schwenkt man das Gerät auf der horizontalen Linie nach links oder rechts, bleibt das Bild auch bei einem Winkel über 45 Grad noch gut sichtbar. Die Farben und der Kontrast nehmen aber bei vertikaler Bewegung ab, also wenn man das Gerät nach vorne oder nach hinten kippt. In der Praxis ist das unwahrscheinlicher, im Vergleich zu guten Smartphone-Displays fällt der Mangel aber trotzdem auf.

Die Lautsprecher sind bestenfalls passabel. Zwar kann man die Lautstärke ordentlich hochdrehen, ohne dass sie anfangen zu scheppern. Doch der Klang ist flach und bringt den Ton der Spiele nicht würdig zur Geltung. Am besten, man nutzt gleich den 3,5 mm Kopfhörerausgang und gute Kopfhörer (Themenwelt) , die auch etwas Bass haben. Immerhin funktioniert die Stereo-Trennung ziemlich gut, weil die beiden Lautsprecher dazu weit genug auseinander liegen. Leider fehlt aber ein Bluetooth-Modul für kabellose Kopfhörer.

Mit vier bis fünf Stunden je nach Spiel isit die Akkulaufzeit zwar nicht spektakulär, aber immerhin auf dem gleichen Niveau wie bei den neuen Revisionen der Nintendo Switch. Aufgeladen wird über den Micro-USB-Port, wozu praktisch jeder USB-Lader verwendet werden kann. Leider sieht der Hersteller nicht vor, dass die 2,000-mAh-Batterie vom Kunden getauscht werden kann. Es gibt kein Fach zur Entnahme, womit bei einem etwaigen Wechsel das gesamte Gerät geöffnet werden muss.

Blaze Entertainment bietet Firmware-Updates auf der offiziellen Webseite an, die einige Startschwierigkeiten vom Launch ausbügeln. Zum Zeitpunkt dieses Tests ist die Version 1.2 aktuell. Mit dieser Version kann die Nutzerin das Buttonlayout der Spiele frei konfigurieren. Dieses war ursprünglich festgelegt und entsprach nicht immer dem Original. Zudem haben die Entwickler einige Bugs und Abstürze in der Emulation getilgt sowie Probleme bei der HDMI-Ausgabe beseitigt. Beim Erwerb der Evercade kommt man also nicht um ein Firmware-Update herum. Das ist aber in ein paar Sekunden erledigt. Überspielt wird es von einem Computer mittels USB-Port. Leider ist dazu aber zwingend ein Windows-Betriebssystem nötig, wo zudem die Installation eines Gerätetreibers verlangt wird. Unter Linux oder Mac OS funktioniert das Firmware-Update nicht.

Übrigens ist der Customer-Support ausgezeichnet. Der Hersteller ist über Reddit oder Social Media ebenso gut erreichbar wie über die offizielle Support-Mailadresse. Ein FAQ und ein Blog für die wichtigsten Fragen klären vorab schon viele Probleme. Das ist durchaus erwähnenswert, weil andere, weitaus größere Hersteller sich in dem Punkt nicht unbedingt mit Ruhm bekleckern. Mit Covid-19-bedingten Engpässen hatte Blaze Entertainment trotzdem zu Kämpfen, so dass die Verfügbarkeit gering war und Austauschgeräte bei Problemen auf sich warten ließen. Die Situation hat sich aber gebessert (Stand August 2020).

Es mag merkwürdig erscheinen die Verpackung von Spielen zu testen, aber im Fall der Evercade macht es Sinn. Sammler möchten schließlich wertige Verpackungen im Regal stehen haben, die sich gut neben anderen Retro-Originalen machen. Unser Eindruck hier: Die Verpackung geht in Ordnung, erreicht aber nicht die Qualität der Vorbilder.

An den Modulen haben wir generell nichts auszusetzen. Wie der eigentliche Handheld sind auch diese aus einem stabilem Plastik gefertigt und haben einen resistent wirkenden Aufkleber. Auch die Kontakte sind gut verarbeitet. Mit anderen Modulen, etwa vom Game Boy oder dem Game Gear, sind die Ausführungen für die Evercade auf Augenhöhe. Das Einsetzen in die Evercade wirkt angenehm “griffig”. Die Spiele können unmöglich aus dem Modulfach fallen, zur Entnahme ist etwas Kraft nötig. Einigen Personen schienen die Module zu fest im Gerät zu sitzen, was in Rezensionen und auf Reddit oft bemängelt wurde. Bei unserem Testexemplar hatten wir aber bei allen zehn bisher verfügbaren Spielen keine Probleme damit.

Schlechter wirken aber die eigentlichen Spieleverpackungen. Der Druck des Inlays geht in Ordnung, sieht scharf und kräftig aus, auch wenn das Blatt an sich etwas dicker hätte ausfallen können. Die schwarze Plastikverpackung wirkt aber etwas zu dünn und biegt sich leichter durch als beispielsweise die Hüllen des Mega Drive. Das merkt man vor allem, wenn man ein Modul wieder zurück in die fragile Halterung drücken möchte.

Die beiliegenden Anleitungen sind zwar nett gemeint und eigentlich ein Muss für Sammler, aber hier besteht Nachbesserungsbedarf. Weder sind die kleinen Hefte sonderlich informativ oder umfangreich, noch erreicht das Papier die Qualität der Vorbilder. Da die Module vorwiegend aus Spielesammlungen bestehen, ist das eine verpasste Chance. Das Beiheft hätte interessante Informationen zu den Spielen bieten können - ein bisschen Trivia, ein bisschen Making-Of. Stattdessen gibt’s bloß ein paar Takte zu Steuerung und Gesundheitsinformationen. Die Hüllen sind breit genug für dickere Inlays, daher ist hier noch Luft nach oben.

Interessant: Startet man die Evercade ohne ein eingesetztes Modul, passiert gar nichts. Die Software mitsamt den lizenzierten Emulatoren befindet sich vollständig auf der Spielkassette. Auf diese Weise können die Entwickler maßgeschneiderte Lösungen für die jeweiligen Spiele anfertigen. Und das zeigt sich: Die Emulation ist (beinahe) einwandfrei. Egal ob wir Titel für Atari, Super Nintendo oder Mega Drive getestet haben: Überall liefen die Spiele ohne technische Einschränkungen, sahen gut aus und klangen ordentlich.

Kleinere, emulationsbedingte Differenzen bei besonderen Grafikeffekten oder Soundchips gibt es zwar, aber die fallen nur den ganz harten Retro-Enthusiasten auf. Erfreulich ist ebenso der geringe Input-Lag: Die Tasten reagieren ohne spürbare Verzögerung, und selbst bei der Ausgabe über HDMI sind uns keine größeren Verzögerungen aufgefallen. Die Evercade hat gefühlt einen geringeren Input Lag als die Mini-Konsolen von Nintendo und Sega - und selbst da war er bereits relativ gering.

Schwächen zeigt die Emulation bei der Skalierung des Bildes. Da über die verschiedenen Collections hinweg verschiedenste Systeme emuliert werden, haben sich die Hersteller für einen Kompromiss entschieden: Alle Spiele werden auf die vertikale Bildschirmgröße skaliert. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass die Pixel nicht 1:1 wiedergegeben werden und bei manchen Spielen grafische Nebeneffekte durch die Interpolation auftreten können. Das macht sich zum Beispiel bei manchen Mega Drive-Titeln bemerkbar, wenn das Bild rauf- oder runterscrollt. Es kommt dann während der Kamerabewegung zu “zuckelnden” Pixeln. Wohlgemerkt nur im Handheld-Modus, denn bei der Ausgabe über HDMI verschwindet dieser Effekt. Was bei beiden Modi bleibt, ist ein bei manchen Spielen eingesetzte Weichzeichner. Der ist längst nicht so dramatisch wie z.B. beim HDMI-Bild vom Neo Geo Mini (Testbericht) , aber so knackscharf wie bei einem Retropie (Ratgeber) wird es nie.

Der Funktionsumfang der Emulatoren ist stark eingeschränkt. Es gibt weder eine Rückspulfunktion, noch Netzwerkfeatures oder sonstigen Schnickschnack. Seit der Firmware 1.2 lassen sich die Tasten frei belegen, ansonsten kann man noch das Bildverhältnis zwischen 4:3 und 16:9 einstellen. Die einzige moderne Funktion, die es hinüber geschafft hat, sind Save States. Auf Speicherplätzen kann man den aktuellen Stand speichern und später wieder von dort aus starten. Die Anzahl dürfte mehr als ausreichend sein. Wir haben unter dem Punkt »Save Slot« etwa zwei Minuten nach links gedrückt, um die Plätze durchzuscrollen - und bei Nummer 1067 aufgegeben. Mehr als Tausend nutzt sicher keiner.

Bei Systemstart wird man nach einem Logo von Blaze Entertainment in ein schmuckloses Menü geworfen, mit ein paar Logos, einem Vorschaubild und rudimentären Informationen. Das kann nicht mit den kunstvollen Menüs mithalten, die die Community rund um den Retropie entworfen hat. Vorteil ist aber, dass man so relativ schnell zum Spiel kommt. Ein bis zwei Sekunden dauert es, bis ein Spiel geladen ist.

Bei der Ausgabe auf externen Bildschirmen konnten wir ansonsten keine Probleme feststellen. Die Evercade gibt ein Bild in fehlerfreien 720p aus. Das ist für die Retro-Spiele völlig ausreichend und jeder Bildschirm sollte mit dem Signal zurechtkommen. Auch hier ist es aber wichtig, dass man Firmware 1.2 oder höher installiert hat. Auf der Stock-Firmware kam es vereinzelt zu verzerrtem Ton, der besonders über Kopfhörer das Zeug dazu hatte, Membranen zu zerschmettern.

Nicht ganz ausgeschlossen sind außerdem Probleme mit Capture-Hardware (Ratgeber) . Wir haben Tests mit Geräten von Avermedia durchgeführt. Dort wurde das Signal anstandslos erkannt, durchgeschleift und aufgenommen. Elgato-Geräte waren da schon etwas zickiger und akzeptierten zwischen der Evercade und sich selbst keine weiteren HDMI-Umschalter. Bei anderen Herstellern kommt man wohl ums Ausprobieren nicht herum.

Ebenso ärgerlich: Die Evercade startet neu, sobald man den HDMI-Stecker zieht. Spielen nach Plug & Play-Prinzip, wie man es von der Nintendo Switch kennt, ist also nicht möglich. Hier sollte man auch unbedingt ein hochwertiges Kabel benutzen, das gut im HDMI-Anschluss steckt. Sollte da auch nur ein bisschen “Luft” zwischen Port und Stecker sein, löst man beim Spielen womöglich versehentlich einen Reset aus, wenn man das Kabelende auch nur leicht berührt. Einen externen Controller kann man nicht anschließen.

Die Spielesammlungen können alle separat erworben werden. Der offizielle Listenpreis liegt bei 16,99 Euro pro Modul. Zum Zeitpunkt dieses Tests sind folgende Module veröffentlicht:

  • Atari Collection 1
  • Atari Collection 2
  • Data East Collection
  • Interplay Collection 1
  • Interplay Collection 2
  • Mega Cat Studios Collection 1
  • Namco Museum Collection 1
  • Namco Museum Collection 2
  • Piko Interactive Collection 1
  • Technōs Collection 1

Für 2020 angekündigt sind außerdem:

  • Xeno Crisis & Tanglewood
  • The Oliver Twins Collection
  • Atari Lynx Collection 1
  • Atari Lynx Collection 2

Rechnet man alle derzeit verfügbaren 10 Sammlungen zusammen, kommt man auf über 100 Titel, die für die Evercade verfügbar sind. Es sind sogar 160, wenn man noch die 2020 angekündigten Module hinzuzählt. Für einen neuen Handheld, der eine absolute Nische bedient, ist das gar nicht schlecht. Vor allem bekommen Sammler damit bereits einen nette, kleine Ecke im Spieleregal zusammen.

Alle verfügbaren Spiele einzeln zu besprechen würde den Rahmen sprengen. Daher heben wir an dieser Stelle ein paar Höhepunkte heraus und hängen eine vollständige Liste dran. Die Auswahl schwankt zwischen Klassikern und Geheimtipps. Generell hat man sich bei den Sammlungen darauf konzentriert eher eine gelungene, abwechslungsreiche und vor allem spielenswerte Mischung zu generieren, statt mit Masse zu erschlagen.

Die geringsten Überraschungen wird es bei der Atari Collection 1 & 2 geben. Hier sind einige obligatorische Klassiker wie Tempest oder Asteroids dabei, aber auch ein paar unbekannte Titel wie Night Driver oder Planet Smashers. Beide Sammlungen sind am umfangreichsten, bieten technisch bedingt aber auch die geringste audiovisuelle Abwechslung. Wir finden die Idee, Atari Lynx-Titel später im Jahr auf die Evercade zu bringen deutlich cleverer. Schließlich hat der sonderbare Handheld einen gewissen Kultstatus erreicht und wo sonst sollte man diesen feiern, als auf einem neuem mobilen Spielgerät? Atari Collection 1 & 2 fallen insofern aus unserer Sicht eher unspektakulär aus. Nice to have, hätten wir aber nicht gebraucht.

Die Interplay Collection 1 & 2 präsentieren Titel aus der 16-Bit-Ära, und die meisten Spiele haben hier schon deutlich mehr Charakter. Allen voran die beiden Earthworm Jim -Titel haben wenig von ihrem Charme verloren. Der Humor ist immer noch herrlich schräg und die Animationen haben den Zahn der Zeit gut überstanden. Witzig ist auch Boogerman , das damals viele Eltern protestieren ließ. In diesem Jump’n Run spielt man einen Superhelden, bei dem sich alles, nun ja, um Fäkalien dreht. Boogerman beschießt seine Gegner mit dicken Brocken aus seiner Nase oder pustet sie mit einer üppigen Flatulenz vom Schirm. Als Plattformer hält das Spiel nicht mit den großen Klassikern des Genres mit, aber es bleibt eine bizarre Fußnote in der Spielgeschichte. Ein Geheimtipp auf der Sammlung ist übrigens der Puzzle-Plattformer Claymates. Der angestrebte Knetfiguren-Look kommt zwar nicht rüber, aber für geschickte Tüftler, die beispielsweise Lost Vikings mochten, ist das Spiel einen Blick wert. Ähnlich wie bei den nordischen Kollegen wechselt man hier zwischen verschiedenen Charakteren hindurch, um es bis ans Ende eines Levels zu schaffen.

Durch die Bank empfehlenswert sind die Data East Collection und die Technōs Collection 1 , die beide feine Arcade-Action liefern. Bei Technōs gibt’s mit Titeln wie Super Double Dragon oder River City Ransom in feinster Brawler-Manier ordentlich auf’s Maul, während Data East mit Midnight Resistance oder Burger Time auch mal Knobeln und Ballern lässt. In Europa sind die Spiele im Mainstream zwar etwas weniger bekannt, aber sie haben bei Retro-Fans einen hohen Stellenwert. Kein Wunder, dass beide Collections innerhalb kurzer Zeit vergriffen waren. Blaze Entertainment stellt nach eigenen Angaben neue Exemplare her. Sobald sie wieder zu haben sind, legen wir jedem Evercade-Besitzer diese beiden Sammlungen ans Herz. Allein schon für River City Ransom lohnt sich die Anschaffung, denn ein Gebrauchtexemplar des Originals kostet fast genauso viel wie das Starter Pack der Evercade.

Die beiden vielleicht überraschendsten und aus Sammlersicht reizvollsten Zusammenstellungen sind die Mega Cat Studios Collection 1 und Piko Interactive Collection 1 . Beide Publisher konzentrieren sich schon seit einigen Jahren auf die Veröffentlichung von Indie-Spielen und verschollenen Schätzen für Retro Konsolen. Das bedeutet: Titel, die in Zeiten hochmoderner 3D-Grafik trotzdem noch für Mega Drive, NES und SNES entwickelt wurden oder die fast fertig in den Schubladen von Entwicklern schlummerten. Das trifft vor allem auf Piko Interaktive zu, die zum Beispiel mit Canon – Legends of the New Gods (RPG) und Water Margin (Brawler) zwei erstklassige Spiele übersetzt haben, die bis dato nur auf dem südostasiatischen Markt rauskamen. Manchmal erneuern sie auch Lizenzen, wie etwa bei dem grafisch aufwendigen SNES-Actionspiel Jim Power – The Lost Dimension . Seitens Mega Cat Studios sei besonders Tänzer hervorgehoben, ein absolut herausragendes Run’n Gun mit einem außerirdischem Art Style, der an den Amiga-Klassiker Shadow of the Beast erinnert. Die meisten Spiele aus beiden Collections sind auch einzeln als Modulversion erhältlich, von denen jedes aber auch ungefähr 50 Euro kostet und aus dem Ausland importiert werden muss. Auch für diese beiden Sammlungen gibt es von uns eine dicke Empfehlung.

Auf den ersten Blick könnte man die Namco Museum Collection 1 & 2 in eine ähnliche Schublade stecken wie die beiden Atari-Sammlungen, aber auf dem zweiten offenbart sich eine tolle Mischung aus Underdogs und Evergreens. Über Pac-Man , Xevious oder Galaxian wurde schon viel gesagt. Hervorheben möchten wir stattdessen Geheimtipps wie Burning Force . Das war Namco’s Antwort auf Space Harrier und sieht auf den ersten Blick auch so aus: Mit einem Hoverbike (und später einem Raumschiff) fliegt man in bester Railshooter-Manier dem Horizont entgegen, während einem allerhand Gegnerformationen um die Ohren fliegen. Die Grafik besteht aus Pixeln, die perspektivisch skaliert werden. Wir finden Burning Force übersichtlicher und technisch deutlich sauberer als das Gegenstück von Sega. Zudem spielt es sich auf der Evercade mit der direkten Steuerung hervorragend. Ebenfalls toll ist der Horizontal-Shooter Dragon Spirit , in dem man in einem Fantasy-Setting mit einem Drachen auf Highscore-Jagd geht. Ziemlich unbekannt, aber überraschend spaßig ist Weapon Lord , ein frühes Fighting Game. Das ist mit seinem Dark Fantasy-Setting und viel Blut deutlich von Mortal Kombat inspiriert, spielt sich aber eine Spur komplexer. Schade ist hier, dass es keine Netzwerkfunktionalität bei der Evercade gibt. Besonders Fighting Games hätten wir auch gerne zu zweit gespielt. Abschließend sei noch Mappy Kids erwähnt, einem niedlichem Plattformer mit Mäusen, der bisher nur in Japan erschien. Für die Evercade hat man extra eine Übersetzung angefertigt, womit hier die erste lizenzierte Veröffentlichung im Westen vorliegt.

Wir listen hier alle bislang verfügbaren Module auf, unabhängig davon, ob sie aktuell erhältlich sind. Unser Tipp: Wer sie bei deutschen Händlern nicht findet, der sollte bei Amazon UK vorbeischauen und dort suchen.

Die Evercade ist in zwei Ausführungen erhältlich:

  • ein Starter-Pack für 69,99 Euro, in dem die Namco Museum Collection 1 dabei ist
  • ein Premium-Pack für 89,99 Euro, in dem die Atari Collection 1, die Interplay Collection 1 und die Namco Museum Collection 1 enthalten sind

Der Lieferumfang abseits der beigelegten Spiele fällt spartanisch aus: Enthalten ist bloß ein USB-Ladekabel. Wer möchte, kann sich auf der offiziellen Evercade-Seite eine Tragetasche kaufen, die aber vorwiegend für den Handheld mit ein paar Kabel gedacht ist. Die Evercade verfügt über einen HDMI-Mini-Anschluss, mit dem man Spiele auf einem externen Monitor ausgeben kann. Ein passendes Kabel muss man sich ebenfalls selbst zulegen.

Bei der Flut von Emulator-Handhelds, die in den letzten Monaten über uns hereinbrach, stellen wir mit Freude fest: Die Evercade ist kein Schnellschuss. Das Gerät hat zwar kleinere Schwächen bei der Software, aber die Hardware ist robust und das Spiele-Lineup kann sich sehen lassen. Wir sehen hier vor allem eine Möglichkeit für Indie-Entwickler, ihren Nischentiteln eine zweite Chance zu geben.

Die Frage ist bloß, wie groß das neue Publikum bei der Evercade tatsächlich ist. Es spricht eine kleine Nische an, irgendwo zwischen Retro-Sammlern und Handheld-Enthusiasten. Theoretisch gibt es heute zahllose Möglichkeiten alte Spiele auf mobilen Geräten zu emulieren. Wer aber Entwicklern und dem Hobby so Respekt zollen möchte, das nur Lösungen mit offiziellen Lizenzen in Frage kommen, kann sich mit der Evercade aber sicher sofort identifizieren. Da für dieses Jahr noch weitere Compilations angekündigt sind, können wir eine Empfehlung aussprechen.

Tags:

Affiliate-Information

- Bei den mit gekennzeichneten Links handelt es sich um Provisions-Links (Affiliate-Links). Erfolgt über einen solchen Link eine Bestellung, erhält TechStage eine Provision. Für den Käufer entstehen dadurch keine Mehrkosten.