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TCL Plex Test: tolle Technik mit Grotten-Kamera

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Das erste Smartphone, das TCL unter eigenem Namen in Europa vertreibt, soll mit herausragendem Display und spezieller Triple-Cam punkten. Gelingt das dem TCL Plex im Test?

TCL ist in Deutschland wohl nur den wenigsten Menschen bekannt – und das, obwohl das chinesische Unternehmen schon lange Smartphones in Deutschland vertreibt. Allerdings eben unter den Namen Alcatel One Touch und Blackberry. Außerdem baut der Hersteller schon seit Jahren Android-Smartphones für Vodafone, die der Netzbetreiber dann aber auch unter eigenem Namen vertreibt. Nach und nach versucht TCL, dessen Buchstaben inzwischen nicht mehr für „The Chinese Lion“, sondern für „The Creative Life“ stehen, auch in Europa seinen eigenen Namen zu vermarkten. Erfolge feiert das Unternehmen weltweit mit seinen Flachbildfernsehern. Jetzt bringt der Konzern mit dem TCL Plex das erste Android-Smartphone unter eigenem Namen auf den Markt. Statt für ein Highend-Modell als Showcase für seine Leistungsfähigkeit setzt TCL dabei auf ein Mittelklassemodell, das mit einem besonders guten Preis-Leistungsverhältnis punkten will. Ob das in der hart umkämpften Mittelklasse gelingt?

Schick ist es, das TCL Plex, das hätten die Kollegen aus der Redaktion gar nicht gedacht. Und um das Pensum an Wortwitz gleich zu Beginn abzuarbeiten: Einige Kollegen waren geradezu perPlex. Denn – Vorurteil hin oder her – offensichtlich hatte nicht jeder Redakteur dem chinesischen Konzern so ein schickes, aber gleichzeitig unaufgeregtes Smartphone zugetraut. Wobei: Ein Kollege merkte an, dass ihm die „Ölaugen“ auf der kompletten Rückseite nicht gefallen. Er fand das billig, beinahe wie schmutzig. Tatsächlich sieht es unter bestimmten Betrachtungswinkeln so aus, als sei zwischen dem äußeren Glas der Rückseite und einer darunter liegenden Farbschicht Fett oder Öl eingeschlossen, das feine, unregelmäßige Schlieren bildet. Schaut man hingegen direkt im Winkel von 90 Grad auf die Rückseite, sieht man davon nichts. Stattdessen reflektiert die leicht spiegelnde Oberfläche unseres Testgeräts in „Obsidian Black“ dann die Umgebung mal bläulich, mal türkis und mal gelblich grün. Das ist durchaus schick. Der Hersteller spricht hier von „zweiseitiger glänzender Verglasung, schwarzer holografischer Folie und OPVD-Folie auf zweiter Oberfläche” – was immer das auch alles genau heißen soll.

Schickes Spiegeln in irisierenden Farben

Mindestens genauso auffällig ist die Triplecam, die TCL auf einer Linie in ein etwas dunkler abgesetztes Band eingelassen hat. Je ein LED-Blitz flankiert das Trio zu beiden Seiten. Darunter installiert der Hersteller einen quadratischen Fingerabdrucksensor mit abgerundeten Ecken, der auf den ersten Blick einen Tick zu hoch platziert wurde. Nach wenigen Versuchen hat man sich aber daran gewöhnt und trifft den Sensor zuverlässig – zumindest, wenn man große Hände hat. Selbst dann ist das TCL Plex ein ordentlicher Brummer: Mit 162,2 × 76,6 × 8 Millimeter und 192 Gramm Gewicht ist das Gerät noch etwas größer und schwerer als ein Google Pixel 4 XL. Dafür ist aber auch der riesige Touchscreen noch ausladender. Bei so einer Größe hilft dann auch die Form des Gerätes mit ihrer zu den Seiten hin ergonomisch stark gewölbten Glasrückseite, die nur leicht spürbar in einen ebenfalls abgerundeten, eloxierten Kunststoffrahmen übergeht, nicht mehr viel – groß bleibt halt groß. Insgesamt liegt das Plex daher auch für Anwender mit richtigen Pranken nicht mehr so richtig bequem in der Hand und von Einhandbedienung ist (zumindest ohne den speziellen Einhandmodus) auch keine Rede mehr. Das ist aber kein Problem des TCL Plex an sich, sonder aller großen Smartphones.

Die Front wird vom großen Display beherrscht, die Ränder drumherum sind bis auf den unteren Bereich sehr schmal. Dort kommt der Rand auf rund einen halben Zentimeter – ganz kann auch TCL die Mitteklasse-Gene des Plex nicht verstecken. Dafür greift der Hersteller für die Frontkamera nicht auf eine einfache Notch zurück, sondern eine Punchhole Notch, also ein ausgestanztes Loch im Screen, das keine Verbindung zum Rahmen aufweist. Das befindet sich nicht mittig am oberen Display-Rand, sondern im oberen linken Eck. Dank schlau aufgebauter Original-Hintergründe mit dunkleren Bildbereichen im oberen linken Bereich fällt die Frontkamera kaum auf.

Die "Ölaugen" sind mit der Kamera schwer zu fokussieren

An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen, außer dass der Übergang von Glas zu Rahmen auf beiden Seiten hätte ruhig etwas weniger spürbar ausfallen dürfen. Ungleichmäßige Spaltmaße oder sonstige Ungenauigkeiten sind nicht zu sehen, die Tasten – auch die Sondertaste auf der linken Seite – lassen sich sehr gut bedienen.

Das Kind braucht einen Namen, und der sollte nach Meinung von Marketing-Experten offenbar besonders cool klingen. Entsprechend nennt TCL den Screen beim Plex-Smartphone Dotch LCD – wohl angelehnt an den Begriff Notch. Der Screen misst 6,53 Zoll in der Diagonalen im 19,5:9-Format und beherbergt 2340 × 1080 Pixel, was einer Bildschärfe von 395 Pixel pro Zoll entspricht. Das ist scharf. Auch in den anderen Disziplinen überzeugt das Display des TCL Plex. Die Helligkeit liegt bei gemessenen 400 cd/m² – ordentlich in dieser Preisklasse, wenn auch absolut gesehen nicht herausragend. Für mehr muss der Nutzer dann aber auch einiges mehr ausgeben.

Gut gefallen haben uns Farben und Kontraste, die für ein LCD recht ausgeprägt sind. Das liegt unter anderem an der NXTVISION genannten Technik von TCL, die unter anderem auf Wunsch SDR-Inhalte zu HDR-Inhalten aufwertet und die Darstellung insgesamt verbessert. Die Einstellung Adaptiver Ton passt zudem den Inhalt an das Umgebungslicht an, einen Blaulichtfilter gibt es natürlich auch. Wie bei LCDs typisch wird der Screen etwas dunkler, sobald man aus flachen Blickwinkeln draufschaut. Ein echtes Always-on-Display ist nicht vorhanden.

TCL baut eine erstaunlich komPlexe Kamera mit drei Objektiven ein. Komplex deshalb, weil sie für normale Weitwinkelaufgaben, für Superweitwinkelaufgaben und für Restlichtaufnahmen zuständig sind – letzteres gibt es normalerweise nicht. Dafür setzt TCL auf Sensoren mit 48, 16 und 2 Megapixel und greifen auf Blenden mit f/1.8, f/2.4 und wieder f/1.8 zurück. Die Sensoren sind 1 /2- 1/3- und 1 /2,8 Zoll groß, das ergibt Pixelgrößen von 0,8-, 1- und 2,9 µm – insgesamt sind das keine schlechten, aber auch keine überragenden Werte, sofern man von der kleinen Restlicht-Linse mit 2 Megapixel absieht. Auffällig sind die beiden LED-Lampen, die als Blitz eingesetzt werden können. Die Frontkamera hat stolze 24 Megapixel.

Die Kamera macht optisch einiges her

All die Zahlen und Werte nützen aber nichts, wenn das Ergebnis hinter nicht stimmt. Beim TCL Plex stimmt es halbwegs – zumindest in Relation zum Preis geht das in Ordnung. Allerdings auch nur bei ausreichend Licht. Nachtaufnahmen sind im Automatikmodus grottenschlecht. Grobe Pixel und Bildrauschen sind sichtbar, soweit das Auge sieht, sofern es der Nutzer nicht gleich wieder entsetzt abwendet. Auch der sogenannte Super Nachtmodus ist nicht viel besser. Zwar werden die Aufnahmen hier durch weniger Bildrauschen verunstaltet, doch auch solche Bilder sehen aus, als seien sie mit viel niedrigerer Auflösung aufgenommen worden. Da klingen die Versprechungen des Herstellers auf der Seite zur Kamera des TCL Plex beinahe wie Hohn, heißt es hier doch: „Dank der Restlichttechnologie für Fotos und Videos des TCL PLEX kannst Du sie [tolle Momente] selbst bei Dunkelheit mühelos festhalten.“ Spötter könnten natürlich anmerken, dass nur von der Möglichkeit der Aufnahme die Rede ist, nicht aber von ordentlicher Bildqualität. Gemeint haben dürfte der Hersteller aber genau das, zumal TCL später „erstklassige Fotos auch im Dunkeln“ verspricht. Auch die angepriesenen Dauerbelichtungen fallen beim Plex ernüchternd aus. Wer dadurch eine signifikante Verbesserung der Bildqualität erwartet, wird enttäuscht. Einziger Nutzen ist das Aufnahmen von Lichtspuren. Das funktioniert sehr gut, bei der restlichen Bildqualität ist das dann aber auch kein Trost mehr und Nutzer bekommen hier bestenfalls einen KomPlex, statt gute Bilder.

Da hat TCL noch eine Menge Arbeit vor sich. Dabei dürfte es sich vorwiegend um Programmieraufwand handeln, denn Tageslichtaufnahmen sind klar besser und an der Hardware liegt es offenbar nicht. Bei gutem Licht sind Farben intensiv, Kontraste ausreichend und die Bildschärfe ebenfalls noch in Ordnung. Damit kommt TCL zwar nicht an deutlich teurere Phones heran und auch einige ähnlich teure Konkurrenten wie etwa ein Xiaomi Mi 9 SE (Testbericht) machen bessere Bilder, doch für die Mittelklasse passt das schon. Zu weit hereinzoomen sollten Nutzer anschließend aber nicht. Auffällig: Auch in voller 48-Megapixel-Auflösung sind Bilder nicht viel schärfer als 12-Megapixel-Aufnahmen mit Pixel Binning, der Mehraufwand an Speicher lohnt sich also nicht. Weitwinkelaufnahmen sind zwar etwas weniger scharf, der Unterschied ist aber noch zu verkraften. Hier überwiegt der Vorteil des größeren Blickwinkels eindeutig vor der niedrigeren Bildschärfe. Zoom an Smartphones sollten Nutzer auch nicht verwenden. TCL platziert zwar direkt einen Button für 2-fachen Zoom neben dem Button für Weitwinkel und – nette Idee – einem Button, über den Nutzer gleichzeitig alle drei Brennweiten gleichzeitig dargestellt bekommen. Doch dieser digitale Zoom ist beim Plex schlechter, als eine spätere Vergrößerung am PC. Das ist ein Fehler, den viele Smartphones mit aufkommenden Dualkameras hatten. Vor drei Jahren ...

Videos lassen sich mit dem Plex maximal in 4K mit 30 Bildern pro Sekunde aufnahmen. Auch hier verspricht der Hersteller herausragende Nachtaufnahmen, kann seine Versprechungen aber nicht ansatzweise halten. Zum schlechten Bild mit schwankendem Weißabgleich und matschiger Bildqualität kommt dann auch noch mieser Ton – absolut enttäuschend.

Die Kamera des TCL Plex ist nur bei viel Licht kein Totalausfall, hier bietet das Smartphones immerhin ausreichendes Mittelklasseniveau. Von den Versprechungen, hervorragende Nachtaufnahmen bei Fotos und Videos zu ermöglichen, ist das erste Smartphones des Herstellers so weit entfernt, wie die Menschheit von der Ausrottung von Hunger und Krebs. Das ist gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass TCL mit diesem Produkt auf sich aufmerksam machen und sich am Smartphone-Markt etablieren möchte, höchst verwunderlich.

Bei der restlichen Ausstattung macht es TCL besser. Das Plex wird vom kräftigen Snapdragon 675 mit acht Kernen angetrieben, der von 6 GByte RAM unterstützt wird. Als Datenspeicher stehen 128 GByte zur Verfügung, der sich per Micro-SD-Karte um bis zu 256 GByte erweitern lässt. Damit erreicht das Smartphone im Alltag sehr gute Bedienbarkeit, Ruckler oder Hakler kommen so gut wie gar nicht vor und selbst im Antutu-Benchmark erreicht das Gerät stramme 212.000 Punkte. Das ist mehr Leistung, als in diesem Testprogramm vor einem Jahr das damalige Topmodell Huawei P20 Pro erreichte und ziemlich nah an dem Wert, den das Xiaomi Mi 9T (Testbericht) schaffte. Auch 3D-Spiele sind damit kein Problem.

Auch bei der restlichen Ausstattung bietet das TCL Plex in allen Bereichen mindestens Mittelklasse-Technik. Dazu gehört WLAN ac mit 2,4 und 5 GHz, LTE mit Cat 6 (bis 400 MBit/s im Download), UKW-Radio, 3,5-Millimeter-Kopfhörerbuchse, USB Typ C (2.0) und Bluetooth 5.0. Highlight dabei: Gleich vier Headsets dürfen Nutzer gleichzeitig mit dem Plex per Bluetooth koppeln, da steht dem Einsatz als Mini-Silent-Disco nichts mehr im Wege. Der rückseitig eingebaute Fingerabdrucksensor arbeitete im Test zuverlässig und schnell. An Software kommt auf dem Smartphone Android 9 zum Einsatz, ein Update auf Android 10 soll folgen. Der Sicherheits-Patch unseres Testgerätes war vom 1. Oktober, also noch nicht zu alt.

Der Akku des TCL Plex leistet 3820 mAh, die dank Schnellladetechnik in etwas mehr als 1,5 Stunden wieder voll aufgeladen werden kann. Fast 4000 mAh klingen nach viel, im Alltag dürften die meisten Nutzer aber dennoch am Abend des zweiten Tages nachladen müssen. Im Dauerbetrieb hält das TCL-Smartphone im Battery Test von PCmark etwas über 8 Stunden durch, das ist ordentlich. Kabelloses Laden gibt es nicht.

Das TCL Plex ist in den Farben Schwarz und Weiß erhältlich, alle Varianten haben 6 GByte RAM und 128 GByte internen Speicher. Zum Testzeitpunkt kosteten die Modelle immer noch den vollen Preis von knapp 330 Euro.

TCL Plex obsidian black

TCL Plex Schwarz

TCL Plex opal white

TCL Plex Weiß

Beim Kennenlernen fremder Menschen kommt es auf den ersten Eindruck an. Je besser der ist, desto wahrscheinlicher ist gegebenenfalls ein weiterer Kontakt. Auch beim ersten Smartphone, das der chinesische Hersteller TCL in Europa unter eigenem Namen verkauft, ist das ähnlich: Es zählt der erste Eindruck und die daraus entstehende Wahrnehmung bestimmt das weitere Interesse an dessen Produkten. Umso unverständlicher ist es, dass TCL bei der Kamera eine derartige Baustelle auf den Kunden loslässt.

Nachtaufnahmen sind wortwörtlich ein Bild des Grauens – das mag zu Halloween passen, zu den restlichen 364 Tagen des Jahrs hingegen nicht. Tageslichtaufnahmen sehen da schon deutlich besser aus, auch hier muss der Hersteller aber noch mal ran, denn ein Erstlingswerk muss überzeugen. Dafür passt aber zu viel nicht.

Das ist doppelt schade. Eben als Erstlingswerk, aber auch, weil das TCL Plex ansonsten durchaus zu gefallen weiß. Das Design ist schick und hochwertig, die Technik mit starkem Prozessor, viel Speicher für die Mittelklasse und mehr oder weniger ausdauerndem Akku absolut auf der Höhe der Zeit. Der Preis stimmt auch. Eine Empfehlung können wir dennoch bei den desaströsen Ergebnissen von Fotos und Videos bei schwachem Licht nicht aussprechen. Schade: Der Ersteindruck wird dadurch dermaßen verhauen, dass es der Hersteller mit einem Nachfolger schwer haben wird. Dabei gäbe es eigentlich nur einen möglichen Namen für das zweite Plex: DuPlex.

Lohnenswerte(re) Alternativen sind derzeit Smartphones wie das Xiaomi Mi 9T (Testbericht), Huawei P30 Lite (Testbericht), Xiaomi Redmi Note 8 Pro (Testbericht) oder das Xiaomi Mi 9 SE (Testbericht).

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