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Surface Earbuds im Test: Microsoft mit Mut zum Design

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Mit den riesigen True Wireless Kopfhörern beweist Microsoft Mut zum außergewöhnlichen Design. Der Test verrät, ob sie auch einen großen Klang produzieren.

True Wireless Kopfhörer sind vor allem seit dem Erscheinen der Apple Airpods 1. Gen (Testbericht) ein absoluter Verkaufsschlager. Mittlerweile gibt es die Apple Airpods 2. Gen (Testbericht), aber auch andere Modelle wie die Samsung Galaxy Buds+ (Testbericht) und die Powerbeats Pro (Testbericht) sind beliebte Alternativen. Richtig günstig sind die Airpods-Klone aus China. Alles zum Thema sammeln wir auf unserer Themenseite True Wireless Kopfhörer. Nun steigt Microsoft nach den Over-Ears Microsoft Surface Headphones (Testbericht) mit den Surface Earbuds in den In-Ear-Markt ein.

Mit einem Kopfhörer kann man perfekt zeigen, dass man anders ist. Denn kaum ein technisches Accessoire wird so offensichtlich genutzt. Von diesem Gedanken muss Microsoft bei der Entwicklung der Surface Earbuds besessen gewesen sein. Man darf das Unternehmen beim Design der True Wireless Kopfhörer auf jeden Fall für den Mut beglückwünschen. Fangen wir aber mit der eher unspektakulären Ladebox an. Die längliche Schachtel wirkt fast wie eine Aufbewahrungsbox für Kontaktlinsen. Auf dem glänzenden Weiß des dünnen Deckels prangt ein kleines, graues Microsoft-Logo. An der Rückseite befindet sich der USB-C-Anschluss und an der Unterseite der Reset-Button. Ohne Ohrhörer wiegt die Box 40 g, jeder Ohrstecker bringt noch einmal 7,2 g auf die Waage.

Microsoft Surface Earbuds (10 Bilder)

Beim Öffnen der Box sieht man zwei kreisrunde Scheiben in der Größe von Zwei-Euro-Münzen. Dabei handelt es sich um die Rückseite der magnetisch in der Schale gehaltenen Ohrstecker. Um die Ohrhörer zu entnehmen, wäre ein Druckmechanismus großartig gewesen. Stattdessen hebelt man sie zum Entnehmen mit dem Fingernagel an ihren Kanten hoch. Auch der Klangkörper mit dem Treiber ist außergewöhnlich geformt. Das Ohrstück selbst erinnert ein wenig an einen Fahrradsattel, an dessen Spitze findet sich die große Schallöffnung. Das Ohrpassstück lässt sich abnehmen, um es gegen eine passendere Größe auszutauschen. Die besondere Form hat einen großen Nachteil: Geht ein Passstück verloren, kann man nicht einfach einen x-beliebigen Aufsatz eines anderen Herstellers nutzen. Wir empfehlen zudem, alle mitgelieferten Aufsätze auszuprobieren und vielleicht sogar am Ende unterschiedliche Größen für die Ohrstecker auszuwählen. Wichtig ist, dass es passt, denn die richtige Größe hat durch die ungewöhnliche Bauform eine große Wirkung auf die Klangqualität.

Käufer sollten die beiliegenden Aufsätze alle durchprobieren, um die für sie passenden zu finden.

Die Rückseite der Ohrstücke ist absolut eben, die berührungsempfindliche Oberfläche sieht edel aus – fast so, als wäre sie aus Perlmutt gefertigt. In jedem Earbud stecken zwei Mikrofone, darüber hinaus sind sie mit IPX4 zertifiziert, wodurch sie vor Schweiß und Wasserspritzern gut geschützt sind. Der Tragekomfort ist in Ordnung, auf Dauer kann es aber aufgrund der ungewöhnlichen Bauweise auch mal ein wenig zwicken.

Das Design ist sowohl clean als auch extravagant. Hier wird mit Größe gespielt und gleichzeitig Zurückhaltung gewahrt. Stecken die Kopfhörer im Ohr, könnten sie auch als Modeschmuck durchgehen. Man nimmt kaum wahr, dass es sich um Hochleistungstechnik handelt. Die minimalistische Optik zielt auf einen maximalen Effekt ab und soll wahrscheinlich an hochpreisiges, skandinavisch-kühles Design erinnern. Offenbar sind die schwedischen Möbelhäuser auch in den USA populär.

Die Surface Earbuds gibt es bisher lediglich in Weiß. Im Lieferumfang befinden sich neben dem Ladecase Ohrpassstücke in drei verschiedenen Größen und ein USB-C-Kabel.

Das Ladecase erinnert an eine Aufbewahrungsbox für Kontaktlinsen.

Die Einrichtung der Earbuds gelingt problemlos, für die Bluetooth-Paarung wird einfach der Button auf der Unterseite der Ladebox gedrückt. Sobald die Kopplung erfolgt ist, bestätigt dies eine nette Stimme. Es empfiehlt sich, die Smartphone-App „Surface Audio“ herunterzuladen, denn nur damit lässt sich die Firmware der Earbuds auf den neuesten Stand bringen – und die Sprache der Ansagen ändern. Um die Kopfhörer ins Ohr zu stecken, werden sie leicht ins Ohr gedreht, vergleichbar mit einer Türverriegelung – der Ohrknorpel dient für den länglichen Klangkörper als Haltebolzen. Das hört sich kompliziert an, die Bewegung geht aber im Handumdrehen in Fleisch und Blut über. Dennoch ist das Gefühl beim Tragen ungewohnt, so als würden die Stecker nicht korrekt sitzen. Wir erwischten uns immer wieder dabei, die Ohrhörer noch fester reindrehen zu wollen.

Die Bedienung erfolgt per Touch auf der großen Rückseite der Ohrstecker. Ein doppeltes Tippen auf einer der Seiten startet oder stoppt die Musik. Auch Anrufe werden so angenommen oder abgelehnt. Auf der linken Seite wird vor- oder zurückgewischt, um Songs auszuwählen. Und ein Wisch nach oben oder unten auf der rechten Seite reguliert die Lautstärke. Ein langer Druck aktiviert den Sprachassistenten der Wahl.

Microsoft Surface Earbuds Sceenshots der App (5 Bilder)

Die Bedienfunktionen lassen sich mit der App zwar nicht neu belegen, aber man kann damit immerhin die Touch-Bedienung komplett deaktivieren. Allerdings muss dann das Smartphone als Steuerzentrale dienen. Mit dem Equalizer der App können verschiedene Soundmodi ausgewählt werden, um den Klang an die eigenen Hörgewohnheiten anzupassen.

Die Bedienung ist zwar insgesamt unkompliziert, wir mussten uns dennoch etwas an die hohe Empfindlichkeit der Touchoberfläche gewöhnen. Nach ein paar Fehlgriffen lief es aber wie geschmiert, die große Fläche erlaubt es auch großen Fingern, zielsicher Funktionen aufzurufen.

Die Surface Earbuds bieten neben SBC auch den Highres-Codec aptX. Die Test-Playlist startet mit Am Landwehrkanal von Einstürzende Neubauten. Der Track beginnt im Hintergrund mit leichten Schlägen auf Holzstücken, ganz im 1,2,3-Walzer-Rhythmus eines Abzählreimes. Dann setzt der gut akzentuierte Basslauf ein, nur um gleich vom Gesang Blixa Bargelds unterstützt zu werden. „Das trübe Gewässer, fließt langsam vorbei“ beginnt er heiser seine Zeilen. Es ist eine Ode an Berlin, ein Rückblick auf vergangene Zeiten. Ein Akkordeon setzt ein, die Ballade fließt weiter wie der besungene Fluss, was für ein bisschen Dynamik sorgt. Kurz vor Schluss, wenn die Instrumente verstummen und nur der Gesang zu hören ist, hört man auch endlich die angedeutete Finesse der Earbuds. Es klingt, als wäre man mit Blixa in einem Raum. Es ist allerdings ein kleiner Raum, der Sound will sich nicht recht entfalten. Alles klingt nett und unaufgeregt, die Bässe tun nicht weh, die Höhen sind klar, die Mitten halten den Rest so locker zusammen, wie eine entspannte Kita-Betreuerin die Kinder bei einem Zoobesuch.

Auch Moby hat mal wieder seine Sample-Maschine angeschmissen, viele Sounds verrührt und mit All Visible Objekts ein neues Album zusammenbraut. Morningside heißt der Opener, der gleich mit tiefen Basstrommeln und hohen „Yeahs“ und „Ohs“ von angestrengten Frauenstimmen beginnt. Treibende Synthie-Klänge kommen ins Spiel, links ein bisschen „Hmmmm“ und schließlich ein paar typische Soundeffekte, die von einem Ohr zum anderen wandern. Der Sound, den die Earbuds produzieren, passt zur aktuellen Zeit: Es klingt, als wäre ein Abstandshalter eingebaut. Die Bässe sind zu soft, die Höhen leicht überbetont, die Mitten ausdruckslos. So richtig will der Sound nicht zünden – was nicht nur daran liegt, dass Moby wieder einmal nichts Neues eingefallen ist. Der Club-Sound ohne Ecken und Kanten ist zwar zeitlos langweilig, aber gerade bei so einem sterilen Klang hätten die In-Ears punkten müssen.

Trotz viel des großen Volumens ist der Klang der Microsoft Surface Earbuds eher schmal.

Also schalten wir musikalisch mal einen Gang runter. Bei Jason von Perfume Genius haucht Sänger Mike Hadreas zu Beginn ein paar Falcett-Laute ins Mikrofon. Ein zarter Bass baut das Fundament, im Hintergrund wabern die Keys. Hier klingt es noch fein und ausgewogen, doch dann kommen noch Spinett, Streicher, Schlagzeug und wahrscheinlich all das dazu, was noch im Studio rumstand. Auf jeden Fall zu viel für die Earbuds. Die Differenzierung des Sounds gelingt nicht an jeder Stelle. Der schüchterne Bass schafft es nicht, dem Song wirklich eine Struktur zu verleihen. In den Höhen brechen die Spitzen oft auseinander. An dieser Stelle hätte die Stunde der Mitten schlagen können – aber sie bleiben weitestgehend farblos.

Weiter geht es mit ein paar Takten Americana mit dem Song What’ve I Done to Help von Jason Isbell and the 400 Unit Reunions. Mittig platziert ruft der Sänger mehrfach die Titelzeile, rechts schrabbelt die Akustikgitarre, der Bass sitzt eher links, die Streicher und Drums werkeln im Nacken und die Keys flirren umher. Trotz der Soundfülle lassen sich die Instrumente recht gut orten, aber sie klingen leicht übersteuert. Fast wie in einem Livekonzert, bei dem der Soundtechniker zu oft vor dröhnenden Lautsprechern eingeschlafen ist. Der Bass ist zu lasch, die Spitzen sind teilweise zu schrill. Das musikalische Tohuwabohu ist zu viel für die Earbuds. Also bringen wir zum Abschluss noch mal schnell einen kleinen Zen-Moment auf die Ohren.

Pianist Jon Balke würzt auf The Facilitator seine dahinfließenden Jazz-Melodien mit ab und an schräg klingenden Streichern. Das sorgt musikalisch an den richtigen Stellen für ein bisschen Disharmonie, sorgt aber dafür, dass das Stück nicht in einer klanglich belanglosen Klimperei abdriftet. Die Tastenanschläge sind fein, der Klang reicht fast bis in die Spitzen. Der minimalistische Sound ist für die Earbuds ein Heimspiel. Einen Bass gibt es hier nicht, er wird aber auch nicht vermisst. Die Höhen sind klar, fast klinisch, die Mitten greifen endlich mal durch.

Während die Earbuds bei der Wiedergabe von Musik farblos sind und kaum Eindruck hinterlassen, können sie bei Telefonaten und Videocalls überzeugen: Der Klang ist auf beiden Seiten der Leitung gut. Richtig gut klingen die Kopfhörer bei Podcasts und Hörbüchern. Die Surface Earbuds sind für die Stimme gemacht. Hier würde zu viel Bass eher stören, die leicht antiseptische Sounddarstellung funktioniert hier hervorragend. Bei Videos sind keine Verzögerungen wahrnehmbar, in der Netflix-Serie „After Life“ passten bei Ricky Gervais die Lippenbewegungen zu seiner Stimme.

Laut Hersteller hält der Akku bis zu 8 Stunden durch, im Test konnten wir diesen guten Wert bestätigen. Das Ladecase hat genug Saft für zwei weitere Ladevorgänge, insgesamt wird so ein Akkulaufzeit von bis zu 24 Stunden erreicht. Sind die Akkus von Box und Ohrhörer leer, sorgen zehn Minuten an der Steckdose für bis zu einer weiteren Stunde Laufzeit.

Der UVP liegt bei 220 Euro. Im Vergleich zur Konkurrenz ist der Preis zu hoch – besonders wenn man Wert auf optimalen Klang legt.

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Die Earbuds von Microsoft sind ein optisches Statement, hier hört das Auge mit. Wer diese großen Scheiben im Ohr trägt, demonstriert seinen Mut zu modischen Spielereien. Wir bewundern wiederum den Mut von Microsoft, hier neue Design-Wege zu gehen. Den optischen Hingucker kauft man sich aber mit ein paar Nachteilen ein: Der Tragekomfort ist nicht optimal, die Bedienung sehr sensibel. Doch während man sich bei den Ohrstücken durch verschiedene Aufsätze herantasten kann, lassen sich die Touch-Funktionen nicht neu belegen, sondern per App nur komplett deaktivieren.

So großspurig das Design auch ist: Beim Klang war Schmalhans Küchenmeister. Wohlwollend könnte man auch sagen, dass sich der Minimalismus beim Klang fortsetzt. Der Bass ist mau, die Höhen durchgängig zu überzogen, die zurückhaltenden Mitten hinterlassen wenig Eindruck. Auch die App verspricht viel, aber im Prinzip dient sie nur zur Aktualisierung der Firmware und für ein paar Equalizer-Spielereien. Wer gerne Modeschmuck trägt und wem ein Okay-Sound genügt, der ist mit den Surface Earbuds bestens bedient. Wenn Kopfhörer aber eher durch Klang auffallen sollen, dann lohnt ein Blick auf die deutlich günstigeren Samsung Galaxy Buds+ (Testbericht) und RHA True Connect (Testbericht). Alles zum Thema sammeln wir auf unserer Themenseite True Wireless Kopfhörer.

Übrigens: Alle Test-Tracks sind auf der Spotify-Playlist In the name of the review zu finden.

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