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Sharp Aquos R3 Test: 120 Hz und Top-Chipsatz reichen nicht

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Sharp ist hierzulande vor allem für Fernseher bekannt, mit dem neuen Aquos R3 will er auch seine Smartphones wieder in den Fokus rücken. Beim Preis übertreibt der Hersteller deutlich.

Sharp ist vor allem älteren Nutzern bei Smartphones noch ein Begriff, der japanische Hersteller ist hierzulande aber wohl eher für seine Fernseher bekannt. Außerdem baut Sharp in Europa noch unzählige andere technische Dinge, die vielen Interessenten in Deutschland nicht immer in bester Erinnerung sein dürften. Grund dafür: Nicht überall, wo Sharp draufsteht ist auch tatsächlich Sharp drin. Stattdessen gab und gibt es etliche Lizenznehmer des guten Namens, die in der Vergangenheit leider nicht immer auf Qualität geachtet haben. Das will das „echte“ Sharp aber wieder ändern und sammelt seine Markenrechte Stück für Stück ein. Vollständig abgeschlossen ist der Vorgang erst im Jahr 2021, bis dahin will das Unternehmen aber schon wieder mit Smartphones in Deutschland Fuß fassen. Ursprünglich als erstes Modell, wegen diverser Probleme aber verspätet, schickt der japanische Hersteller, der in seinem Heimatland die Nummer Eins bei Smartphones ist, das Aquos R3 ins Rennen. Es soll mit 120-Hz-Display, Snapdragon 855 und schickem Design punkten.

Was aktuell Rang und Namen hat, setzt auf Glas und Aluminium als Baustoffe für seine Spitzen-Smartphones. Sharp bildet da mit seinem Spitzenmodell Aquos R3 keine Ausnahme und verpasst dem Gerät einen matten Alurahmen und Gorilla Glas 5 auf Front und Rücken. Der Rahmen steht leicht über das sowohl vorn, als auch hinten gebogene Glas hinaus und läuft links und rechts zur Mitte hin spitz zu. Auf Stirn- und Fußseite fehlt diese Akzentuierung, hier findet der Nutzer USB-C-Anschluss, Lautsprecher, 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss und vor allem Antennenfugen aus Kunststoff im Metall. Die sind nicht ganz so bündig wie bei der Konkurrenz eingearbeitet, ein Höhenunterschied zwischen den beiden Materialien ist leicht zu spüren. Außerdem stört der minimale Überstand des Rahmens, der sich recht scharfkantig anfühlt. Ansonsten ist die Verarbeitung aber abgesehen von der dedizierten Google-Assistant-Taste, die einen Trick zu locker im Rahmen steckt, ordentlich. Pluspunkt ist die IP68-Zertifizierung, die Schutz vor Staub und Wasser verspricht.

Die Notch oben ist keine Überraschung, aber ...

Die Rückseite wirkt mit ihrem stark spiegelnden Glas und den nur zwei Linsen der Hauptkamera etwas langweilig, die Front hat der Hersteller hingegen deutlicher aufzuhübschen versucht. Auch hier kommt zu den Seiten hin stark gewölbtes Glas zum Einsatz, wodurch das Aquos R3 trotz des etwas scharfkantigen Rahmens gut in der Hand liegt. Auffällig sind aber vor allem die beiden Notches, die Sharp am oberen und unteren Display-Rand platziert. Das hat so gut wie kein anderes Smartphone. In der oberen Notch steckt wie gewohnt die Frontkamera, die untere Notch beherbergt einen herkömmlichen Fingerabdrucksensor, der sonst nicht mehr in den schmalen Rand unterhalb des Screens gepasst hätte. Das ist zumindest gewöhnungsbedürftig, außerdem ist der Rand um die Frontkameralinse zu breit – das sieht weniger hochwertig als bei manchem Konkurrenten aus. Böse Zungen könnten behaupten, dass das aber ganz gut zum restlichen Design der Front passt, denn im Vergleich zur restlichen Smartphone-Elite sind die Ränder insgesamt, vor allem unter und über dem Display, ohnehin recht breit.

... muss es wirklich auch unten noch eine Notch sein?

Über dem Screen fällt zudem die Integration des Telefonielautsprechers auf, der – je nach Geschmack – auch etwas grobschlächtig daherkommt. Insgesamt wirkt das Sharp Aquos R3 durchaus nicht billig, ganz kann das Modell im Vergleich zu hochpreisigen Modellen der Konkurrenz aber noch nicht mithalten.

Sehr schicker, hochwertiger, aber etwas scharfer Rahmen aus Metall

Der Screen des Sharp Aquos R3 misst ohne Berücksichtigung der gerundeten Ecken 6,2 Zoll. Auf dieser Fläche sorgen 3120 × 1440 Pixel mit 559 Pixel pro Zoll für scharfe Darstellung. Gut gefallen haben uns die starken Kontraste und Farben. Auch die Blickwinkelstabilität ist hervorragend und kommt beinahe an OLED-Panels heran. Möglich macht das die Verwendung eines sogenannten Pro-IGZO-Displays, bei dem die Silizium-Schicht herkömmlicher LCDs durch ein Indium-Gallium-Zink-Oxid-Gemisch ersetzt wird. Der außergewöhnliche Screen versteht sich zudem auf 120-Hz-Wiedergabe, was für eine noch flüssigere Darstellung als bei herkömmlichen Displays sorgt. Neben typischen Anpassungsmöglichkeiten wie einem Nachtmodus mit Blau-Filter und diversen Farbanpassungsmöglichkeiten gibt es unter anderem auch einen Sichtblocker. Er legt automatisch anpassbare Muster über den Display-Inhalt, der Nachbarn unerwünschte Einblicke auf den Screen erschweren sollen. Überzeugend fanden wir dieses Feature aber nicht.

Das Display dürfte heller sein und eine bessere Helligkeitsverteilung haben

Der Screen ist fraglos ein Highlight des Aquos R3, eine Einschränkung gibt es aber: Die Helligkeitsverteilung ist überraschend schlecht und die Leuchtkraft eher durchschnittlich. In den Ecken des Screens konnten wir teilweise nur weniger als 355 cd/m² verifizieren, in der Display-Mitte kamen wir immerhin auf etwa 405 cd/m². Solche Schwankungen sollten bei einem hochwertigen Display nicht in diesem Maße vorkommen. Viele 120-Hz-Screens gibt es aktuell in Smartphones nicht. Zuletzt hatten wir das ROG-Phone 2 (Testbericht) in der Redaktion, das besser abschnitt.

Bei der Kamera folgt Sharp keinen ausgetretenen Pfaden, sondern geht eigene Wege – leider ist das aber weniger positiv, als es zuerst klingen mag. So verfügt das Aquos R3 lediglich über zwei Linsen für Normal- und Weitwinkel und auch die Auflösung ist nicht sonderlich hoch. Die Hauptkamera bietet die geringste Pixelzahl, sie kommt auf 12,2 Megapixel, eine Blende von F/1.7 und 1,4 µm große Bildpunkte. Die Weitwinkelkamera hat 20,1 Megapixel, bietet 125 Grad Sichtfeld, f/2.4 und verwendet Pixel Binning. Fotos damit sind also nur 5 Megapixel groß. Die Frontkamera kommt auf 16,3 Megapixel. Der Hersteller spricht von ProPix2-AI-Reality-Camera – offenbar soll Software die nicht ganz auf Topniveau liegende Hardware wettmachen.

Auch in Zeiten von Computational Photography ist das ohne anständige Basis aber schwierig. Eine solche Basis wäre etwa ein optischer Bildstabilisator gewesen, den gibt es aber im R3 nicht. Bei der Aufnahme von Weitwinkelfotos hat Sharp seit dem ersten Testgerät dazugelernt. Damals machte die KI des Smartphones nach Belieben selbständig Aufnahmen im Weitwinkelformat – und zwar ausschließlich im Videomodus. Klingt abstrus, geklappt hat das damals im Test leider auch mehr schlecht als recht. Aber der Hersteller hat dazugelernt. Unser aktuelles Testgerät verfügt über einen Auswahlbutton für Normal- und Weitwinkelaufnahmen – warum nicht gleich so? Die Option, Fotos während Videos über einen Extra-Button aufzunehmen, funktioniert zwar, dann kommen aber keine Weitwinkel, sondern „normale“ Aufnahmen heraus.

(zu) einfache Kamera

Trotz aller Extravaganzen: Die Fotoqualität ist insgesamt ordentlich. Farben werden sehr intensiv in den Speicher gebannt, Aufnahmen sind ziemlich kontrastreich. Die Bilddynamik geht zwar dank Auto-HDR insgesamt in Ordnung, dürfte aber ruhig etwas stärker ausgeprägt sein. Denn in dunklen Bildbereichen saufen die ansonsten zahlreichen Details etwas zu schnell ab, während helle Bildbereiche zum Ausbrennen tendieren. Auch bei Tag ist leichtes Bildrauschen zu sehen. Abgesehen vom Detailreichtum überzeugt die Bildschärfe. Bei wenig Licht sieht das etwas anders aus, hier lässt die Bildschärfe naturgemäß stark nach und Aufnahmen geraten beim Aquos R3 sehr dunkel. Überraschend gut gelingt dafür der Weißabgleich. Bildrauschen ist wie immer wesentlich stärker als bei Aufnahmen bei Tageslicht auszumachen, hält sich aber auch ohne OIS noch in akzeptablen Grenzen.

Einen Nachtmodus gibt es nicht, zumindest keinen automatischen. Stattdessen verstecken sich zahlreiche Semi-automatische Modi in den AI-Einstellungen, also den Optionen für die Künstliche Intelligenz. Das Problem dabei: Vieles ist einfach nicht selbsterklärend, immer wieder bleibt der Sinn diverser Einstellungen im Verborgenen. Grundsätzlich gibt es vier automatische AI-Einstellungen: Auto-KI, Auto, Handbuch und Portrait. Der Unterschied zwischen den ersten beiden Modi ist nicht ersichtlich, auch die kurzen Erklärungstexte geben keinen weiteren Aufschluss. Hinter dem Modus Handbuch verbirgt sich ein Pro-Modus, bei dem zwar erst einmal alle Einstellungen wie Weißabgleich, ISO, Blendenöffnung und Fokus mit Peaking-Funktion auf Automatik stehen, aber manuell verändert werden dürfen. Die Portrait-Einstellung ist selbsterklärend und erlaubt Aufnahmen mit künstlichem Bokeh, funktioniert aber tatsächlich auch nur, wenn Gesichter zu sehen sind. Hinzu kommen die Modi Scharf, Oberflächlich, Hintergrundbeleuchtung, Nachtbild, Nahansicht und Einfarbig. Sie erlauben jeweils die Anpassung einzelner Einstellungen, letztendlich sind fast alle Effekte dieser Auswahl weitestgehend überflüssig, weil zumindest sehr ähnliche Effekte auch im Pro-Modus erreicht werden können.

Es wurde bereits erwähnt: Die Weitwinkellinse darf inzwischen direkt angewählt werden. Die typische Verzerrung bei so weitwinkligen Aufnahmen wird weitestgehend automatisch herausgerechnet, lässt sich aber auch noch manuell über einen Schieberegler einstellen. Die generelle Videoqualität ist sehr gut, vor allem die Bildstabilisierung hat Sharp richtig gut hinbekommen. Das gilt besonders für Full-HD-Aufnahmen, die im Gegenzug aber Bildschärfe vermissen lassen. In 4K/30 sind Videos wesentlich schärfer, die Bildstabilisierung ist dann aber nicht mehr ganz so gut, wenngleich immer noch ordentlich.

Übrigens speichert das Smartphone immer mal wieder mehrere Bilder mit verschiedenen Ausschnitten, die es für besser als die Originalaufnahme hält. Letztere wird aber immer auch gespeichert.

Bei der Ausstattung des Aquos R3 hat Sharp recht weit oben ins Regal gegriffen. Beim Prozessor geht es derzeit nicht viel schneller, der Qualcomm Snapdragon 855 verhilft dem Oberklasse-Smartphone im Zusammenspiel mit 6 GByte RAM zu Spitzengeschwindigkeiten in allen Lebenslagen. Bei Spielen, vielleicht noch mehr im Browser, bemerkt man zudem einen Unterschied zu Smartphones ohne 120-Hz-Panel. Schnipst der Nutzer eine Internet-Seite auf dem Screen des R3 so an, dass der Text langsam scrollt, so ist er in Bewegung messerscharf zu erkennen. Bei herkömmlichen 60-Hz-Panels, etwa beim hochwertigen Screen des Huawei P30 Pro (Testbericht), erkennt man dann leichtes Verwischen der Buchstaben – die einzelnen Bildpunkte des Panels werden nur halb so oft angepasst wie beim Sharp-Modell.

Davon abgesehen baut der Hersteller aber eher „normales“ Highend ein. Der interne Speicher ist 128 GByte groß und lässt sich per Micro-SD-Karte um bis zu 512 GByte erweitern. Dann nimmt das Smartphone aber keine zweite SIM-Karte mehr auf. 4G gibt es bis Cat. 13, WLAN ac, Bluetooth 5.0, NFC, USB C und A-GPS mit Unterstützung von GLONASS, BeiDou und Galileo. Der unterhalb des Displays positionierte Fingerabdrucksensor funktionierte im Test weitestgehend schnell und zuverlässig.

Als Software setzt Sharp auf Android 10 mit der nur dezent angepassten Sharp UI. Sie bietet einige Add-Ons wie den bereits erwähnten Sicht-Blocker, die Nutzung des Fingerabdrucksensors als Home-Taste, eine Auto-Scroll-Funktion oder eine vom Standard abweichende Art der Screenshot-Erstellung. All diese Erweiterungen sind im Hauptmenü und hinter einem Icon auf dem Homescreen unter der Bezeichnung Aquos Praktische Tools zusammengefasst. Der Sicherheits-Patch stammte bei unserem Testmodell vom Dezember 2019.

Der Akku des Sharp Aquos R3 erscheint schon auf dem Datenblatt mit seinen 3200 mAh nicht überdimensioniert, im Battery Test von PCmark bestätigt sich dieser Eindruck. Schon das erste Testgerät des Herstellers, das noch aus 2019 stammte, erreicht hier nur ein Ergebnis von knapp 8 Stunden, das ist für ein Smartphone dieser Klasse ziemlich wenig. Leider schaffte auch unser zweites Testgerät nicht mehr, sondern mit 6,5 Stunden sogar noch weniger – sollten also tatsächlich zuvor Akkuprobleme bestanden haben, so sind die offenbar trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht gelöst.

Im Alltag bestätigte sich diese Angabe. Realistisch gesehen wird es kaum Nutzer geben, die das R3 nicht jeden Abend an das Ladegerät stöpseln werden. Nur Asketen kommen auf sichere zwei Tage Laufzeit. Das Laden des Akkus dauert etwas mehr als 1,5 Stunden und ist auch kabellos möglich. Dann dauert es natürlich noch einmal etwas länger.

Das Sharp-Spitzenmodell kostete zum Testzeitpunkt ab 729 Euro und war lediglich in der Farbe Schwarz verfügbar.

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Wer auf dem deutschen Smartphone-Markt (wieder) Fuß fassen will, der muss mit Qualität und Preis überzeugen. Beides schafft Rückkehrer Sharp nur bedingt. Klar ist das Aquos R3 recht schick und insgesamt auch ziemlich gut verarbeitet. Aber die vergleichsweise breiten Rahmen rings um das Display und die beiden Notches lassen hierzulande wohl bei den wenigsten Interessenten Euphorie ausbrechen. Der Screen selbst weiß weitestgehend zu überzeugen, allerdings passen Helligkeit samt Helligkeitsverteilung nicht zu einem Spitzen-Phone. Die restliche Hardware ist entweder wie der Prozessor im Spitzenbereich, oder wie der Speicher im oberen Mittelfeld angeordnet.

Auch die Kamera vereint starke Widersprüche in sich. Deren Qualität ist zumindest bei gutem Licht nicht übel, aber auch, wenn Sharp die selbstknipsende, undurchschaubare AI etwas entthront hat, ist die Kamera-App mit ihren undurchschaubaren Modi alles andere als gut gelöst. Für all das verlangt der Hersteller dann auch noch stolze 729 Euro in der UVP und verkennt dabei die Tatsache, dass er zwar in Japan Marktführer, hierzulande aber ein völlig unbekannter Smartphone-Hersteller ist. Dafür ist der Preis einfach um locker 200 Euro zu hoch. Und selbst bei 500 Euro müsste sich das Sharp Aquos mit Konkurrenz wie einem Oneplus 7 (Testbericht) in der kleinsten Speicherkonfiguration oder Samsung Galaxy S10e (Testbericht) herumschlagen und hätte wegen der verspäteten Auslieferung einen sehr schweren Stand – schließlich sind die Konkurrenten längst deutlich im Preis gefallen.

Das Sharp Aquos R3 zeigt eindrucksvoll, dass alte Pfade nicht immer schlecht sein müssen – vor allem dann nicht, wenn jemand offenbar nur neue Wege einschlägt, um sich vom Rest zu unterscheiden. Das ist beim R3 nämlich mehr oder weniger in die Hose gegangen. Wer unbedingt knapp 730 Euro auf den Ladentisch legen will, der sollte lieber einen Blick auf Samsung Galaxy Note 9 (Testbericht), Samsung Galaxy S10+ (Testbericht), Huawei P30 Pro (Testbericht) oder Oneplus 7 Pro (Testbericht) in der größten Speicherkonfiguration werfen – in allen genannten Fällen bekommt der Nutzer ein runderes Gesamtpaket als beim R3. Für deutlich unter 400 Euro bekommt man derzeit sogar schon ein Xiaomi Mi 9T Pro (Testbericht), dessen Ausstattung dem Sharp-Modell ziemlich ähnelt, bei dem aber die Kamera deutlich besser ist.

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