Samsung Smartthings: Toller Ansatz mit Fehlern | TechStage
TechStage
Logo Qwant

Ein Angebot von

Samsung Smartthings: Toller Ansatz mit Fehlern

von  // 

Samsung baut Smartphones, Fernseher, Küchengeräte und vieles mehr, mit Smartthings soll all das jetzt zum Smart Home vernetzt werden. Das klappt nicht immer.

Smart Home ist – wenn es denn mal richtig läuft – praktisch. Aber wenn man von den typischen Funksystemen redet, die einfaches Nachrüsten in Bestandsimmobilien versprechen, befindet sich die Branche trotz großer Fortschritte immer noch auf einem Niveau, das Smart Home auch zwangsläufig zu einem Hobby macht. Denn dazu gehört viel Rumprobieren, Neuanlernen von Sensoren und Aktuatoren und in Foren nach Antworten für Probleme schnüffeln. Einfach mal eben sein Haus „versmarten“ funktioniert schlicht und ergreifend nicht einfach so und kostet neben viel Geld auch einiges an Nerven.

Samsung will das mit seinem Smart-Home-Ansatz namens Smartthings ändern. Hier versprechen Name und Knowhow des riesigen Konzerns sowie die Abdeckung der drei wichtigsten Smart-Home-Standards Bluetooth, Zigbee und Z-Wave endlich vernünftige Kompatibilität und einfache Nutzbarkeit. Ob der Hersteller die hohen Erwartungen erfüllen kann?

Samsung will eigene Produkte und Devices von Fremdherstellern zusammenbringen, sofern diese auf die genannten drei Standards setzen. Als Bindeglied dient dafür das Smartthings Hub V3 für rund 90 Euro. Das wird entweder per LAN oder WLAN an das heimische Netzwerk angeschlossen, die Verwendung von WLAN erlaubt dabei eine erfreulich freie Aufstellung im Raum – auch abseits der Internet-Dose. Als nächstes benötigt der Smartthings-Interessent nur noch die kostenlose Smartthings-App, die es für iOS und Android gibt. Darin verwenden alte Samsung-Hasen ihren Samsung-Account zum Loslegen, alle anderen erstellen einen neuen, ebenfalls kostenlosen Account.

Das Samsung Smartthings Hub kann per LAN oder WLAN angeschlossen werden

Als nächstes kommt das Anlernen diverser Gerätschaften, Sensoren und Aktuatoren. Derzeit unterstützt Smartthings rund 600 Unterhaltungs- und Haushaltsgeräte von Samsung, darunter Saugroboter, Kühlschränke, Fernseher und Waschmaschinen, deren Herstellungsdatum normalerweise nicht vor 2016 liegen sollte. Je nach Gerät können diese in Regeln eingebunden werden – der kompatible Fernseher zeigt dann etwa beim Läuten an der Tür das Live-Video der eingebundenen Türklingel und der Samsung-Saugroboter fährt los, sobald niemand mehr im Haus ist. Entsprechende Informationen kommen von den aktuell gerade einmal vier Sensoren (Wassersensor, Strommesser, Bewegungsmelder und Fenster/Türsensor) oder über den Samsung Button. Die Samsung-Sensoren erfüllen dabei meist mehrere Aufgaben. So erkennt der Fenster/Türsensor nicht nur den Öffnungszustand, sondern ebenfalls Vibration und erlaubt so das Erkennen von Anklopfen. Außerdem misst er wie auch die anderen Sensoren gleichzeitig die Temperatur – auch solche zusätzlichen Infos können in Regeln verwendet werden.

Zu den Samsung-Geräten kommen rund 300 Devices von Drittherstellern, zu denen viele bekannte Anbieter wie Philips Hue, Ikea Tradfri, Sonos, Bose, Netatmo, Ring oder Fibaro gehören. Allein das Zahlenverhältnis (600 eigene Produkte, 300 andere) gibt einen ersten Fingerzeig darauf, dass Samsung eigentlich in erster Linie seine eigenen Produkte an den Mann oder die Frau bringen will oder noch ziemlich am Anfang steht. Das Einbinden eigener Produkte ist natürlich nicht verwerflich, die erhoffte Universallösung, die endlich auf freie Standards setzt und daher als Bindeglied für nahezu alle Smart-Home-Produkte dienen kann, ist Smartthings aber offensichtlich doch (noch) nicht.

Das wird spätestens beim Einbinden neuer Geräte klar. Das klappt entweder ganz einfach über das Scannen eines QR-Codes auf den Samsung-Modellen mit der Smartthings-App oder über die manuelle Suche nach Gerätetyp oder Hersteller. Dann werden diverse Produkte angezeigt, allerdings längst nicht alle. Grund: Zwar setzt Samsung auf die genannten Standards Bluetooth, Zigbee und Z-Wave, dennoch müssen Hersteller ihre Geräte erst eine Art Zertifizierung durchlaufen lassen, um in der App direkt anlernbar zu sein. Das hat für den Nutzer und für Samsung den Vorteil, dass dann die korrekte Funktionsweise gewährleistet ist. Das bedeutet aber auch, dass längst nicht klar ist, ob das eigene, bereits im Besitz befindliche Smart-Home-Device auch tatsächlich mit Smartthings harmoniert, nur weil der Hersteller als kompatibel angegeben wird. Besonders für Wechselwillige, die bereits eigenes Equipment besitzen, ist das nervig und unübersichtlich.

Aber es kommt noch besser. Beispiel Fibaro Sensor: Die Golfball-großen Multisensoren, die unter anderem Temperatur, Bewegung, Erschütterung und Helligkeit messen und zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten bieten, werden in der Smarttings-App sogar zur direkten Einbindung angeboten. Dafür sollen die Z-Wave-Geräte in den Einbindungsmodus versetzt und anschließend erkannt werden. Schade, dass Samsung hier nicht auch gleich erklärt, wie der Einbindungsmodus aktiviert wird – bei Ikea-Leuchtmitteln wird schließlich auch direkt in der Smartthings-App sechsmaliges An- und Ausschalten beschrieben. Davon abgesehen verläuft die Einbindung dann aber problemlos – bis man die Geräte verwenden möchte.

Der Fenster- und Türsensor von Samsung misst zusätzlich Erschütterung und Temperatur

Wir haben vier der baugleichen Sensoren einzubinden versucht: Zwei Geräte zeigten anschließend Bewegung, Beschleunigung, Beleuchtungsstärke, Temperatur und Batteriestatus (offenbar falsch da immer 100 Prozent) an, erlaubten aber keinerlei Zugriff auf Einstellungsmöglichkeit wie Erkennungssensibilität bei Bewegung oder Blindtimes. Die anderen beiden baugleichen Geräte zeigten anfangs ebenfalls Beleuchtungsstärke, Temperatur und Batterie (offenbar richtig) an, erkannten aber angeblich keine Bewegung, zeigten statt Beschleunigung eine Modifikationswarnung an und erlaubten immerhin Zugriff auf 15 der rund 40 Einstellungsmöglichkeiten, die der Sensor bietet – darunter die wichtigsten.

Testweise am Schreibtisch aufgestellt zeigte sich durch den extrem hohen Energieverbrauch schnell, dass Bewegungen sehr wohl erkannt wurden – in Zeiten von Homeoffice wegen Corona waren die Sensoren offenbar im Dauereinsatz und die speziellen CR23-Batterien damit nach wenigen Wochen leer. Nach dem Wechsel der Batterien löste sich zumindest das Problem mit der Bewegungserkennung. Neueinbinden als Fibaro Sensor oder als generelles Z-Wave-Gerät brachte zuvor hingegen keine Änderung – das funktioniert bei den meisten Geräten aber ohnehin nur sehr eingeschränkt, weil dann eben nicht alle Funktionen von Z-Wave-Geräten zur Verfügung stehen und etwa Thermostate bisweilen nur als Schalter erkannt werden.

Der Samsung-Feuchtigkeitsmesser erkennt Wasser oben und unten gleichermaßen

Eine Erklärung für die unterschiedliche Erkennung hat leider auch Samsung nicht – das zeigt einerseits, wie schwierig offenbar die korrekte Integration von Fremd-Hardware in ein System wie Smartthings ist, bekräftigt aber auch die eingangs beschriebene Unausgereiftheit der am Markt befindlicher Funk-Smart-Home-Systeme. Ein Erklärungsversuch waren unterschiedliche Firmwares auf den Sensoren und natürlich könnten auch (Teil)Defekte das unterschiedliche Verhalten ausgelöst haben. Smartthings soll aber angeblich Firmware-Updates auch für Fremdgeräte unterstützen, außerdem funktionierten alle vier Sensoren in einem anderen System (Zipato Zipabox) zuvor korrekt.

Außerdem sollte das nicht das einzige Problem während des mehrwöchigen Tests bleiben. So funktionierte eine ins System integrierte Arlo-Kamera anfangs problemlos und erlaubte sogar die Verwendung der ohrenbetäubenden Sirene der Arlo-Station in Regeln als Alarmanlage. Nach den ersten Wochen wurden Kamera und Basisstation aber in der Smartthings-App nur noch als offline angezeigt. Eine Überprüfung per Arlo-App belegte hingegen stets die Erreichbarkeit der Kamera. Mit Samsung-Sensoren hatten wir diese Probleme übrigens nicht.

Weitere Vorkommnisse: Immer wieder unterrichtete uns die Smartthings-App per Push-Nachricht darüber, dass das Hub für einige Minuten vom Netz getrennt war. Ein Grund dafür war nicht auszumachen, meist passierte das nachts. Zusätzlich kam es einmal vor, dass Regeln ausgelöst, aber nicht mehr beendet wurden. Ein Neustart des Hubs brachte keine Besserung, nach einigen Stunden war der Spuk wieder vorbei. Außerdem gab es ebenfalls ein Mal starke Verzögerungen von mehreren Sekunden zwischen Auslösen und Umsetzen von Regeln. Auch das legte sich nach kurzer Zeit wieder. Unterm Strich belegt das durchaus den ein- oder anderen Schluckauf, den Samsungs Smartthings noch hat, eine hundertprozentige Verlässlichkeit bietet das System derzeit noch nicht.

Der Bewegungsmelder von Samsung misst zusätzlich Temperatur und lässt sich dank Kugelgelenk perfekt ausrichten

Positiv zu vermerken ist hingegen, dass es im Laufe der mehrwöchigen Testphase nicht zu Verlangsamung des Systems kam – das haben wir mit anderen Systemen wie der Zipabox oder Homee schon anders erlebt, hier half dann meist nur ein Neustart des Systems. Auch waren – abgesehen von dem Problem mit den Fibaro-Sensoren und der Arlo-Kamera – die auftretenden Fehler selten und zeitlich begrenzt, sodass Smartthings eine Grundstabilität durchaus bescheinigt werden kann.

Ebenfalls suboptimal gelöst: Die Einbindung von Sprachassistenten. Grundsätzlich unterstützt Smartthings neben dem Samsung-eigenen Bixby auch Amazon Alexa und Google Assistant. Dabei lassen sich zwar in der App Räume und Lichtergruppen definieren, diese Informationen werden aber nicht an die im Test verwendete Alexa weitergegeben. Stattdessen tauchen dort alle Leuchtmittel einzeln auf – das waren im Testumfeld allein 14 Osram- und Ikea-Spots in drei Zimmern, zudem 6 Philips-Hue und Innr-Leuchtmittel in zwei Lampen – alle über die Hue-Bridge eingebunden, an Smartthings weitergereicht und dort auch gruppiert.

Alle Bilder zu Samsung Smartthings (8 Bilder)

Ein gleichzeitiges Anschalten per Sprache war entsprechend nur möglich, wenn zuvor in der Alexa-App die gleiche Gruppierung wie in der Smartthings-App bereits geschehen noch einmal eingerichtet wurde – doppelte und frustrierende Arbeit, die zudem schnell zu Verwirrung führen kann: Wie hieß die Lampe nochmal in Smartthings und wie in der Alexa-App? Außerdem kam es zumindest bei zwei Osram-Lightstrips öfter vor, dass sie per Sprachbefehl aus- oder eingeschaltet wurden, ihr Status aber in der App falsch angezeigt wurde. Alle anderen Leuchtmittel gaben den richtigen Status an. Wenn dann noch der immer mal wiederkehrende Alexa-Satz „ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist“ zu hören ist und einzelne Lampen doch wieder nicht geschaltet wurden, ist die Verwirrung komplett. Denn herausfinden, ob es dann an Alexa oder Smartthings liegt, ist kaum möglich.

Während bislang schon viel negatives anklang, hat Samsung für seine Smartthings-App überwiegend Lob verdient. Sie ist grundsätzlich übersichtlich und leicht zu bedienen, gerade das Einrichten von Regeln und Szenarien ist kinderleicht. Grundsätzlich landet der Nutzer auf dem Homescreen, der alle verbundenen Geräte nach Räumen und Lichtergruppen aufgeteilt auflistet. Was anfangs noch übersichtlich erscheint, wird mit zunehmender Device-Zahl schnell unüberschaubar und man wünscht sich einen vorgeschalteten Raum- oder sonstigen Filter. In unserem Testszenario umfasste der Homescreen schnell eine scrollbaren Darstellung, die sechs vollen Screens entsprach.

Davon abgesehen ist alles simpel gehalten: Oben rechts dürfen Nutzer über ein Plus-Zeichen neue Geräte, Räume, Lichtergruppen, Voice-Assistenten, Szenarien, Regeln oder Mitglieder anlegen. Auch SmartApps, also Vorlagen und Ideen für Regeln finden sich hier. Über ein Hamburger-Menü (drei übereinander angeordnete Striche) oben links auf dem Homescreen dürfen Nutzer auf bereits bestehende Regeln, Geräte und so weiter zugreifen, außerdem auf den Verlauf von Aktionen und Nachrichten. Zudem liefert Samsung hier Hilfestellung in Form von Anleitungen und Hinweisen. Auch eine direkte Kontaktaufnahme ist hier möglich – das wars.

Alle Bilder aus der Smartthings-App (24 Bilder)

Regeln lassen sich wie angedeutet leicht und logisch anlegen und erlauben dabei trotzdem überraschend große Komplexität. Als Auslöser dienen Zeit, Gerätestatus, Mitgliederstandort oder der Standortmodus. Bei der Zeit lassen sich Start- und Endzeiten (auch Sonnenauf- und Untergang) festlegen, außerdem Zeiträume und Wochentage. Unter Gerätestatus werden alle möglichen Stati der verbundenen Devices angegeben. Beherrscht ein Gerät mehrere davon, dürfen die alle der Reihe nach angesprochen werden. Dabei entscheidet der Nutzer, ob alle oder nur eine Voraussetzung erfüllt sein muss. Nach dem Festlegen des Auslösers der Regel wird anschließend bestimmt, welches Gerät wie reagieren soll, ob jemand benachrichtigt oder ob der Standortmodus geändert werden soll. Die Einzeleinstellungen sind dabei umfangreich - RGB-LEDs erlauben etwa die Festsetzung von Farbtemperatur, Farbe und Helligkeit, Sensoren Zugriff auf diverse Angaben wie Umgebungshelligkeit, Feuchtigkeit, Stromverbrauch, Bewegung und einiges mehr.

Diese "wenn -> dann Logik" ist super einfach, aber noch ausbaufähig. Größtes Manko: Auslöser können immer nur komplett gleichzeitig oder komplett einzeln verwendet werden. Möchte ich also in einem langen Flur mit zwei Bewegungsmeldern abhängig von der Helligkeit Licht einschalten lassen, ist ein "Wenn Licht > 50 Lumen UND Bewegungsmelder 1 ODER Bewegungsmelder 2 Bewegung bemerkt DANN schalte Licht an" nicht möglich - entweder alles auf UND, oder alles auf ODER. Hier sollte Samsung schnell nacharbeiten.

Licht und Schatten – das fasst Samsung Smartthings leider treffend und gleichzeitig nichtssagend zusammen. Die (vielleicht übertriebenen) Erwartungen, Samsung könne endlich die einzelnen Insellösungen der Hersteller zusammenführen oder zumindest Geräte, die auf eigentlich offene Standards setzen, unter einem Dach vereinen, werden nicht komplett erfüllt. Stattdessen müssen die Hersteller ihre Devices doch wieder von Samsung „abnehmen“ lassen – ein Vorgang, der zumindest für ältere Modelle kaum noch umgesetzt werden dürfte. Wer dann seine Heizkörper zuvor auf günstige Z-Wave-Thermostate umgestellt hatte (Beispiel Eurotronic Comet) und sie jetzt in Smartthings nutzen will, schaut in die Röhre und darf teure Neuanschaffungen tätigen. Dass die dann am besten gleich von Samsung oder Partnern stammen sollen, ist zwar aus Sicht des Herstellers nachvollziehbar, für den frei denkenden Nutzer aber ärgerlich.

Letztendlich bietet Samsung ein recht günstiges System an, dessen wenige direkte Samsung-Sensoren ebenfalls ausreichend preiswert sind. Die Einbindung weiterer Hersteller und vor allem Produkte ist ausbaufähig, dann steht es um Smartthings gar nicht so schlecht. Denn schon jetzt punktet das System mit einer gelungenen Mischung aus Einfachheit gepaart mit ausreichender Komplexität, die dem Normalnutzer kaum Wünsche offenlassen dürfte. Auch die Grundstabilität ist zufriedenstellend.

Ob die beschriebenen Probleme mit einzelnen Fremdhersteller-Geräten auch mit einem neuen Smartthings-Hub bestehen bleiben, werden wir nachliefern. Wegen Corona erreichte uns ein Ersatzgerät leider zu spät für diesen Artikel.

Einloggen, um Kommentare zu schreiben