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Retrokonsole RK2020: China-Kopie im Test

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Kleiner, handlicher und bereits zusammengebaut: Das RK2020 ist eine schmalere Version des Odroid-Go Advance. Wir zeigen im Test, ob das Plagiat genauso leistungsfähig ist.

Auf einmal schossen sie aus dem Boden: Dubiose Emulator-Handhelds, vorwiegend in China produziert. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Schließlich wird die meiste Verbraucherelektronik in chinesischen Fabriken gefertigt, von Edel-Handys bis zu Billig-Spielzeug. Berühmt-berüchtigt ist das Produktionsland aber für seine Marken- und Produktpiraterie. Obwohl die Regierung dagegen vorgeht, versorgt die Plagiatherstellung ganze Provinzen. Die Faustregel ist: Wenn es ein gutes, beliebtes Produkt gibt, kopiert es jemand in China. Oft mit günstigeren Bauteilen, die dann den Kaufpreis drücken. Eines der Opfer ist der Odroid Go Advance, ein auf Linux basierender Emulator-Handheld. Von dem gibt es mittlerweile eine Handvoll Kopien, wobei uns die Variante namens RK2020 vorliegt. Diese schauen wir uns genauer an, weil sie über international etablierte Verkaufsplattformen vertrieben wird - unter anderem Amazon.

Wir testen die Kopie, den RK202, im Rahmen unserer Themenwelt Retro-Konsolen an. Dort sind bereits Tests zu Konsolen wie der Sega Mega Drive Mini (Testbericht), dem SNES Classic Mini (Testbericht) oder dem Evercade (Testbericht) erschienen.

Zunächst sollten wir ein paar Worte zum Original verlieren: Der Odroid Go Advance ist im Prinzip ein Bastelcomputer, der dem Raspberry Pi nicht unähnlich ist. Daher überrascht es wenig, dass die mobile Variante als DIY-Kit geliefert wird. Man setzt das Gerät eigenständig zusammen und kann bei dieser Gelegenheit auch gleich ein paar persönliche Modifizierungen unterbringen. Mit einem Preis von ungefähr 60 US-Dollar (Zollgebühren und Versand nicht mitgerechnet) bekommen bastelfreudige Retroliebhaber ein schönes Nachmittagsprojekt. Und das hat ordentlich Leistung: Die 8-Bit und 16-Bit-Ära kann man einwandfrei emulieren, Playstation 1, Neo Geo und CPS-Arcade-Titel sind auch kein Problem.

Der Odroid-Go Advance ist beliebt. Und das ist für den Hersteller Hardkernel ein Problem gewesen, da man mit Lieferengpässen zu kämpfen hatte. Besonders im März 2020, als die Corona-Lockdowns starteten, hatte der Klon den entscheidenden Vorteil breiter Verfügbarkeit. Inhaltlich hat sich an den Specs aber fast nichts getan. Der RK2020 ist genauso leistungsfähig wie der Odroid Go Advance, weshalb sich auch die Emulationsqualität nicht unterscheidet. Weggefallen ist aber das Wi-Fi-Modul. Um den RK2020 zum Internet zu verbinden, muss man auf einen Wi-Fi-Stick zurückgreifen. Oder man führt Updates direkt auf der SD-Karte aus. Dazu muss man in der Lage sein, Linux-Partitionen zu bearbeiten, was je nach Betriebssystem etwas umständlich sein kann.

Was selbstverständlich ebenso wegfällt, ist das Bastelerlebnis. Der RK2020 wird bereits zusammengebaut geliefert. Je nach Zielgruppe kann das ein Vor- oder Nachteil sein.

Auf den ersten Blick wirkt das RK2020 nicht unbedingt vertrauenswürdig. Das halbtransparente Plastikgehäuse hat nicht die Aura einer Nintendo Switch oder einer Playstation Vita. Nimmt man das Gerät aber in die Hand, wirkt die Haptik trotzdem wertig. Das Gehäuse ist fest und knarzt bei Druck nicht. Das Eigengewicht ist angenehm und erinnert an den Gameboy-Advance. Gegenüber dem Original ist das Gehäuse ein ganzes Stück schmaler geworden: Mit einer Dimension von ungefähr 14cm x 6,5cm ist der RK2020 nicht nur kleiner als so manches Smartphone, sondern auch weniger umfangreich als der Odroid Go Advance. Die Dicke von 1,7cm macht den RK2020 aber trotzdem “greifbar”. Die abgerundeten Ecken sorgen dafür, dass das Gerät bei durchschnittlich großen Händen angenehm in den Handballen liegt. Bloß wer sehr große Hände hat, wird den RK2020 womöglich als zu klein empfinden.

Die RK2020 verfügt über Digi-Kreuz und Analog-Stick.

Ausgestattet ist der RK2020 mit vier Haupt-Buttons, vier Schulter-Buttons, einem Digi-Kreuz, einem linken Analog-Stick und einer Start- sowie Select-Taste. Auch hier werden Erinnerungen an den Gameboy Advance wach, was die Anordnung der Elemente angeht. Die Aktionstasten Y, B, A, und X fühlen sich durch die ovale Einbuchtung angenehm an. Sie haben einen spürbaren Druckpunkt und der Tastenhub ist angenehm kurz. Das Digi-Kreuz funktioniert zwar ordentlich, wirkt bei diagonalen Tasteneingaben aber manchmal unpräzise. Wir konnten die meisten Spiele damit problemlos bewältigen, hatten aber bei Fighting Games wie Street Fighter II ab und an nicht erkannte Combos (und das lag am Digi-Kreuz, ehrlich!). Tadellos wirkt hingegen der Analog-Stick auf uns. Er lässt sich mühelos bewegen und die Todeszone ist groß genug, um Fehleingaben auszuschließen. Wem der Stick nicht griffig genug ist, kann noch einen Gummiüberzug draufsetzen, der dem RK2020 als Option beiliegt. Die Nutzung würden wir empfehlen, denn ohne den Überzug wirkt der Analog-Stick etwas zu glatt für uns.

Etwas wackelig wirkten die vier Schulterbuttons, sie liegen etwas zu locker in ihren Ausbuchtungen. Besonders die beiden äußeren sitzen nicht sonderlich fest. Im Einsatz macht das keine Probleme. Sie klicken nicht laut, aber spürbar bei Betätigung und alle Eingaben werden erkannt. Von allen Eingabeknöpfen wirken die Schulterbuttons bloß am wenigsten wertig.

Als störend haben wir auf der Rückseite zwei Betriebsleuchten empfunden, die unter dem halbtransparenten Gehäuse sichtbar sind. Dort leuchtet eine rote LED dauerhaft, während eine blaue dauernd blinkt. Bei Tageslicht merkt man das nicht, aber zu Abendstunden kann das stören. Sinnvoll abkleben kann man die LEDs von außen nicht. Da hilft nur aufschrauben und modifizieren.

Bringen wir es gleich hinter uns: Der Lautsprecher des RK2020 ist ein Scherz. Durch ein kleines Loch unten links dröhnt verzerrend so etwas Ähnliches wie der Spielton heraus. Das ist für schnelle fünf Minuten spielen unterwegs noch halbwegs passabel, aber für längere Sessions kommt man nicht um Kopfhörer herum. Diese werden über einen 3,5-Millimeter-Audio-Jack angeschlossen, der keine Probleme machte. Wie viel Bass und Klangvolumen letztendlich da rauskommt, ist vom Emulator und der jeweiligen Spielegeneration abhängig.

Rechts sind prominent die klassischen vier Tasten.

Der 2600mAh starke Li-Polymer-Akku reicht für Sessions zwischen 2 bis 3,5 Stunden. Der Leistungshunger des Gerätes schwankt mit der Komplexität der Spiele. Bei 3D-Spielen im PSP- oder PS1-Emulator war nach 2 Stunden Schluss. Länger durchgehalten hat zum Beispiel der Gameboy-Emulator. Bemerkenswert ist hier, dass nach etwa 30 Minuten Akku und das gesamte Gerät spürbar wärmer werden. Insgesamt ist Hitzeentwicklung zwar kein Problem, aber der RK2020 wurde trotzdem etwas wärmer als die Playstation Vita.

Aufgeladen wird der Akku lobenswerterweise mit einem USB-C-Anschluss. Daneben igibt es noch einen USB-A-Anschluss (2.0) für WLAN- oder Speichersticks. Die SD-Karte mit dem Betriebssystem befindet sich unten am Gehäuse. Leider gibt es keinen HDMI-Out, der in dieser Preisklasse aber sicher auch etwas zu viel verlangt wäre. Ebenso gibt es keine Knöpfe zur Regelung der Lautstärke. Hier muss man auf Software-Shortcuts zurückgreifen.

Sehr gut ist der 3,5-Zoll-IPS-LCD-Bildschirm. Der ist erwartungsgemäß zwar nicht entspiegelt, bringt Farben aber richtig satt, kontrastreich und hell aufs Display. Mit bloßem Auge sind keine Nachzieheffekte oder sonstige Fehler zu erkennen. Besonders ältere Spiele, die während ihrer Veröffentlichung auf wesentlich schlechteren Bildschirmen liefen, erlebt man auf dem RK2020 regelrecht neu. Die Farbtreue bleibt auch bei schrägem Betrachtungswinkeln erhalten, was besonders für unterwegs erfreulich ist. Eine kratzfeste Oberfläche scheint das Display aber nicht zu haben, weshalb wir den Einsatz einer Schutzfolie empfehlen würden.

Die RK2020 im Vergleich zur Switch.

Zu beanstanden haben wir aber trotzdem etwas. Die Helligkeit lässt sich in der Software regeln. Als wir den Wert auf Maximum gestellt haben, konnten wir bei besonders hellen Flächen (etwa einem weißen Hintergrund in Titelbildschirmen) ein Flimmern feststellen. Diese Szenen sind eher die Ausnahme und es ist schwer zu sagen, ob es an der Emulation oder am Display liegt. Im normalen Betrieb, also einem Bild mit voller Farbpalette, ist uns das nicht aufgefallen.

Trotz dieses kleinen Mankos ist der Bildschirm sicher einer der attraktivsten Aspekte des RK2020. Damit vor allem bei älteren 2D-Spielen keine “zuckenden Pixel” beim Scrollen sichtbar sind, ist es ratsam den Integer Scale auszustellen und den Shader “Sharp-Bilinear-2X-Prescale.GLSP” zu nutzen. Das Seitenverhältnis des Bildschirms unterscheidet sich von den originalen Handhelds, weshalb es bei einer forcierten Skalierung auf das gesamte Bild zu Verzerrungseffekten kommen kann. Mit den empfohlenen Bildeinstellungen bleibt zwar ein minimaler schwarzer Rand und ein ganz klein wenig geht Schärfe verloren, aber gröbere Bildfehler bleiben aus.

Der RK2020 wird mit der Linux-Distribution EmuELEC ausgeliefert, die quasi eine Emulator-Komplettlösung rund um Retroarch anbietet. Erfreulich: Im Gegensatz zu vielen anderen chinesischen Handhelds ist dadurch keine Systemfunktion gesperrt. Wer sich mit Retroarch auskennt, kann hier etliche Anpassungen vornehmen. Durch die Linux-Basis ist prinzipiell auch der Einsatz anderer Distributionen möglich, etwa TheRa, Batocera oder Retro Arena. Praktisch: Wer keinen WLAN-Stick hat, kann Spiele auch über ein Script von EmuELEC installieren. Dazu legt man einen speziellen Ordner auf dem USB-Laufwerk an und die Inhalte werden in die korrekten Verzeichnisse kopiert.

Da die Qualität der Emulation von der Software abhängig ist und sich hier viel ändert, können wir zusammenfassend nur sagen: Sie funktioniert bis einschließlich der Playstation 1 sehr gut. Gameboy Advance, Neo Geo, PC-Engine - wir hatten keinerlei Performance-Probleme. Auch Super Nintendo-Spiele mit FX-Chip liefen anstandslos. Bezüglich der Kompatibilität ist zu beachten, dass keine BIOS-Dateien mitgeliefert werden. Hier muss jeder Interessent seinen eigenen Weg finden.

Abhängig vom Emulator ist die Spielqualität durchaus brauchbar.

Das bringt uns zu einem kuriosen Punkt: Auf der Micro-SD-Karte sind hauptsächlich Homebrew-Games vertreten. Hier und da waren aber trotzdem Titel dabei, bei denen wir mit Sicherheit sagen können, dass keine Lizenz dafür vorlag. Ohne den Herstellern des RK2020 etwas unterstellen zu wollen sind wir sind uns ziemlich sicher, dass Nintendo kein Rom für Diddy Kong Racing lizenziert. Manche Händler lassen die Micro-SD-Karte daher auch ganz weg und weisen darauf hin, dass beim Kauf noch eine separat erworben werden muss. Ohne Betriebssystem auf der Karte lässt sich der RK2020 nicht betreiben.

Nun die spannende Frage: Kann der RK2020 wirklich Nintendo 64 und Dreamcast abspielen, so wie es groß angeworben wird? Die Antwort: Ja, aber nicht sonderlich gut. Bei beiden Konsolen bekommt man Spiele nur mit der halben Auflösung zum Laufen, was unweigerlich zu groben Pixeln und flimmernden Kanten führt. Stotternder Sound, Framerate-Einbrüche und verzögerte Steuerung sind an der Tagesordnung - selbst bei Spielen, die als leicht zu emulieren gelten. Die Darstellung ist auch bei PSP-Spielen schwankend. Hier sind im Grunde nur Spiele mit 2D-Grafiken anständig spielbar, während 3D-Titel hakelig laufen. Dass diese Konsolen überhaupt auf einem Handheld emuliert werden können, ist prinzipiell schon bemerkenswert. Sicher reicht das für den schnellen Dreamcast-Fix auf dem Hotelzimmer, aber ein vollwertiger Ersatz ist es nicht.

RK2020 (22 Bilder)

RK2020

Wir möchten ehrlich sein: Wer kann, sollte Hard Kernel mit dem Kauf des originalen Odroid Go Advance unterstützten. Sie haben das Gerät überhaupt erst entwickelt und zur Marktreife gebracht. Wer aber beim Basteln zwei linke Hände hat, ein Zweitgerät braucht oder schlicht kein Gewissen hat, kann aber auch einfach zum RK2020 greifen. Bis auf das fehlende WLAN-Modul und dem kleineren Formfaktor gibt es keine großen Unterschiede. Durch das tolle Display und die guten Tasten macht der RK2020 auf jeden Fall Spaß. Es eignet sich gut als “Immer-dabei-Gerät”, wenn einem Nintendo Switch oder Playstation Vita dafür auf Dauer doch zu wertvoll und empfindlich sind. Da die Software auf einem externen Datenträger gespeichert wird, braucht man auch keine Angst vor Experimenten haben - vor allem, wenn man sich ein Backup des Betriebssystems angelegt hat.

Wer eine offizielle Retro-Konsole sucht, hat im mobilen Bereich wenig Auswahl, von der Evercade (Testbericht) abgesehen. Allerdings ist für 2020 das Game Gear Classic angekündigt, sobald es verfügbar ist, werden wir es hier testen. Bis dahin raten wir zu offiziellen Konsolen wie dem sehr guten SNES Classic Mini (Testbericht) oder dem Sega Mega Drive Mini (Testbericht). Mehr dazu in der Themenwelt Retro-Konsolen.

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