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Outdoorhandy Nokia 800 Tough im Test: Steinharte Steinzeit

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Das Nokia 800 Tough will nicht nur günstig sein, sondern zudem auch noch sehr robust. Reicht das, um als Featurephone mit modernen Smartphones mithalten zu können?

Jeder spricht von Smartphones, den Alleskönnern, die es inzwischen schon für unter 100 Euro (zum Smartphone-Ratgeber) gibt und fast jeder Mensch der industrialisierten Welt in der Tasche trägt. Aber es gibt sie noch: Featurephones, die mit langer Laufzeit und nur auf die Grundfunktionen reduziertem Leistungsumfang werben. Gekauft werden sie vor allem von Menschen, die sich dem Always-On-Gedanken widersetzen. Oder von Nutzern, die in besonderen Umgebungen – etwa beim Extremsport oder auf der Baustelle – ihr teures Smartphone nicht riskieren wollen und daher ein günstiges Zweitgerät suchen.

Eine Alternative stellen mittlerweile Outdoor-Smartphones wie das Gigaset GX290 (Testbericht) dar, doch auch die können inzwischen recht viel und kosten bis auf Ausnahmen entsprechend. Da kommt das Nokia 800 Tough ins Spiel, denn es ist nach Angaben des Herstellers und Nokia-Lizenznehmers HMD Global nicht nur das stabilste Nokia aller Zeiten, sondern will als Featurephone nicht nur mit niedrigem Preis, sondern auch besonders langer Akkulaufzeit punkten.

Keine Frage: Das Nokia 800 Tough sieht wie ein echtes Outdoor-Handy aus. Dicke Kunststoffrahmen um den Screen schützen es vor Stürzen. Der im Vergleich zu Smartphones geradezu winzige Bildschirm dürfte allein schon wegen seiner kleineren Angriffsfläche widerstandsfähiger als bei iPhone und Co sein. Dort, wo sich bei Smartphones sonst die andere Hälfte des Displays erstreckt, befindet sich beim taffen Nokia 800 Tasten – richtig gelesen: Tasten. Einen Touchscreen gibt es nämlich nicht. Wie früher verfügt das Telefon über eine Zifferntastatur mit wenigen Sondertasten und Vier-Wege-Steuerkreuz. Deren Feedback in Form von Tastenhub und Druckpunkt ist nicht perfekt, reicht aber für überwiegend präzise Bedienung aus.

Die Tasten an sich sind in Ordnung, die Bedienung darüber im Vergleich zu Touchscreens aber antiquiert

Der martialische Look des Outdoor-Handys wird mittels Sternschrauben unterstrichen, außerdem weist unser Testgerät im Farbton „Wüstensand“ ein graues Tarnmuster auf der Rückseite auf. Die Schrauben sind zwar echt, einen Sinn haben sie aber nicht. Schraubt man die Rückseite ab, findet man darunter nicht etwa einen wechselbaren Akku, sondern lediglich ein in sich gekapseltes Innenleben ohne Zugriffsmöglichkeit. Auch das Tarnmuster bietet keinen echten Mehrwert, zumal die Kamerapartie samt LED-Blitz und Lautsprecher von einer glänzenden Metallplatte geschützt wird. Nötig macht die innere Abkapselung die Zertifizierung nach IP68, das Eindringen von Wasser und Staub weitestgehend ausschließen soll. Ein 30-minütiges Tauchbad in bis zu 1,5 Meter tiefem Wasser soll dem Gerät nichts ausmachen.

Steinharter Steinklotz aus der Steinzeit – nur für Geologen

Außerdem verspricht der Hersteller, dass das Gerät gemäß MIL-STD 810G Stürze auf Beton aus bis zu 1,8 Meter schadlos übersteht und problemlos bei Temperaturen zwischen -20 bis +55 Grad funktioniert. Nach solchen Stürzen dürfen sich Nutzer über Macken im Kunststoff natürlich nicht beschweren. Um Eindringen von Staub und Wasser zu verhindern verfügt das Nokia 800 über Schutzkappen über allen Öffnungen. Mittels eines großen und stabilen Hakens auf der Fußseite des Telefons lässt sich das Gerät per Band umhängen oder sichern.

Das TFT des Nokia 800 misst gerade einmal 2,4 Zoll und bietet eine Auflösung von 320 × 240 Pixel (QVGA). Selbst bei einem so kleinen Screen sind das nur knapp unter 170 Pixel pro Zoll. Für einfache Darstellung reicht das natürlich, von scharf kann hier aber beim besten Willen niemand sprechen. Auch Farben und Kontraste sind eher unterdurchschnittlich und die Darstellungsebene liegt wie bei einem zehn Jahre alten Smartphone weit unter der Display-Oberfläche. Hinzu kommt eine starke Blickwinkelabhängigkeit, bei der je nach Betrachtungswinkel nicht nur die Helligkeit variiert, sondern zusätzlich auch Farben und Kontrast stärker oder schwächer werden. Besonders schlimm ist das beim Blick von oben auf den Screen, bei dem Kontraste fast gänzlich verschwinden. Das Display des Nokia 800 Tough ist bestenfalls zweckdienlich, im Vergleich zu – natürlich deutlich teureren – Highend-Smartphone-Panels ist der Bildschirm des Outdoor-Modells bemitleidenswert schlecht – zumal wir hier nicht von einem Wegwerfhandy für 35 Euro sprechen.

Auf der Rückseite befindet sich eine einzelne Linse mit 2 Megapixel, die von einem LED-Blitz unterstützt wird. Hilft nichts – bei schlechten Lichtverhältnissen sollte man das Nokia 800 Tough lieber gleich ganz in der Hosentasche lassen und auch bei gutem Licht ist die Bildqualität selbst im Vergleich zu ähnlich günstigen Smartphones in Bezug auf Bilddynamik, Bildrauschen und Bildschärfe klar schlechter. Außer für unwichtige Momentaufnahmen taugt die Knipse des Outdoor-Handys nicht. Das gilt auch für Videos, die maximal in 480p aufgenommen werden dürfen und bisweilen sogar ruckeln. Die Kamera des Nokia 800 Tough ist besser als keine Kamera – aber nicht viel.

Nokia nennt das Gerät überraschender Weise Smartphone – von smart ist das Phone aber weit entfernt. Ganz von der Hand zu weisen ist die Bezeichnung aber auch nicht, denn das Gerät weist durchaus einige Merkmale eines Smartphones auf. So läuft auf dem Telefon ein auf Firefox OS basierendes Betriebssystem namens KaiOS, das LTE, NFC, GPS, WLAN und HTML-5-basierte Anwendungen unterstützt. Entsprechend gibt es sogar einen App Store, aus dem sich einige wenige Apps herunterladen lassen, zudem gibt es OTA-Updates des Betriebssystems – fast alles Dinge, die ein echtes Dumbphone nicht beherrscht. Das ist auch der Grund, warum Nutzer von Google Maps, Whatsapp, Twitter, Facebook und Youtube nicht in die Röhre schauen müssen, denn all diese Apps laufen auf dem Nokia 800, sie sind sogar schon ab Werk installiert. Hinzukommen drei eher unbekannte Spiele und der Klassiker Snake.

Einfachste Darstellung

Dass deren Nutzung aber kaum echten Spaß macht, liegt neben einem nicht gerade großen und scharfen Display vor allem an der steinzeitlichen Bedienung. Ohne Touch-Bedienung wird selbst die Eingabe eines WLAN-Passwortes zur Qual. Wer die Eingabe über die Zifferntastatur wie vor zehn Jahren nicht beherrscht, muss sogar erst einmal suchen, wie er die Großschreibung aktiviert – oder Google bemühen. Intuitiv geht anders. Da wirkt der vorinstallierte Google Assistant beinahe wie ein Anachronismus, er will irgendwie nicht so recht zum altmodischen Rest des Nokia 800 passen. Macht aber nichts – mangels eigener Tasten für die Lautstärke und eben den Assistant wird der wohl nicht übermäßig oft zum Einsatz kommen. Dann schon eher die Taschenlampe, die in Form einer zusätzlichen, etwas größeren LED auf der Stirnseite des Handys platziert wurde. Aber mal ganz ehrlich, HMD: Warum ist die Extra-LED, die ausschließlich als Taschenlampe fungiert, deutlich schwächer, als der als Taschenlampe missbrauchte LED-Blitz eines vernünftigen Smartphones…?

Flaue Funzel trotz ordentlicher Größe: Die Taschenlampen-LED

Bei der Hardware braucht auch kein Interessent Wunder zu erwarten. Als Antrieb dient ein uralter Snapdragon 205 mit zwei Kernen, 512 MByte RAM sorgen immerhin für weitgehend „flüssige“ Bedienung – kein Wunder, Animationen gibt es ja auch nicht. Im Test wachte das Nokia 800 zumindest meist recht direkt auf und die unbeholfenen Bewegungen von Cursor oder Icon-Markierung etwa im Menü folgten meist prompt. Gerade einmal 4 GByte interner Speicher wartet auf Nutzung, hinzu kommt Platz für bis zu 32 GByte großen Micro-SD-Karten. Highlight ist neben WLAN n, Bluetooth 4.1, GPS und einem UKW-Radio wohl LTE Cat. 4 mit Download-Raten von bis zu 150 Mbit/s.

Neben der Unempfindlichkeit gegen äußere Einflüsse will das Nokia 800 Tough vor allem mit der Akkulaufzeit punkten – denn genau hier schneiden Smartphones normalerweise deutlich schlechter als Featurephones ab. 2100 mAh leistet der Kraftspender des Telefons, bis zu 43 Tage Standby-Zeit gibt HMD Global dafür an. Das dürfte aber wie immer bei Herstellerangaben im Alltag nicht zu erreichen sein, sobald eine oder gar beide SIM-Karten eingelegt sind und die Display-Helligkeit nicht mehr im Funzel-Modus vor sich hin glimmt. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen reinen Standby- und realistischen Nutzungszeiten.

Mangels für KaiOS verfügbarer Benchmarks haben wir für einen zumindest im Ansatz aussagekräftigen Test im WLAN ohne SIM-Karte dauerhaft Youtube-Videos abgespielt und die Zeit gemessen, die das Telefon mit vollem Akku bis zum Abschalten durchhielt. Mangels automatischer Umgebungslichterkennung wählten wir dabei die volle Helligkeit von fast 400 cd/m². Dabei schaffte das Featurephone 8:15 Stunden am Stück – ein gutes, modernes Smartphone kommt bei gleichem Szenario trotz wesentlich größerem, hellerem und höher auflösendem Display, viel stärkerer Hardware und deutlich umfangreicheren Betriebssystems meist auf ähnliche Werte. Das Nokia 800 Tough mag im Standby lange durchhalten, im Gebrauch ist die Ausdauer aber wenig beeindruckend.

Nokia bringt das 800 Tough zu einer UVP von 119 Euro auf den Markt. Der aktuelle Preis steht hier im Preisvergleich. Zur Auswahl stehen die Farben Schwarz und Sand.

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Nokia 800 Tough Dual-SIM schwarz

Nokia 800 Tough Schwarz

Nokia 800 Tough Dual-SIM sand

Nokia 800 Tough Sand

Weitere Angebote im Heise Preisvergleich

Das Nokia 800 Tough könnte ein interessantes Zweithandy für Extremsportler oder Baustellenarbeiter sein – wenn da nicht der hohe Preis wäre. Rund 110 Euro? Dafür bekommt man schon halbwegs vernünftige Smartphones, die WESENTLICH mehr können, als das steinzeitliche Outdoor-Handy von HMD Global. Dafür ist das Tough taff. Allerdings gibt es ebenfalls für unter 100 Euro sogar schon Outdoor-Smartphones und die lassen sich dann dank Touchscreen wenigstens halbwegs angenehm bedienen. Dadurch reduziert sich der Vorteil des Nokia 800 auf die Akkulaufzeit – und selbst die hat uns bei unserem Test nicht überzeugt. Schlichtweg, weil sie sich im Betrieb als auch nicht viel besser als bei einem halbwegs ordentlichen Smartphone herausstellte.

Da stellt sich die Frage, warum jemand überhaupt noch zu einem vorsintflutlichen Featurephone greifen sollte, wenn ein Smartphone die gleichen Aufgabenfelder abdeckt und dabei zudem alles noch wesentlich besser kann. Nur der Preis wäre daher für das Nokia 800 Tough ein Argument und der liegt in unseren Augen wesentlich zu hoch. Hier haben wir eine immer aktuelle Auswahl an Feature- und Smartphones zusammengestellt, die preislich entweder deutlich niedriger liegen oder bei ähnlichem Preis deutlich mehr können. Aufschluss über zukunftssichere Smartphones geben wir in unserem Artikel Top-5: Die besten Smartphones mit Android One. Wer etwas mehr Geld als für das getestete Nokia 800 Tough ausgeben will, findet Hilfestellung in unserer Top-10 der Smartphones bis 200 Euro. Soll es doch nicht teurer werden, haben wir hier eine Auflistung von Smartphones mit Android 9 und wechselbarem Akku ab 50 Euro.

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