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Oneplus Nord im Test: Toller Mittelklasse-Flagship-Killer

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OLED-Display mit 90 Hertz, 5G, je nach Version viel Speicher, eine tolle Kamera und schickes Design: Was nach Oberklasse klingt, ist tatsächlich Mittelklassemodell. Ein neuer Flaggschiffkiller?

Update: Das Oneplus Nord ist ab heute, den 04. August 2020, offiziell im Handel erhältlich.

Manchmal wiederholt sich Geschichte tatsächlich. Und manchmal ist das sogar gut. Beim Oneplus Nord ist das zumindest so. Denn vor rund fünf Jahren brachte der Hersteller sein ikonisches Oneplus One (Testbericht) auf den Markt, das trotz Spitzen-Chipsatz und insgesamt toller Ausstattung gerade einmal 300 Euro kostete. Nachdem die folgenden Modelle des chinesischen Herstellers immer teurer wurden und das aktuelle Topmodell Oneplus 8 Pro (Testbericht) mit rund 1000 Euro fast so unbezahlbar wie die Konkurrenz ist, besinnt sich das Unternehmen mit dem neuen Oneplus Nord wieder auf seine Wurzeln zurück.

Für nicht einmal 400 Euro bekommen Nutzer hochwertiges Design, ein OLED-Panel mit 90 Hertz, viel Speicher, einen modernen Chipsatz mit 5G, einen starken Akku und eine Kamera, auf die der Hersteller nach eigenen Angaben besonders viel Wert gelegt hat. Von einem Flaggschiffkiller ist beim neuen Modell nicht mehr die Rede, vielmehr nennt der Hersteller das Gerät völlig richtig Mittelklasse. Warum es dennoch ein Flaggschiffkiller ist, klären wir im Test.

Dass auch Mittelklasse-Smartphone sehr hochwertig aussehen können, beweisen nicht nur Apple beim iPhone SE oder Samsung mit seiner A-Klasse (Ratgeber: Samsung von A bis Z), sondern mit dem neuen Nord auch Oneplus. Denn schick ist das Gerät allemal, so schick sogar, dass das Gerät auf den ersten Blick auch als Topmodell durchgehen würde. Das liegt an der soliden Verarbeitung, an der es nichts zu bemängeln gibt und einfach am hervorragenden Gesamteindruck, den das Modell macht. So liegt es trotz seiner Größe von 158 × 73 × 8,2 Millimeter im Zusammenspiel mit sanft gerundeten Ecken und Kanten und dem satten, aber nicht übertriebenen Gewicht von 184 Gramm sehr angenehm in der Hand. Der Hersteller verwendet dabei Gorilla Glas 5 auf Vorder- und Rückseite.

Die Tasten – links Lautstärkewippe, rechts Powerbutton und Klingelton-Schieberegler – sind so perfekt in den Rahmen eingelassen, dass nichts wackelt. Druckpunkt und Tastenhub sind zudem nahezu optimal – klasse. Die Rückseite ist weitestgehend unspektakulär gehalten, neben dem Logo des Herstellers fallen vor allem die nur leicht vorstehende Quad-Cam im oberen linken Eck und die Farbe der glänzenden Oberfläche auf. Die nennt sich bei unserem Testmodell Blue Marbel und ihr helles Blau oder Türkis ist außergewöhnlich und daher recht auffällig. Fingerabdrücke setzen sich zum Glück nur mäßig darauf ab.

Auch Oneplus kann nicht zaubern und hat zum Geldsparen einige Kniffe angewendet. So besteht der Rahmen aus Kunststoff und der Bildschirm ist nicht zu den Seiten hin abgerundet – beides gibt es so in der Oberklasse nicht. Der Rahmen wirkt dennoch überraschend hochwertig und über das gerade Display werden sich vermutlich einige Interessenten sogar freuen, schließlich entfallen potenzielle Bedienschwierigkeiten an den gerundeten Rändern und störende Reflexionen gibt es ebenfalls nicht. Da der Rahmen rings um den Bildschirm sehr schmal und gleichmäßig ausfällt, ist die Wahl von 2,5D- statt Curved-Glas kaum verwerflich. Weiterer Sparansatz: Nach Herstellerangaben wird das Oneplus Nord zwar genauso wie das deutlich teurere Oneplus 8 Pro (Testbericht) gebaut und ist daher eigentlich wasser- und staubdicht, auf eine IP-Zertifizierung hat das Unternehmen aber verzichtet.

Alle Bilder aus dem Test des Oneplus Nord (13 Bilder)

Der Screen ist mit seinen 6,4 Zoll und einer Auflösung von 2440 × 1080 Pixel und daraus resultierend über 400 Bildpunkten pro Zoll auf Klassenniveau und absolut alltagstauglich. Die Helligkeit von gemessenen rund 500 cd/m² macht sich selbst im Freien gut. Oneplus setzt beim Nord auf OLED-Technik, die mit gewohnt starken Kontrasten, tollem Schwarzwert und optimaler Blickwinkelstabilität punktet. Noch besser sind nur Panels deutlich teurerer Smartphones, die dann oft noch höhere Helligkeit erreichen.

Leider kein echtes Always-on-Display

In der Mittelklasse immer noch eher selten: Der Screen des Oneplus Nord bietet 90 Hertz, stellt also 90 statt der sonst normalen 60 Hertz dar. Zwar ist etwa das Realme 6 (Testbericht) bei noch einmal klar niedrigerem Preis ebenfalls mit einem 90-Hz-Panel ausgestattet, es setzt aber auf LCD statt OLED. Durch die höhere Hertz-Zahl wirken bewegte Inhalte insgesamt flüssiger. Schade: Nach wie vor bietet Oneplus kein echtes Always-on-Display, sondern lediglich ein “Inaktivitäts-Display”. Auf dem Tisch liegend zeigt der Bildschirm daher keine Inhalte wie Zeit, verpasste Nachrichten oder den Akkustand an, dafür will das Oneplus Nord erst angehoben oder durch doppeltes Tippen aufgeweckt werden.

Oneplus hat bei der Vorstellung des Nord erklärt, besonderen Wert auf die Kameras gelegt zu haben. Das verwundert, denn ein Blick auf das Datenblatt offenbart nach Hauptkamera mit 48 Megapixel, optischem Bildstabilisator (OIS) und f/1.75-Blende sowie Weitwinkel mit 8 Megapixel und f/2.25-Blende auch eine Makrokamera mit 2 Megapixel und einen Tiefensensor mit 5 Megapixel. Klingt vor allem die Hauptkamera erst einmal ziemlich gut, so enttäuschen die letzten beiden Optiken doch sehr. Denn das erinnert stark an Smartphones wie das Xiaomi Mi 10 (Testbericht), bei dem so eine Konstellation auch schon nicht überzeugte. Irgendwie wirken Tiefensensor und noch mehr eine Makrokamera mit derart niedriger Auflösung immer wie sinnlose Datenblattaufhübscherei und in der Vergangenheit war das auch immer so. Aber wer weiß, vielleicht ist das beim Oneplus Nord ja endlich anders?

Die Hauptkamera ist gut, die Makrokamera nicht

Nein, einfach nein. Natürlich sind die Bilder irgendwie halbwegs brauchbar, denn der Nutzer kommt so noch einmal etwas näher an ein Motiv heran. Aber qualitativ gut sind entsprechende Aufnahmen einfach nicht, zu stark ist Bildrauschen und zu schlecht die Bildschärfe. Oneplus und Co.: Hört endlich auf, die Nutzer mit Makrokameras mit Minimalstauflösung für dumm zu verkaufen! Vor allem, wenn dafür auf eine weit sinnvollere Telelinse verzichtet wird – eben wie beim Oneplus Nord. Eigentlich müsste die Fachpresse solche Geräte ordentlich abwatschen, doch dafür ist die Qualität der Hauptkamera einfach zu gut.

Denn die macht bei ordentlichem Tageslicht, aber mit Einschränkung auch noch bei Nachtaufnahmen für ein Mittelklasse-Smartphone richtig gute Bilder. Dabei mixt das Oneplus Nord mittels Pixel Binning immer vier Pixel zu einem zusammen, normalerweise entstehen Aufnahmen mit 12 Megapixel bei besserer Bildqualität. Die volle Auflösung lässt sich mittels eines Zusatzmodus verwenden, das lohnt aber nur bei Außenaufnahmen, in die man später am PC vielleicht noch einmal hinein-zoomen möchte. Hier ist der Detailgrad noch einmal etwas höher.

Die Bildschärfe ist insgesamt gut ausgeprägt, zum Teil vermutlich auch dank des OIS. Beim Weitwinkel ist das nicht ganz so gut, zudem sinkt die Schärfe zu den Rändern hin noch weiter. Auch bei schwindendem Licht sollten Nutzer sich nicht mehr auf den Automatik-Modus verlassen, denn dann steigt Bildrauschen schnell an und die Bildschärfe mit den Hauptkameras sinkt sichtbar. Abhilfe schafft dann der Nachtmodus, der eine halbwegs ruhige Hand benötigt und zusätzlich erkennt, wenn das Handy auf einem Stativ steckt. Dann sind Dauerbelichtungen bis 30 Sekunden möglich. Die Verarbeitung dauert aber etwas lang – ein Zugeständnis an den Mittelklasse-Prozessor.

Alle Originalaufnahmen mit dem Oneplus Nord im Test (15 Bilder)

Weitwinkel

Ansonsten stimmen Farbwiedergabe, Detailreichtum und Bilddynamik in den meisten Fällen. Die beiden Hauptlinsen des Oneplus Nord kommen vielleicht nicht ganz an Oberklasse-Smartphones und deren Kameras heran, schlagen sich aber insgesamt sehr gut. Sonderlich überraschend ist das eigentlich nicht, schließlich setzt der Hersteller hier auf den gleichen Bildsensor (Sony IMX586) wie im Topmodell Oneplus 8. Der ist zwar schon etwas älter, aber – wie das Nord bestätigt – immer noch gut. Im Oneplus 8 Pro (Testbericht) steckt hingegen der neuere Sony IMX689, womöglich einer der Gründe, warum das Topmodell in unserem Blindtest 2020 so gut abgeschnitten hat.

Die Frontkamera hat Oneplus auf der Vorstellung des Nord besonders hervorgehoben, hier sollen neben Bildschärfe und zusätzlichem Weitwinkel vor allem die Qualität bei schlechten Lichtverhältnissen verbessert worden sein und Hauttöne besonders gut wiedergegeben werden. Tatsächlich gelingt das sehr gut, vor allem die Bilder der Haupt-Selfie-Kamera mit stolzen 32 Megapixel zeigen viele Details. Je nach Motiv sind das dann sogar zu viele Details.

Videoaufnahmen sind mit der Hauptkamera in 4K/30, mit der vorderen Kamera sogar in 4K/60 möglich. Vor allem die Bildstabilisierung hat uns gut gefallen, mangels 4K/60 führen Schwenks wegen der zu niedrigen Bildwiederholungsrate aber schnell zu Bewegungsunschärfe, während Aufnahmen in 4K ansonsten richtig gut aussehen. Obwohl der verwendete Snapdragon 765G sogar HDR10+ bei Videoaufnahmen unterstützt, fehlt eine entsprechende Funktion im Oneplus Nord. Der Super-Steady-Mode, bei dem der Weitwinkelsensor zum Einsatz kommt, dessen zusätzliche Bildpunkte per Software als Puffer für Bewegungsausgleich verwendet werden, ist zwar beeindruckend ruhig und gleicht Bewegungen extrem gut aus, allerdings ist er bei der Bildqualität klar schlechter.

Die Gesamtleistung der Hauptkamera ist im Oneplus Nord ziemlich gut, mindestens die Makrokamera hätte der Hersteller sparen können.

Entgegen dem Snapdragon 865 aus den Oneplus-8-Modellen steckt im Oneplus Nord “nur” ein Snapdragon 765G. Das macht aber nichts, denn der Chip kommt unter den aktuellen Chips des US-Herstellers immer noch aufs Leistungstreppchen – oder in anderen Worten: Über Leistung muss sich beim Nord niemand Sorgen machen. Der Octa-Core taktet mit bis zu 2,3 GHz und wird je nach Version von 8 oder sogar 12 GByte RAM unterstützt, das sorgt im Alltag für mehr als ausreichende Kraft in allen Lebenslagen. Dass es bei besonders anfordernden Spielen im 90-Hz-Betrieb des Displays doch mal zu gelegentlichen Rucklern kommen kommt, liegt an der GPU. Sie ist im Vergleich zum Spitzenchipsatz Snapdragon 865 deutlich langsamer und wird sogar von den GPUs der älteren Snapdragon 855 und 845 geschlagen. Im Antutu-Benchmark kommt das Nord aber auf insgesamt stramme 320.000 Punkte. Das deutlich teurere Oneplus 8 Pro (Testbericht) erreicht hingegen rund 580.000 Punkte.

Neben Arbeitsspeicher ist auch die Größe des internen Speichers von der Wahl der Version abhängig: Entweder kaufen Interessenten das Oneplus Nord mit 8/128 oder 12/256 GByte. Während wir den größeren RAM nicht unbedingt als nötig empfinden, kann der größere Datenspeicher durchaus interessant sein, denn er ist wie immer bei Oneplus nicht erweiterbar. Dafür ist er dank UFS 2.1 ausreichend schnell. Ansonsten bietet der Snapdragon 765G fast alles, was derzeit möglich ist. Dazu gehört neben den Standards USB-C, WLAN ac, NFC und Bluetooth 5.1 auch 5G. Das ist zwar hierzulande auf absehbare Zeit noch nicht so wichtig, im Ausland oder in Zukunft hingegen schon. 5G funktioniert nur bei einer der beiden einlegbaren SIMs. Gespart hat Oneplus hingegen im Detail: USB-C bietet nur 2.0-Geschwindigkeit und Wifi 6 fehlt. Der Fingerabdrucksensor im Display zeigte sich dafür im Test weitestgehend überzeugend.

Auch der Nicht-Stören-Schalter ist wieder mit dabei

Als Betriebssystem kommt auf dem Nord Android 10 mit OxygenOS 10.5.2 als erweiterte Nutzeroberfläche zum Einsatz. Der Vorteil von OxygenOS ist die deutliche Anlehnung an Vanilla-Android bei gleichzeitig sinnvoller Erweiterung der Einstellungsmöglichkeiten. Hinzu kommt das Update-Versprechen ähnlich wie bei Google One: 2 Jahre Versions-Updates und 3 Jahre Sicherheits-Updates garantiert der Hersteller, entsprechend auch noch Updates auf Android 11 und vermutlich Android 12. Der Sicherheits-Patch stammt von Juli 2020.

4115 mAh verpasst Oneplus dem neuen Nord, das traut man dem schlanken Modell auf den ersten Blick gar nicht zu. Entsprechend ist es aber auch nicht verwunderlich, dass das Smartphone im Battery Test von PCmark gute 12,5 Stunden bei 60 Hertz und etwas mehr als 11 Stunden bei 90 Hertz durchhält. Zusammen mit unseren Erfahrungen im Testzeitraum spricht das für im Schnitt 2 Tage Laufzeit ohne Nachladen, das ist ein guter Wert. Strom nimmt das Mittelklassemodell wie die großen Topmodelle auf, nämlich per Kabel und Warp Charge 30T mit namensgebenden 30 Watt. Damit kommt das Gerät in 30 Minuten etwa von 0 auf 70 Prozent. Kabelloses laden wie beim Oneplus 8 Pro (Testbericht) gibt es nicht.

Je zwei Farben und Ausstattungsvarianten stehen Interessenten zur Verfügung: Gray Onyx (Grau) und Blue Marble (helles Türkis), jeweils als 8/128 oder 12/256-GByte-Version. Die UVPs liegen bei 399 und 499 Euro.

Mit dem Oneplus Nord besinnt sich der Hersteller wieder auf alte Tugenden zurück: Tolle Technik zum vergleichsweise niedrigen Preis. Das erkauft das Unternehmen durch punktuelle, wohlbedachte Kürzungen im Vergleich zu den höher angesiedelten Oneplus-8-Modellen, die aber im Alltag kaum ins Gewicht fallen. So fehlt dem Nord etwa die IP-Zertifizierung, kabelloses Laden ist nicht möglich und auf dem Papier ist der Chipsatz schwächer. Normalnutzer werden das kaum merken. Das alles verpackt Oneplus optisch, aber auch preislich in ein äußerst attraktives Gewand, sodass die Vorteile des Gerätes, nämlich tolles Display, starke Leistung, viel Speicher, ordentliche Hauptkamera und lange Akkulaufzeiten, bei weitem überwiegen. Lediglich Schönfärberei wie bei der Makrokamera sollte sich Oneplus künftig sparen.

Damit liefert Oneplus eigentlich einen neuen Flaggschiff-Killer, denn Preis-Leistungs-technisch ist das Nord viel besser als die anderen Modelle aus eigenem Haus. Anders sieht das aus, wenn man den Preis außer Acht lässt. Dann ist das Oneplus 8 Pro (Testbericht) das bessere Smartphone. Es spielt in einer Liga mit der etablierten Konkurrenz wie dem Samsung Galaxy S20 Ultra (Testbericht) oder dem Huawei P40 Pro (Testbericht). Weitere interessante Smartphones in der Mittelklasse haben wir unter anderem in unserem Artikel Die besten Smartphones bis 400 Euro zusammengefasst.

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