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Motorola One Action Test: Gute Hardware, schlechte Kamera

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Mit dem Motorola One Vision brachte der Hersteller vor wenigen Monaten ein echtes Foto-Schwergewicht zum kleinen Preis an den Start. Das Motorola One Action ist sehr ähnlich, setzt aber auf Actioncam statt Fotos. Ob das klappt, zeigt der Test.

Das Motorola One Vision (Testbericht), das gerade einmal seit Mai 2019 verfügbar ist, hat eine Schwester bekommen. Das neue Smartphone sieht fast genauso aus, bietet beinahe die gleiche Technik und kostet sogar noch weniger. Anders ist vor allem das Hauptaugenmerk, auf das der Hersteller beim One Action Wert legt: Beim One Action setzt er mehr auf Video als auf Foto. Denn während das One Vision noch zu den wenigen Smartphones zählt, das trotz eines Preises unter 300 Euro einen optischen Bildstabilisator (OIS) hat, soll das neue Motorola One Action dem Namen entsprechend lieber als Actioncam-Ersatz herhalten können. Dass es dafür auf einen OIS verzichtet, klingt wie ein Widerspruch – doch der Reihe nach.

Das auffälligste Merkmal der aktuellen One-Smartphones von Motorola ist wohl das Display, das sich durch seine gestreckte Form im seltenen 21:9-Format auch auf das Design der Modelle auswirkt. Denn dadurch ist das neue Motorola One Action mit seinen 160 Millimeter Länge zwar recht groß, dafür mit nur 71 Millimeter auch sehr schmal. So liegt es selbst in kleinen Händen trotz einer Bildschirmdiagonale von über 6 Zoll überraschend gut in der Hand. Nur mit der Einhandbedienung ist es dadurch natürlich vorbei – auch für Nutzer mit großen Händen. Für ein Smartphone unter 300 Euro fallen die Ränder schmal aus. Mittels einer etwas zu groß geratenen Punchhole-Notch bringt Motorola die Frontkamera im Display unter.

Optisch wie das One Vision, aber Kunststoff statt Glas auf der Rückseite.

Grund für die gute Haptik ist neben dem Formfaktor vor allem die Formgebung des Gehäuses. Es ist nämlich nicht nur schmal, sondern auf der Rückseite auch sanft gerundet und passt sich so der Handinnenfläche optimal an. Dass der Übergang von Rückseite zu Rahmen kaum zu fühlen ist, trägt ebenfalls zur ordentlichen Haptik bei. Beim Halten in der Hand bemerkt man aber schon nach kurzer Zeit den Materialwechsel, den Motorola im Vergleich zum One Vision vorgenommen hat. Kam das nämlich noch mit Gorilla Glas zum Kunden, so verwendet der Hersteller für das One Action „Polymerglas“ – dabei handelt es sich um nichts anderes als Kunststoff. Billig sieht das Mittelklasse-Smartphone aber dennoch nicht aus, optisch sind die beiden One-Modelle in Bezug auf ihre Materialien kaum zu unterscheiden. Dass auch der Rahmen aus Kunststoff besteht, versteht sich von allein.

Der Rahmen sieht wie Metall aus, ist aber ebenfalls aus Kunststoff.

Größter Unterschied – nicht nur technisch, sondern auch optisch – ist die Hauptkamera auf der Rückseite. Prangte beim One Vision noch eine deutlich aus dem Gehäuse hervorstehende Dual-Kamera in der oberen linken Ecke der Rückseite, findet sich dort beim neuen Motorola One Action eine Triple-Cam, die weniger hervorsteht. Die zugedachte Hauptaufgabe hat der Hersteller deutlich vermerkt: „Action Cam“ steht in Großbuchstaben dort, wo beim One Vision noch 48 Megapixel und der optische Bildstabilisator hervorgehoben wurden. Die Verarbeitung des Motorola One Action ist insgesamt genauso gut wie beim One Vision, allerdings weisen die seitlich angebrachten Tasten leichtes Spiel auf und verursachen beim Schütteln des Smartphones leichte Klappergeräusche. An ihrer optimalen Bedienbarkeit ändert das aber nichts. Die Schutzklasse IP52 bietet wie das One Vision auch das neue Modell, es ist somit immerhin gegen Spritzwasser geschützt.

Motorola baut in das neue One Action das gleiche Display wie im One Vision ein. Highlight ist wie bereits angedeutet das langgestreckte 21:9-Format, das bei Kinofilmen theoretisch optimal ist und auch beim Surfen durch die Weiten des Internets im Hochformat Vorteile bietet. Es ist schlicht mehr Inhalt zu sehen als bei Smartphones im 16:9- oder 18:9-Format. Die Display-Auflösung liegt bei 2560 × 1080 Pixel, die sich auf stolze 6,3 Zoll verteilen. Damit liegt die Bildschärfe bei sehr guten 440 Pixel pro Zoll (PPI). An die Farbbrillanz und den Schwarzwert von OLED-Screens kommt das IPS-LCD des One Action nicht heran, dennoch überzeugt der Screen mit ausreichend intensiven Farben und guten Kontrasten. Die Helligkeit reicht aus, um auch im Freien noch Inhalte ablesen zu können. Positiv wirkt sich dabei auch die gute Blickwinkelstabilität aus.

Die Hauptkamera des neuen Motorola One Action erlaubt Fotoaufnahmen mit bis zu 12 Megapixeln – wie das One Vision, könnte man meinen. Dort kommt es aber nur zu 12-Megapixel-Aufnahmen, weil eine 48-Megapixel-Kamera in der Grundeinstellung die Informationen aus je vier Pixel zu einem zusammenfasst, um bessere Qualität zu gewährleisten. Dieser Trick ist auch als Pixel Binning bekannt. Aufnahmen mit voller Auflösung sind dabei auf Wunsch auch möglich. Zudem bietet das One Vision eine Blende von f/1.7 statt f/1.8 und einen optischen Bildstabilisator, den das neue Modell nicht hat. Die zweite Kamera entspricht dem Modul im Schwestermodell. Sie bietet eine theoretisch Auflösung von 5 Megapixeln, ist aber ausschließlich zur besseren Tiefenerkennung für besseres künstliches Bokeh da. Neu ist hingegen die dritte Kameralinse. Sie erlaubt Ultraweitwinkel-Aufnahmen mit 117 Grad Blickfeld und 16 Megapixel.

Action-Cam statt gute Fotos.

Klasse, könnte man denken, endlich die erhoffte Weitwinkel-Kamera, die dem One Vision gefehlt hat! Doch zu früh gefreut. Natürlich legt der Begriff „Aufnahmen“ nahe, dass die dritte Kamera auch Fotos aufnehmen kann – schließlich ist es das, was eine Kamera in einem Smartphone eigentlich macht. Nicht so im Motorola One Action, hier ist die dritte Linse ausschließlich für Videos zuständig. Damit nicht genug: Die Möglichkeit, 4K-Videos aufzunehmen, nimmt der Hersteller dem dritten Kameramodul durch die erneute Verwendung von Pixel Binning, wodurch nur Aufnahmen mit 4 Megapixel möglich sind. Videos sind daher auf 1920 × 1080 Pixel beschränkt, das aber immerhin mit 60 Bildern pro Sekunde. Bedeutet im Klartext: Obwohl das Motorola One Action statt einer Dual- eine Triple-Kamera bietet, leistet das neue Modell bei Fotos deutlich weniger.

Das sieht man leider auch. Aufnahmen sehen selbst bei hellem Tageslicht nie richtig scharf aus, manche Motive wirken im Gegenteil sogar ziemlich verwaschen. In der Vergrößerung sieht man eine starke Nachzeichnung durch die Software, damit in der Vollbildbetrachtung der Eindruck von Schärfe entsteht. Immerhin ist Bildrauschen kaum ausgeprägt und die Bilddynamik geht dank Auto-HDR auch in Ordnung, solange die Szenerie nicht zu anspruchsvoll wird. Während bei gutem Licht noch ausreichend gute Fotos möglich sind, sieht man den an der Hardware angesetzten Rotstift bei Aufnahmen mit weniger Licht deutlicher. In Innenräumen benötigt das Smartphone mangels größerer Offenblende rund die 20-fache Belichtungszeit im Vergleich zu Aufnahmen in hellem Sonnenlicht. Die ISO-Werte gehen um den Faktor 10 bis 15 hoch. Das sieht man in Form von weniger Schärfe, mehr Bildrauschen und deutlich schneller auftauchender Bewegungsunschärfe. Hier fehlt ganz klar der optische Bildstabilisator. Das Motorola One Vision macht unter solchen Umständen die viel brillanteren Bilder.

Video: Motorola One Action im Action-Cam-Modus. Erst Treppe, dann Joggen und anschließend Sprinten.

Ein Ass sollte das Smartphone aber noch im Ärmel haben: Videos beim Einsatz als Actioncam. Dafür wurde der dritte Kamerasensor extra um 90 Grad gedreht, damit entsprechende Filmchen – auch im Hochformat aufgenommen – letztendlich ein normales Querformat-Video ergeben. Das soll die Handhabung des langgestreckten Smartphones beim Videodreh erleichtern. Statt der Ausrichtung des Smartphones bei der Aufnahme ist aber wohl die Videoqualität und als Actioncam die Bildstabilisierung wichtiger. Insgesamt liefert Motorola dabei ein durchwachsenes Ergebnis ab.

Das One Action nimmt Action-Cam-Querformat-Videos im Hochformat auf.

Wegen der maximalen Videoauflösung von 1920 × 1080 Pixel ist die Bildschärfe zwar auch hier nicht wirklich überzeugend, immerhin sind seitliche Schwenks wegen der möglichen 60 Bilder pro Sekunde aber nicht noch unschärfer. Außerdem leistet das One Action bei der Bildstabilisierung ordentliche Arbeit, auch wenn das nicht ganz auf dem Niveau hochpreisiger Actioncams wie der Gopro Hero 7 Black (Testbericht) oder der DJI Osmo Action (Testbericht) ist. Im Vergleich dazu fehlt dem Smartphone auch eine HDR-Funktion für Videos. Auffällig ist die hohe Windempfindlichkeit des Mikros bei der Videoaufnahme, wie gegen Ende des Videos oben zu hören ist.

Das Motorola One Action setzt, wie schon das One Vision, auf den von Samsung gefertigten Mittelklasse-Prozessor Exynos 9609 mit 2,2 GHz und Mali-G72-MP3-GPU. Dabei handelt es sich um einen leicht untertakteten Exynos 9610, der unter anderem im Samsung Galaxy A50 (Testbericht) steckt und dort solide Mittelklasse-Leistung bietet. Dank 4 GByte RAM liefert auch das neue One-Modell für ein Smartphone unter 300 Euro gute Multitasking-Leistung. Im Antutu-Leistungstest schafft das Motorola One Action 143.000 Punkte, das geht für den aufgerufenen Preis absolut in Ordnung. Eine Besonderheit ist der mit 128 GByte in dieser Preisklasse sehr große UFS-2.1-Speicher, der auf Wunsch noch erweiterbar ist. Statt einer microSD-Karte nimmt das Smartphone auch eine zweite SIM-Karte auf. Die restliche Hardware-Ausstattung ist mit WLAN nach 802.11ac, NFC, Bluetooth 5.0, Klinkenanschluss und UKW-Radio vollständig – mehr kann man bei dem Preis nicht erwarten.

In Puncto Software setzt Motorola beim One Action auf modernes Android 9 Pie, eine eigene Nutzeroberfläche packt der Hersteller nicht darüber. Einige Anpassungen gibt es aber durchaus, darunter die Moto-Actions, mit denen etwa die Taschenlampenfunktion per doppelter Schüttelgeste oder die Kamera durch eine doppelte Drehbewegung des Smartphone auch aus dem Standby heraus aktiviert werden können. Der Sicherheitspatch stammt vom 1. Juli 2019 und ist ausreichend aktuell.

Der Akku des neuen One Action von Motorola leistet 3500 mAh, die dem Mittelklasse-Smartphone zu gutem Durchhaltevermögen verhelfen. Fast 12 Stunden hielt das Modell im Battery Test von PCmark durch, das verspricht gute ein bis zwei Tage durchschnittliche Laufzeit ohne nachzutanken. Das klappt allerdings nicht mehr ganz so schnell wie beim Motorola One Vision, denn der Hersteller setzt auch hier den Rotstift an und streicht die TurboPower genannte Schnellladetechnik. Entsprechend liegt dem Lieferumfang, dem übrigens wieder ein Headset fehlt, nur ein 10-Watt-Netzteil bei. Damit dauert eine vollständige Ladung rund 2 Stunden. Induktives Laden beherrscht das Smartphone wie schon das Schwestermodell nicht.

Das Motorola One Action ist in den Farben Blau und Weiß ausschließlich in der beschriebenen Konfiguration erhältlich. Zum Testzeitpunkt kurz nach Marktstart kosten beide Farbvarianten immer noch die vollen 260 Euro, die der Hersteller als UVP angesetzt hat. Das Motorola One Vision kostet aktuell kaum 10 Euro mehr.

Motorola One Action Dual-SIM denim blue

Motorola One Action Blau

Motorola One Action Dual-SIM pearl white

Motorola One Action Weiß

Motorola One Vision Dual-SIM sapphire gradient

Motorola One Vision Blau

Motorola One Vision Dual-SIM bronze gradient

Motorola One Vision Braun

Das war nichts, Motorola. Das One Action sieht aus wie das wirklich gute One Vision, hat das gleiche Display, den gleichen Chipsatz und den gleichen Speicher – aber die deutlich schlechtere Kamera. Eine Weitwinkel-Linse, mit der man keine Fotos knipsen kann? Zu allem Überfluss auf FHD beschränkte Videos, was am Monitor oder auf dem heimischen Fernseher alles andere als Brillant rüberkommt – wer hatte denn diese grauenhafte Idee? Natürlich mag es einen sehr eingeschränkten Personenkreis geben, dem ordentlich stabilisierte Videos wichtiger als eine gute Fotokamera im Smartphone ist. Doch wenn es eine Motorola-Gerät sein soll, dann empfehlen wir dem Großteil der potentiellen Nutzer ganz klar eher das kaum 10 Euro teurere Motorola One Vision (Testbericht). Vielleicht noch besser ist das Xiaomi Mi 9 SE (Testbericht), das zumindest in der 64-GByte-Version für unter 280 Euro zu haben ist. Wer ein OLED-Display und ein noch schickeres Design sucht, der könnte mit dem Samsung Galaxy A50 (Testbericht) fündig werden. Das gibt es momentan schon ab 255 Euro.

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