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Motorola Edge im Test: Schicker Edel-Bolide mit Sehschwäche

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Von außen sieht das Motorola Edge wie ein Oberklasse-Smartphone aus, der Preis passt dazu. Die Hardware ist aber eher obere Mittelklasse – reicht das, um im Test zu überzeugen?

Einst war Motorola Weltmarktführer bei Mobilfunkgeräten, dann folgte der Absturz. Der Wiederaufstieg war – zumindest teilweise – in den letzten Jahren durchaus erfolgreich. Zumindest konnte der Hersteller, der inzwischen längst zu Lenovo gehört, von seinem guten Namen profitieren und mit einfachen, aber preislich lukrativen Einsteiger- und Mittelklasse-Smartphones überzeugen. In letzter Zeit scheint der Konzern aber seine Ausrichtung ändern oder zumindest sein Portfolio nach oben hin erweitern zu wollen. Denn mit Ausnahmemodellen wie dem Falt-Display-Smartphone Moto Razr wurde klar, dass Motorola mehr als nur Billigfabrikant sein will. Das Motorola Edge ist zwar in puncto Ausstattung weit vom nur in Asien erhältlichen Edge+ entfernt, orientiert sich aber preislich und bei der Optik an gehobenen Gefilden.

Schick sieht das Motorola Edge auf jeden Fall aus, sogar richtig edel. Unser Testgerät in „Solar Black“ mit bläulichem Schimmer wirkt wie aus einem Guss. Die stark gerundeten Längsseiten beziehen nicht nur die Glasoberfläche des Displays mit ein, sondern auch das Panel selbst. Das gibt es sonst überwiegend bei teuren Oberklasse-Modellen, vor allem Samsung nutzt dieses Design intensiv für seine Premium-Smartphones. Wie beim koreanischen Hersteller sieht man dadurch seitlich überhaupt keinen Rahmen mehr neben dem Bildschirm, das wirkt sehr hochwertig. Dabei gibt es den sehr wohl, wie sich über und unterhalb des Screens zeigt. Da Motorola aber den eigentlich seitlichen Metallrahmen an den Seiten extrem dünn baut und schon fast auf die Rückseite verlegt, sieht man das beim Edge nicht.

Stirn- und Fußseite des Modells sind hingegen nur schwach gerundet. Bei der Haptik gibt es zwei Einschränkungen, die letztendlich aber nicht stark ins Gewicht fallen: Einerseits ist der Übergang von seitlichem Metallrahmen zur ebenfalls an den Längskanten deutlich gerundeten Rückseite klar spürbar, sobald man mit dem Finger drüber streicht. Außerdem besteht die Rückseite nicht aus Glas, sondern aus Kunststoff – das fühlt sich einfach nicht so kühl und hochwertig an und passt auch nicht zum aufgerufenen Preis von Motorola. Dennoch liegt das Edge gut in der Hand. Das dürfe auch am langgezogenen 19,5:9-Format liegen, durch das das Smartphone vergleichsweise schmal ist. Insgesamt misst das Mobiltelefon 192 × 71 × 9,3 Millimeter und wiegt 190 Gramm – das ist in Ordnung.

Das Display zieht sich weit um die Kante

Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass fast nichts hervorgehoben ist – sprich: Die Kameralinsen auf der Rückseite sind fast plan ins Gehäuse integriert, auffällige Kameramodule wie bei Samsung oder Huawei gibt es nicht. Die Verarbeitung ist abgesehen von den genannten haptischen Einschränkungen hervorragend. Die nur beim genauen Hinsehen erkennbaren Antennenstreifen in Stirn- und Fußseite des Metallrahmens sind nicht fühlbar, auch sonst gibt es keine unregelmäßigen Spaltmaße. Insgesamt ist das Motorola Edge sehr verwindungssteif und wirkt daher solide. Die ausschließlich auf der rechten Seite platzierten Power- und Lautstärketasten sind ausreichend fest ins Gehäuse eingelassen und lassen sich sehr gut bedienen. Für unseren Geschmack ist allerdings der Powerbutton etwas zu weit oben platziert, sodass sich selbst Nutzer mit großen Händen immer leicht strecken müssen, um ihn mit dem Daumen erreichen zu können.

Gegen Wasser ist das Modell geschützt, allerdings nur nach IP52. In einen Regenschauer darf ein Edge-Besitzer also mit dem Gerät kommen, komplett ins Wasser fallen sollte es aber nicht.

Alle Bilder zum Motorola Edge aus dem Test (26 Bilder)

Wie inzwischen bei höherpreisigen Smartphones weitverbreitet spendiert auch Motorola seinem schicken Edge-Smartphone ein OLED-Display. Der Screen bietet eine Auflösung von 2340 × 1080 Pixel bei 6,7 Zoll Diagonale und kommt so auf eine Bildschärfe von nicht ganz 400 Pixel pro Zoll. Das reicht im Alltag allemal. Ein weiteres Highlight ist die 90-Hertz-Bildwiederholfrequenz, die bewegte Inhalte noch flüssiger wirken lässt. Dadurch sieht dann etwa das totschicke Live-Wallpaper, das je nach Streichrichtung Wellen von links oder rechts über den Bildschirm schwappen lässt, regelrecht beeindruckend aus.

Das gilt auch für die restliche Darstellung – mit Ausnahme der Helligkeit. Denn während Kontraste, Schwarzwert und Blickwinkelstabilität wie fast immer bei OLED vorbildlich sind, könnte die Helligkeit – gemessen am Preis des Smartphones – ruhig etwas höher als die rund 420 cd/m² sein, die unser Messgerät ausgespuckt hat. Ein Beinbruch ist das aber nicht, auch wenn im Freien normalerweise zumindest bei direkter Sonneneinstrahlung eine Schattenspendende Hand parat sein sollte. Apropos Hand: Probleme mit ungewollten Berührungen des an den Seiten gebogenen Displays beim Halten in der Hand können wir nicht bestätigen. Wer dennoch auf Probleme stößt, sollte die im Lieferumfang befindliche Silikon-Schutzhülle ausprobieren, die sich recht weit um die seitlichen Kanten legt.

Das Motorola Edge kommt nicht mit Quad-, sondern Triplecam zum Kunden. Das klingt zwar erst einmal enttäuschend, ist uns aber allemal lieber als eine sinnlose Makrokamera wie bei Smartphone ala Oneplus Nord (Testbericht) oder Xiaomi Mi 10 (Testbericht). Sogar auf einen Tiefensensor verzichtet der Hersteller, sodass das Edge trotz „nur“ drei Kameras neben der Hauptkamera die entscheidenden Bereiche Weitwinkel und Tele mit abdeckt – vorbildlich! Auch die technischen Daten der Kamera klingen vielversprechend: Die Hauptkamera knipst Aufnahmen mit bis zu 64 Megapixel und lichtempfindlicher f/1.8-Blende, der Weitwinkel setzt auf 16 Megapixel und f/2.2 und die Telelinse immerhin noch auf 8 Megapixel und f/2.4. Neben einem Phasenvergleich-Autofokus setzt Motorola auch auf Laser zum genauen Fokussieren. Einzig einen optischen Bildstabilisator (OIS) vermissen wir, zumal der Hersteller mit Modellen wie dem One Vision (Testbericht) und One Zoom (Testbericht) schon günstigere Modelle damit versehen hat.

Toll: Keine Fake-Linse, sondern Haupt-, Weitwinkel- und Telelkamera

Der fehlende OIS mag der Grund dafür sein, dass Fotos mit der Hauptkamera auf den ersten Blick zwar sehr stimmig aussehen, im Detail aber Bildschärfe und Detailreichtum vermissen lassen. Bildrauschen und Bilddynamik fallen hingegen gut aus. Leider macht sich vor allem die insgesamt, aber vor allem bei schlechtem Licht etwas zu niedrige Bildschärfe zu stark bemerkbar. Dann kommt auch nicht mehr der die 2-fache optische Vergrößerung der Telelinse zum Einsatz, sondern wegen deren zu schwacher Blende ein Ausschnitt der Hauptkamera. Das lässt sich nur im Pro-Modus umgehen. Bei gutem Licht sind die Ergebnisse der Telelinse in Ordnung. Beim Weitwinkel vermissen wir gerade zu den Bildrändern hin ebenfalls etwas Bildschärfe. Das gilt auch für die Frontkamera mit 25 Megapixel, die insgesamt aber ordentliche Bilder macht.

Alle Originalaufnahmen mit der Kamera des Motorola Edge im Test (10 Bilder)

Weitwinkel

Bei Videos ist bei 4K/30 Schluss. Wer mit Weitwinkel oder Telelinse filmen will, muss dafür nicht nur eine neue Aufnahme beginnen, sondern ist auch auf Full-HD limitiert. Die 4K-Qualität ist in Bezug auf Darstellung und Stabilisierung in Ordnung, wegen der zu niedrigen Bildanzahl pro Sekunde wirken Schwenks immer etwas unscharf.

Zwar steckt im Motorola Edge kein Spitzenchipsatz, sondern der Qualcomm Snapdragon 765. Wie schon beim Oneplus Nord (Testbericht) gilt auch beim Edge: Im Alltag dürften Nutzer keine Power vermissen, hier sogt der Chipsatz der oberen Mittelklasse für flüssige und direkte Bedienung in allen Lebenslagen. Lediglich bei sehr anfordernden Spielen könnten bei Nutzung von 90-Hertz-Darstellung mal der ein- oder andere Ruckler auftreten. Das liegt an der GPU, die im Vergleich zu den CPUs stärker von Spitzenchips zurückfällt. Wer das nicht will, muss zu Smartphones mit Snapdragon 855 oder 865 greifen. Im Verbund mit 6 GByte RAM und Antutu auf dem 128 GByte großen internen Speicher installiert erreichte unser Testmodell rund 305.000 Punkte, was einen sehr guten Mittelklasse-Wert darstellt. Der Speicher ist per Micro-SD-Karte erweiterbar um bis zu 1 TByte, dann nimmt das Gerät allerdings nur noch eine SIM auf.

Beim Rest bietet das Motorola Edge weitestgehend alles, was Smartphone-Käufer heute erwarten dürfen. Dazu gehört neben einem schnell und zuverlässig funktionierenden Fingerabdrucksensor im Bildschirm vor allem Bluetooth 5.1, NFC und USB-C. Wifi 6 fehlt, ebenfalls ein schnellerer USB-Standard als 2.0. Trotz Stereo-Lautsprecher überzeugt der Klang nicht vollkommen, dazu fehlt es etwas an Substanz und Fülle. Schlecht ist er aber nicht.

Über Android 10 liegt die kaum veränderte MyUX-Nutzeroberfläche des Herstellers. Sie bietet unter anderem nach wie vor die branchenweit beste Möglichkeit, auf die Taschenlampenfunktion des Moto Edge zuzugreifen – nämlich durch eine doppelte Hack-Bewegung. Die meisten Anpassungen finden Nutzer in der Moto-App. Außerdem integriert Motorola die gebogenen Display-Ränder in die Steuerung. Dort dürfen Nutzer eine Schaltfläche platzieren. In erster Linie ersetzt der Hersteller damit die Menübuttons am unteren Rand, etwa Buttons für Zurück, Wechsel zur Übersicht zuletzt geöffneter Apps und Ähnliches. Ein paar mehr Schnellzugriffe hätte es schon sein dürfen.

Der Sicherheits-Patch stammte zum Testzeitpunkt von Juni 2020 und war damit noch ausreichend aktuell. Mindestens ein großes Software-Update hat Motorola inzwischen für das Edge versprochen, Android 11 kommt also ganz bestimmt auf das schicke Smartphone.

Motorola verpasst dem eleganten Edge einen immerhin 4500 mAh starken Akku – dafür, dass man das dem Gerät nicht ansieht, ist das sehr respektabel. Mit aktiviertem 90-Hz-Panel schafft das Smartphone bei 200 cd/m² und simulierter Dauernutzung mittels Battery Test von PCmark fast 11 Stunden, bei 60 Hertz sind es gut 12,5 Stunden. Insgesamt sind das gute Werte, auch wenn es noch ausdauerndere Smartphones gibt. Edge-Nutzer dürften ohne besondere Stromsparmechanismen gut über den zweiten Tag kommen, dann sollte wieder geladen werden. Das klappt mit nicht mehr ganz taufrischen 18 Watt und Motorolas Turbo-Power-Technologie und dauert entsprechend rund 2 Stunden. Im Vergleich zu Ladeweltmeistern wie Realme mit bis zu 60 Watt ist das geradezu schneckenlahm, für die meisten Nutzer sollte das aber kein Ausschlusskriterium sein. Kabelloses Laden gibt es nicht.

Das Motorola Edge ist derzeit nur in der Farbe Solar Black und in der Speicherkonfiguration 6/128 GByte erhältlich. Die UVP des Herstellers liegt bei knapp 600 Euro.

Die Optik ist klasse, das Motorola Edge sieht richtig hochwertig aus. Leider passt die Kunststoffrückseite nicht ganz dazu, wirklich schlimm ist das aber letztendlich nicht. Auch die Leistung des Mittelklasse-Modells stimmt, im Alltag sollten da keine Beschwerden kommen. Am meisten stören uns die Kamera, die generell zu stark an Schärfe-Inkontinenz leidet. Sie ist nicht schlecht, aber für den aufgerufenen Preis nicht gut genug. Apropos Preis: Der ist für das gebotene Gesamtpaket zu hoch.

Deutlich mehr fürs Geld erhalten Käufer des Oneplus Nord (Testbericht) und auch beim Xiaomi Poco F2 Pro (Testbericht) dürften die meisten Käufer glücklicher werden. Wer sehen will, was es für das Geld des Edge sonst noch Empfehlenswertes gibt, sollte einen Blick in unsere Top 10: Das sind die besten Smartphones bis 500 Euro werfen.

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