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LG Velvet im Test: Neustart mit Stil

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LGs neues Top-Smartphone Velvet ist ein Mittelklasse-Modell, das vor allem bei Design und Wertigkeit punkten will. Reicht das, um mit der Konkurrenz mitzuhalten?

Es kündigte sich schon lange an: So richtig erfolgreich verkaufen sich LG-Smartphones in Europa nicht, ein Wechsel muss her. Der kommt jetzt. Statt G-Serie folgt auf LG G8X (Testbericht) und G8S (Testbericht) jetzt das Velvet und der koreanische Hersteller scheint den gleichen Weg gehen zu wollen, mit dem zuvor schon HTC scheiterte: Das neue Spitzenmodell ist ein Mittelklasse-Smartphone. Immerhin passt LG den Preis entsprechend an, das Smartphone kostet 599 Euro in der UVP des Herstellers. Ob dieser Ansatz besser als beim taiwanischen Konkurrenten funktioniert?

Schick ist es, das LG Velvet. Mit seinen um die Kante geschwungenen Display-Rändern, dem schicken Metallrahmen und der eleganten Glasrückseite geht es auf den ersten Blick durchaus als Oberklasse durch. Und es fasst sich auch so an. Natürlich hat das Gerät haptisch nichts mit dem namensgebenden Samt zu tun, aber es wirkt beinahe genauso sanft, rund und fließend. Denn Übergänge von Front zum Rahmen oder vom Rahmen zur Rückseite sind kaum zu spüren, das macht LG sogar besser als Samsung bei seinem viel teureren Flaggschiffmodell Galaxy Note 20 Ultra 5G (Testbericht). LG nennt das 3D Arc Design und über das schicke Äußere vergisst der Hersteller zum Glück auch nicht ein Mindestmaß an Widerstandskraft: Das Smartphone besteht aus Gorilla Glas 5 und ist nach IP68 und Teilbereichen der militärischen Vorgaben MIL-STD-810G zertifiziert.

Auf der weitestgehend schmucklosen Rückseite ziehen drei Kameralinsen und ein LED-Blitz den Blick auf sich. Nur die größte, oben platzierte Linse steht aus dem Gehäuse hervor, die anderen beiden und der Blitz sind in einer Linie darunter platziert und kleiner. Das erinnert an fallende Tropfen – schick. Trotz solcher Design-Finessen kann das LG Velvet nicht verbergen, dass es offenbar mit einem engen Finanzbudget entworfen wurde. Denn im Gegensatz zum ersten, durchaus sehr guten Eindruck zeigen sich bei genauerem Hinsehen Schwachstellen. So wollen die vergleichsweise breiten Display-Ränder, die sogar an den stark gerundeten Längskanten noch zu sehen sind, und die einfache Tropfen-Notch nicht recht zum ansonsten edlen Aussehen passen. Hier wäre eine Punchhole-Notch Pflicht gewesen, außerdem schmalere Ränder. Wie auf einigen Pressebildern. Denn vor allem seitlich ist auf den Werbebildern des Herstellers gar kein Rand zu sehen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Ansonsten punktet das Modell mit hervorragender Verarbeitung, nur die Hardware-Buttons (Powerbutton rechts, Lautstärke-Regler und Google-Assistant-Knopf links) haben einen minimal zu harten Druckpunkt. Dafür klappert aber auch nichts. Auch das hat LGs neuestes Mittelklassemodell dem bereits erwähnten Samsung-Spitzengerät voraus.

Alle Bilder zum LG Velvet aus dem Test (15 Bilder)

LG Velvet

Auch wenn das LG Velvet recht filigran daherkommt, ist es doch ein ziemlich großes Smartphone. Das liegt nicht zuletzt am 6,8 Zoll großen Screen, der dank 2460 × 1080 Pixel und rund 400 PPI angenehm scharf ist. Der schlanke Eindruck trügt nicht: Das POLED-Panel ist auf einen Formfaktor von 20,5:9 ausgelegt und entsprechend langgezogen. Das ist toll beim Websurfing oder Chatten, verhindert im Gegenzug aber Einhandbedienung und verlangt in typischen 16:9-Anwendungen wie Youtube deutlich sichtbare schwarze Balken neben den Videos.

Ansonsten gibt es nichts zu meckern. Im Automatikmodus erreicht das Display fast eine Helligkeit von 700 cd/m², manuell sind es knapp 500 Candela - nicht überragend, aber gut genug, um auch im Sommer draußen noch alles recht gut ablesen zu können. Dazu tragen außerdem die von (P)OLED gewohnt guten Kontraste und Farben sowie der tolle Schwarzwert ihren Teil bei. Gleiches gilt für die hervorragende Blickwinkelstabilität. Mehr als 60 Hertz Bildwiederholungsrate gibt es allerdings nicht – schade, das hätte gut zu einem Premiumprodukt gepasst.

Die Triple-Cam des LG Velvet besteht aus der Hauptlinse mit 48 Megapixel mit f/1.8-Blende und optischem Bildstabilisator (OIS), hinzu kommen ein Weitwinkel mit 8 Megapixel und f/2.2 sowie ein Tiefensensor mit 5 Megapixel. Eine Telelinse fehlt leider. Rein von den Werten her ist das kein beeindruckender Kamera-Aufbau, zumal er von vielen anderen Mittelklasse-Smartphones locker übertroffen wird.

Die Hauptkamera ist bei Tageslicht gut

Im Alltag überzeugt das LG-Smartphone dennoch, zumindest bei Tageslicht. Dann produziert das Gerät sehr plastische, scharfe und ausreichend detailreiche Aufnahmen, auch Farbwiedergabe und Bilddynamik mit aktiviertem Auto-HDR stimmen weitestgehend. Erst beim Zoom ins Bild fallen Unterschiede zu höherpreisigen Modellen auf. Hier kann dann die Bildschärfe nicht mehr ganz mithalten und es wird sichtbar, dass LG die Plastizität der Aufnahmen durch teilweise recht aggressives Nachbearbeiten der Aufnahmen erreicht. Im Detail gehen dabei aber Details verloren. In dunklen Bildbereichen stellt sich außerdem erstaunlich früh Bildrauschen ein.

Ähnliches gilt für den Weitwinkel, dessen Bildschärfe zu den Rändern hin sichtbar nachlässt. Bei schwachem Licht nimmt Bildrauschen bei beiden Linsen überhand, im Gegensatz zu Samsung versucht LG das aber nicht mit mehr Weichzeichner zu kaschieren, sondern bietet für ein Mittelklassegerät immer noch ordentliche Bildschärfe. Die Ausleuchtung ist auch ohne Nachtmodus gelungen – den gibt es schlichtweg nicht.

Alle Originalaufnahmen mit dem LG Velvet (19 Bilder)

LG Velvet

Generell fehlt ein Zoom, mangels Qualität sollten Nutzer mehr als 2-fache Vergrößerung für Fotos erst gar nicht versuchen. Bilder mit der Selfiecam sehen für 16 Megapixel nicht scharf genug aus, außerdem muckt die Bilddynamik immer mal wieder negativ auf.

Angetrieben wird das LG Velvet von einem Snapdragon 765G mit bis zu 2,4 GHz, der von 6 GByte RAM flankiert wird. Die reine Rechenpower des Chipsatzes ist mehr als ausreichend, stärker ist der Unterschied zum Spitzenchipsatz Snapdragon 865 bei der Grafikleistung. Auch so gibt es in Spielen aber kaum Probleme, das gilt selbst ohne Reduzierung der Grafikdetails. Lediglich die maximale Bildwiederholungsrate von 60 Hz lässt das 90- oder 120-Hz-verwöhnte Auge scheinbar leichte Ruckler vernehmen – schade bei dem schicken Äußeren. Ein Ergebnis von rund 310.000 Punkten im Antutu-benchmark unterstreicht allerdings den potenten Eindruck, den das Velvet ansonsten im Test hinterließ. Highlight der ziemlich vollständigen Ausstattung ist das 5G-Modem, mit dem das LG-Smartphone für die Zukunft gerüstet sein soll.

In Deutschland dürfte das noch etwas auf sich warten lassen. Vielleicht ist das der Grund, warum LG das Velvet auch mit Snapdragon 845 und ohne 5G im Angebot hat - wenn auch hierzulande nicht offiziell. Bei gleicher Ausstattung wie 128 GByte internem, erweiterbarem Speicher, 3,5-Millimeter-Anschluss für herkömmliche Kopfhörer und ordentlich funktionierender Fingerabdrucksensor im Display ist das Modell unter Umständen wegen der besseren Grafikleistung generell für Zocker die bessere Variante. Sie kostete zum Testzeitpunkt immerhin gute 70 Euro weniger. Nachteil: Die 4G-variante ist schwerer zu bekommen. Beide Versionen bieten ab Werk Android 10.

Cooles, aber leider teures Sonderzubehör: Ein Cover mit zweitem POLED-Display und gleichen Werten wie das Hauptdisplay, mit dem Multitasking gleich doppelt so viel Spaß macht.

4300 mAh sind heute für ein Smartphone ein durchschnittlicher Wert, im Vergleich zum LG G8S (Testbericht) ist er hingegen deutlich besser. So oder so: Mit knapp 10 Stunden im Battery Test von PCmark und seinem Verhalten im Testzeitraum zeigt sich das LG Velvet als durchschnittlicher Stromverbraucher, der gern auch mal einen zweiten Tag ohne frischen Strom auskommt. Anschließend lädt das LG-Modell nicht nur per Kabel und 16 Watt in rund 1,5 Stunden voll auf, sondern alternativ auch mit 9 Watt kabellos in rund 2,5 bis 3 Stunden. Gerade Laden per Induktion passt gut zum gehobenen Eindruck, den das Velvet machen möchte, allerdings wäre mehr als 16 Watt Schnellladen durchaus passend gewesen.

LG verkauft in Deutschland offiziell nur die Varianten mit Snapdragon 765G und integriertem 5G-Modem. Das Modell ist in den Farben Grau, Weiß und Grün erhältlich. Günstiger ist die im freien Handel erhältliche Version mit Snapdragon 845 und ohne 5G in Schwarz und Silber.

Das LG Velvet hat endlich einen einprägsamen Namen. Das klingt schöner als Buchstaben- und Ziffernkombinationen und passt gut zum schicken Äußeren des Modells. Das wirkt edel und hochwertig, die gute Verarbeitung genügt ebenfalls Topmodell-Ansprüchen. Bei der Hardware kann man das nicht sagen, was grundsätzlich kein Problem wäre, schließlich war LG so schlau, den Preis auf hohes Mittelklasse-Niveau anzupassen. Dadurch gibt es kaum eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn die Technik passt zum Preis, zumindest zum Straßenpreis. Sie reicht im Alltag in allen Lebenslagen.

Und doch sind wir nicht vollends mit dem LG Velvet zufrieden. Denn im Detail hätte es etwas mehr gebraucht, um sich von der starken Konkurrenz in der oberen Mittelklasse abzuheben, sofern man nicht noch weiter an der Preisschraube drehen wollte. So fehlt dem Velvet ein 90- oder gar 120-Hz-Display, die Ränder rings um den Screen sind einen Tick zu breit, die Tropfen-Notch wirkt etwas überholt und die Kamera hätte ein Tele- statt eines Tiefensensors verdient gehabt. So bleibt leider nur ein gutes, aber nicht herausragendes Smartphone. Schade, denn ein herausragendes Smartphone wäre genau das gewesen, was LG in seiner aktuellen Marktsituation dringend gebraucht hätte.

So wird es von Modellen wie dem Oneplus Nord (Testbericht) oder dem Xiaomi Poco F2 Pro (Testbericht) recht eindeutig überflügelt. Wer nach weiteren Alternativen sucht, wird in unserer Top 10 der besten Smartphones bis 500 Euro auch sehr schnell fündig.

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