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Honor 9X im Test: Mittelklasse aus der Not geboren

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X steht bei Honor für Mittelklasse mit hervorragendem Preis-Leistungsverhältnis. Das soll auch beim Honor 9X nicht anders sein – inklusive Google-Diensten natürlich.

Huawei hat es seit Monaten ziemlich schwer: US-amerikanische Unternehmen dürfen schon seit geraumer Zeit keine Geschäfte mehr mit chinesischen Konzernen tätigen – darunter eben auch Huawei und dessen Tochter Honor. Bei Smartphones mit Android-Betriebssystem bezieht sich das Verbot explizit auf die Software, nämlich Android und dessen Google-Dienste. Neue Smartphones dürfen daher nicht mit vollständigem Android ausgeliefert werden, entsprechend hängen Modelle wie Huaweis Mate 30 Pro derzeit in der Schwebe. Sie wurden zwar bereits in Deutschland vorgestellt, aber ob, wann, und mit welcher Hard- und Software sie in den Handel kommen, ist alles andere als klar.

Um nicht ganz mit leeren Händen dazustehen und der Konkurrenz das Feld komplett kampflos zu überlassen, bringt die Huawei-Tochter Honor nun das Honor 9X auf den Markt. Und zwar mit komplettem Android 9 und allen Google-Diensten. Sogar ein Update auf Android 10 wird kommen. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Das Honor 9X gibt es in China schon länger. Es wurde noch vor den Sanktionen gegen chinesische Firmen zertifiziert. Entsprechend ist auch das überarbeitete 9X für Europa nicht davon betroffen. Warum aber das chinesische Modell einen neuen Prozessor innehat, weiß wohl nur Honor.

Das neue Honor 9X ist nichts für kleine Hände. Satte 164 × 77 × 8,8 Millimeter misst das Mittelklasse-Smartphone, stolze 196 Gramm ist es schwer. Damit ist Einhandbedienung nahezu unmöglich, sofern man nicht der Hulk ist. Beeindruckend ist das Gerät nicht nur deshalb. Honor verzichtet komplett auf eine Notch und die Ränder sind rings um das riesige Display insgesamt recht schmal. Natürlich geht da bei hochpreisigen Geräten noch mehr, in der Mittelklasse ist das aber absolut in Ordnung. Den Verzicht auf eine Notch erreicht der Hersteller durch die Verwendung einer Popup-Kamera, die nur bei Bedarf aus dem Kunststoffrahmen auf der Stirnseite fährt und ansonsten im Smartphone geschützt ist. Direkt daneben platziert Honor den SIM-Kartenschlitten, der wegen seiner Hybrid-Auslegung entweder zwei SIM-Karten oder eine SIM und eine Micro-SD aufnimmt. Auf der Fußseite installiert das Unternehmen USB-Typ-C-Anschluss, Lautsprecher und einen 3,5-Millimeter-Aus- und Eingang. Auf der rechten Seite befinden sich Power- und Lautstärke-Buttons.

Highlight beim Thema Design ist wohl die Rückseite, zumindest bei unserem blauen Testgerät. Sie beherbergt die Triple-Cam, einen Fingerabdrucksensor, der beim chinesischen 9X auf der Seite liegt, und einen Honor-Schriftzug. Auffällig ist die Art, wie sie das Licht auf der Oberfläche bricht. Denn je nach Betrachtungswinkel bilden diverse Mikroprismen den namensgebenden Buchstaben der Geräteserie, nämlich das X, das aus einzelnen Klötzchen zusammengesetzt zu sein scheint. Tatsächlich handelt es sich dabei um zwei einander zugewandte Pfeile, die je nach Lichteinfall bei Bewegung aufeinander zu- oder voneinander wegwandern. Treffen sie sich, ergibt das Bild den genannten Buchstaben. Das ist sicherlich Geschmacksache, uns gefällt das extravagante Design, das definitiv ein Hingucker ist. Die schwarze Version kommt übrigens ohne diese visuelle Spielerei. So ist sowohl für In-, als auch für Extrovertierte was dabei.

Das namensgebende X - je nach Lichteinfall.

Eine Sache stört, zumindest etwas. Das Honor 9X sieht auffällig und schick aus und auch die Verarbeitung ist insgesamt richtig gelungen. Nimmt man das Gerät allerdings zur Hand, fällt schnell auf, dass weder Rückseite, noch Rahmen aus hochwertigen Materialien wie Glas und Aluminium bestehen. Stattdessen setzt Honor auf viel Plastik. Meist geht dieser etwas günstigere Werkstoff mit erhöhter Kratzerempfindlichkeit einher, vielleicht packt Honor auch genau aus diesem Grund bereits eine einfache Schutzhülle in den Lieferumfang. Kunststoff als Material ist etwas enttäuschend, zumal Konkurrenten wie etwa ein Xiaomi Mi 9 SE (Testbericht) das besser machen. Auch der Übergang von Rahmen zu Front- und Rückseite hätte etwas sanfter verlaufen dürfen. Dieser Eindruck wird auf der Front durch eine vorapplizierte Display-Schutzfolie verstärkt, die ebenfalls leicht scharfkantig ist. Insgesamt wirkt das Honor 9X damit noch lange nicht billig, aber der Wertigkeitseindruck sinkt durchaus.

6,59 Zoll misst das LCD des Honor 9X – das ist gigantisch. Vor wenigen Jahren gab es noch 7-Zoll-Tablets, heute geht das als Smartphone durch. Das stößt manchen Nutzern übel auf. Die vergessen dann aber auch gern, dass durch wesentlich schmalere Ränder rings um das Panel die Gesamtgröße eines Honor 9X deutlich unter dem Maß solcher Tablets liegt. Ein Google Nexus 7 (2012) war mit seinen fast 200 Millimetern Länge und 120 Millimetern Breite mehrere Zentimeter länger und breiter als das Honor 9X – bei kaum größerem Touchscreen! In Zahlen ausgedrückt ist das noch unglaublicher: Das Nexus 7 hatte eine Frontfläche von 23,82 cm², das Honor 9X nur 12,63 cm² und damit nur 53 Prozent des Tablets. Gleichzeitig ist der Screen des Tablets nicht einmal 6 Prozent größer – ist das nicht beeindruckend?

Größe hin oder her, natürlich muss das Panel auch was taugen. Keine Sorge, das tut es. Die Helligkeit ist mit gemessenen 400 cd/m² für die Mittelklasse absolut okay, Farben und Kontraste kommen natürlich nicht an OLED heran, sind aber tatsächlich schön ausdrucksstark. Die Auflösung des Screens ergibt dank 2340 × 1080 Pixel eine Bildschärfe von knapp 400 Pixel pro Zoll (PPI), das reicht für scharfe Darstellung. Im Freien wird gutes Ablesen nicht nur durch die ordentliche Helligkeit, sondern auch durch die gute Blickwinkelstabilität gewährleistet. Wie bei den meisten LCDs sinkt zwar ab einem bestimmten Blickwinkel die Helligkeit. Das geschieht hier erst vergleichsweise spät, außerdem kommt es kaum zu Farbverfälschungen. Auch wenn OLED hier klar die Nase vorn hat, schlägt sich das Display des Honor 9X sehr gut.

Viele Einstellungsmöglichkeiten gibt es indes nicht. Nutzer dürfen die Farbtemperatur anpassen, einen augenschonenden Nachtmodus aktivieren und bestimmen, ob die Full-HD+-Auflösung automatisch auf HD+ reduziert werden soll, wenn es sinnvoll ist. Das spart Strom. Ein Always-on-Display gibt es nicht.

Auch in der Mittelklasse sind längst Kameras mit hohen Megapixel-Zahlen angekommen, die auf Wunsch nicht nur hochauflösende Fotos ermöglichen, sondern dank Pixel Binning auch gute Qualität bei reduzierter Pixel- und Speichermenge. Bestes Beispiel dafür ist das neue Honor 9X, dessen Hauptkamera 48 Megapixel und eine Blende von f/1.8 bietet. Eine weitere Kamera ist für Superweitwinkelaufnahmen zuständig, sie ermöglicht das mit 8 Megapixel und f/2.4er Blende. Die dritte Kamera ist in unseren Augen in der Form, in der sie beim 9X verwendet wird, eigentlich fast immer eine Alibi-Linse, die das Datenblatt schmücken soll – und zwar immer dann, wenn sie ausschließlich der Tiefenerkennung für künstliches Bokeh dient. Das tut sie beim 9X mit 2 Megapixel. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt einfach, dass zwischen künstlichem Bokeh mit einer einzelnen Linse wie bis zum Pixel 3 (Testbericht) bei Google und künstlichem Bokeh mit Zusatzoptik kaum ein Unterschied besteht. Im Gegenteil: Google hatte hier dank überlegener Software lange die Nase vorn. Insofern hätte Honor sich diese Schönfärberei (Triple-Cam klingt halt viel besser als Dual-Kamera) sparen können.

Dual-Kamera mit Alibi-Linse und cooler Pop-Up-Frontkamera

Beim Honor 9X ist das etwas anders, allerdings nicht zum Vorteil des Smartphones. Während der Portraitmodus mit der 16 Megapixel starken Pop-Up-Frontcam wegen seiner auffälligen Bildfehler am besten gemieden wird, macht das die Hauptkamera dank der dritten Linse zwar nicht perfekt, aber immerhin klar besser. Immerhin gehen Selfies ohne künstliches Bokeh mit der Frontkamera in Puncto Bildqualität in Ordnung.

Die restliche Bildqualität passt zur Mittelklasse. Leider muss man schon fast sagen. Sie ist ausreichend, aber nicht übermäßig gut. Die Bildschärfe reicht für die Vollbildbetrachtung aus, hereinzoomen sollte man allerdings nicht. Noch schlechter wird die Qualität im Weitwinkelmodus. Hier sinkt die Bildschärfe noch einmal sichtbar ab und auch der Weißabgleich sitzt nicht, sodass bisweilen eine andere Farbstimmung des Bildes im Vergleich zur Hauptlinse eingefangen wird. Bei Nacht schlägt fast schon die Sternstunde des Honor 9X. Der spezielle Nachtmodus ermöglicht eine Dauerbelichtung, die bei sehr ruhiger Hand oder am besten mittels eines Statives recht ansehnliche Fotos knipst. Die Bildschärfe kann aber auch hier nicht mit höherpreisigen Smartphones mithalten und auch in der eigenen Preisklasse gibt es Modelle, die das besser hinbekommen.

Videos sind nur in Full-HD mit maximal 60 Bildern pro Sekunde möglich. Der Unterschied zu 4K-Aufnahmen ist gravierend, es fehlt einfach an Bildschärfe. Da es auch keine ausreichende Bildstabilisierung gibt, sind Videos eher etwas für zwischendurch als für die liebsten Urlaubserinnerungen. Insgesamt überzeugt die Kamera des Honor 9X nicht.

Das Honor 9X gibt es schon länger, das klang bereits an. Umso seltsamer mutet es da an, dass die China-Version nicht nur mit mehr Arbeitsspeicher zum Kunden kommt, sondern auch mit einem stärkeren und moderneren Prozessor. Denn während in der europäischen Version, die offiziell auch in Deutschland erhältlich ist, nur 4 GByte RAM und ein Kirin 710F stecken, schmücken die chinesischen Versionen bis zu 8 GByte RAM und ein neuerer Kirin 810. Ein weiterer Unterschied: Die China-Version verfügt über einen seitlich angebrachten Fingerabdrucksensor, hierzulande befindet er sich auf der Rückseite. Warum Honor diese Abwandlungen vorgenommen hat, obwohl das chinesische Honor 9X zumindest in der Theorie sogar älter ist, verrät der Hersteller nicht.

Vorstehende Kamera, tolle Verarbeitung

Fakt ist aber, das auch die deutsche Version alles andere als schwachbrüstig ist. Tatsächlich dürfte der Unterschied zu Highend-Modellen vielen Nutzern gar nicht auffallen, sofern sie keinen direkten Vergleich haben. Denn die Rechenpower des Kirin 710F reicht in allen Lebenslagen absolut aus. Der Chipsatz gewährleistet flüssige und direkte Bedienung und es gibt kaum Apps, die das Honor 9X überfordern. Für Spiele reicht die Rechenpower auch aus. Ein Antutu-Ergebnis von ordentlichen 271.600 Punkten belegt das subjektive Gefühl, das wir beim Testen hatten.

Technisch ist fast alles dabei, was wichtig sein könnte. Dazu gehört USB C (2.0), WLAN nach ac mit 2,4 und 5 GHz, Bluetooth 4.2 und ein 3,5-Millimeter-Anschluss für ältere Kopfhörer. Zwei SIM-Karten schluckt das Honor 9X gleichzeitig – allerdings nur, wenn keine Speicherkarte eingelegt ist. Wegen der Auslegung als Hybrid-Slot nimmt das Smartphone sonst nur noch eine SIM auf. Auffällig ist das Fehlen von NFC – bargeldloses Bezahlen durch Auflegen des Smartphones auf ein entsprechendes Lesegerät fällt somit flach. Das verwundert, ist dieses Feature inzwischen doch in fast jedem Smartphone der Mittelklasse und höher vorhanden.

Bei der Software gibt sich Honor zurückhaltend und installiert nur Android 9 Pie auf dem neuen 9X – auch eine Entscheidung, die nicht ganz nachvollziehbar ist. Als Nutzeroberfläche kommt EMUI 9.1.0 zum Einsatz, der Sicherheits-Patch stammt noch von Anfang August. Beides ist zu alt. Ein Smartphone, das im November 2019 auf den Markt kommt und mehr als 150 Euro kostet, sollte sowohl Android 10, als auch zum Marktstart einen aktuellen Sicherheits-Patch vorweisen können. Das wirkt irgendwie so, als ob Honor auf einen etwas angestaubten Plan zurückgreifen musste und die Zeit fehlte, ihn noch einmal umfassend zu überarbeiten. Immerhin hat der Hersteller bereits ein Update auf Android 10 versprochen. Da das Smartphone wie eingangs erwähnt offenbar auch noch vor den Querelen mit den USA zertifiziert wurde, scheint dem auch nichts im Wege zu stehen. Umso mehr stellt sich die Frage, warum Honor auch hier schwächelt.

Von Schwächeln kann beim Akku keine Rede sein, zumindest bei der reinen Kapazität nicht. 4000 mAh speichert er, das kann sich sehen lassen. Im Battery Test von PCmark hielt das Honor 9X fast 9 Stunden durch, das ist ein ordentliches Ergebnis. Nachteil des 9X: Schnellladetechnik gibt es nicht, ein Lader mit 10 Watt muss reichen, um den Akku wieder zu füllen. Da unser Testgerät ein Ladegerät für britische Steckdosen hatte, konnten wir eine auf ein deutsches Modell übertragbare Ladegeschwindigkeit nicht bestimmen. Kabelloses Laden beherrscht das Honor 9X nicht, austauschbar ist der Kraftspender natürlich auch nicht.

Das Honor 9X ist in der deutschen Version in den Farben Schwarz und Blau in der Speicherversion 4/128 GByte erhältlich. Zum Testzeitpunkt kosteten die Varianten ab 299 Euro. Die China-Versionen mit 6 und 8 GByte RAM, Kirin 810 und der zusätzlichen Farbe Rot kosten in der Version 4/64 GByte bei einschlägigen Importeuren ab rund 200 Euro.

Honor 9X sapphire blue

Honor 9X Blau

Honor 9X midnight black

Honor 9X Schwarz

Dafür, dass das Honor 9X aus der Not heraus geboren zu sein scheint, ist es ein tolles Smartphon geworden und führt die X-Reihe angemessen fort. Das Design ist schick, der Screen toll und die Power in dieser Klasse mehr als ausreichend. Die Kamera gefällt uns nicht, hier muss Honor noch einmal ran. Der Rest ist seinen Preis wert.

Die Frage ist allerdings, warum Honor die europäische Version so abgespeckt hat – das scheint gar keinen Sinn zu ergeben. Bleibt zu hoffen, dass der Handelskrieg zwischen den USA und China bald ausgestanden ist und Firmen wie Huawei und Honor nicht mehr im Vergleich zur Nicht-chinesischen Konkurrenz benachteiligt wird. Dann kommen vermutlich wieder „rundere“ Smartphones auf den deutschen Markt. So gibt es mit Geräten wie dem Xiaomi Mi 9T Pro (Testbericht) oder dem Huawei P30 Lite (Testbericht) derzeit wohl bessere Alternativen.

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