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Tipps für Bauherren: Smarthome-Grundlagen für den Neubau

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Wer baut, muss hunderte Entscheidungen fällen – auch jene zum Thema Verkabelung, Smart Home und Intelligenz. Wir zeigen die Vor- und Nachteile von Bussystemen wie KNX und SPS wie Loxone & Co.

Nach unserem Ratgeber Smart Home: Wer richtig plant, spart bis zu 50% erreichten uns Leseranfragen, was Bauherren bei der Planung und dem Neubau im Bezug auf Smart Home beachten sollten.Die Frage ist berechtigt. Nie ist es so einfach und verhältnismäßig günstig, Vorbereitungen für die Zukunft zu treffen und Leitungen zu legen, wie beim Bau, bevor der Putz an den Wänden ist.

Natürlich kann man auch im Neubau auf Funklösungen setzen, doch davon raten wir ab. Funk ist immer anfälliger als Verkabelung. Externe Störungen können die Übertragung beeinflussen, man kämpft mit leeren Batterien von Sensoren und böse Buben könnten mit Jammern die zuverlässige Funktion von Alarmkontakten aushebeln. Doch der Entschluss pro Kabel zieht einen Rattenschwanz weiterer Entscheidungen mit sich.

In einem normalen Haus gehen Stromleitungen in die Räume und verzweigen dort, um Steckdosen, Licht & Co. mit Energie zu versorgen. Bei konventioneller Verkabelung zieht man ein Kabel zunächst zum Lichtschalter und dann zur Lampe. Ist der Schalter aus, ist die Lampe stromlos.

Möchte man smart bauen, gibt es an die Elektroverkabelung komplett andere Ansprüche; außerdem braucht man viel Platz in den Verteilerkästen (umgangssprachlich Sicherungskästen). Zunächst gilt es zu entscheiden, ob man ein Bus-System wie KNX einsetzen möchte. In dem Fall liegt an Lichtschaltern, Bewegungsmeldern & Co. kein 230-Volt-Kabel an, sondern eine spezielle Busleitung, die in Baumstruktur ihren Weg durchs Haus findet.

Neben den Sicherungen sitzen im Smart Home diverse Aktoren zum Schalten und Dimmen von Lampen, Steckdosen und Jalousien im Verteilerkasten.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann beim Bau und jederzeit später genau das Gerät an den Bus hängen, das man gerade braucht. Egal, ob ein einzelner Taster, ein Doppeltaster oder gleich eine Vierer- oder Achterkombination, ob Bewegungsmelder, Temperaturfühler oder Statusdisplay: Liegt das Buskabel, kann man alles anschließen und jederzeit verändern. Ein und derselbe Taster schaltet heute die Außenbeleuchtung, morgen die Stehlampe im Wohnzimmer und übermorgen die Lautstärke der Stereo-Anlage. Bei konventioneller Verkabelung muss man sich vorher genau überlegen, was man wo braucht. Änderungen sind aufwändig und teuer.

Die Alternative zur Busleitung im Smart Home ist die sternförmige Verkabelung. Die Deckenleuchte im Wohnzimmer wird dabei nicht direkt mit dem Schalter verbunden, ihre Anschlussleitung verläuft zentral bis zum Verteilerkasten – wie auch die des Schalters. Im Verteiler sitzen in dem Fall Schalt- und Dimmaktoren sowie Sensoren, die auf den gedrückten, konventionellen Schalter reagieren. Je nach Programmierung lösen sie die entsprechenden Aktionen aus.

In der Praxis fährt man meistens eine Mischung: Schalter, Bewegungsmelder & Co. sind aufgrund der möglichen Komplexität idealerweise Bus-Komponenten, Verbraucher (Steckdosen & Licht) sind üblicherweise sternförmig angeschlossen.

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Auf den ersten Blick ist es naheliegend, auch die Aktoren dezentral im Haus zu verteilen – und gegebenenfalls auch dort nachzurüsten, wo man vielleicht mal irgendwann etwas Intelligenz haben möchte. Ein Dimm- oder Schaltaktor für die Wohnzimmerleuchte muss nicht im Schaltschrank sitzen, kleine Module passen unter Putz in Gerätedosen.

Das iPad ist ein einer günstigen Wandhalterung nachträglich an die Wand gewandert. Darunter befindet sich ein KNX-Taster – noch ohne Beschriftung.

In der Praxis kommt das aber nur selten vor. Hauptgrund ist die Wirtschaftlichkeit, wenn man die Kosten für jeden einzeln geschalteten Kanal ausrechnet: Ein KNX-Schaltaktor mit 16 unabhängigen Kanälen ist bereits für unter 300 Euro zu haben, macht weniger als 20 Euro pro Kanal. Ein Unterputz-Schaltaktor für die Montage hinter der Steckdose oder direkt an der Lampe kostet über 50 Euro – und damit fast das Dreifache.

Weitere Gründe gegen die dezentrale Installation: Die Wartung ist aufwändiger, wenn es mal zu Problemen kommt und ein Modul getauscht werden muss. Außerdem sitzen in den Schaltaktoren üblicherweise Relais, deren Klicken man mehr oder weniger stark hört. Im Keller oder neben der Heizung stört das weniger als über dem Wohnzimmertisch.

Fast alle Bauherren eint das knappe Budget. Küche, Badarmaturen und Bodenbeläge kämpfen gegen die Haustechnik um jeden Euro. Da liegt der Gedanke nahe, beim Bau nur die Vorbereitungen zu treffen, Kabel und Leerrohre zu legen, und die teuren Komponenten samt Programmierung erst später anzuschaffen.

Beim eigentlichen Smart Home kann man wenig für Nachrüstung vorbereiten. Was aber immer sinnvoll ist: Netzwerkkabel für die spätere Installation von Kameras & Co. verlegen.

In der Praxis ist das leider wenig sinnvoll. Hauptgrund sind die bereits angesprochenen, völlig unterschiedlichen Anforderungen von smarter und konventioneller Elektroverkabelung. Natürlich hilft es, Buskabel an potentielle Stellen zu legen, an denen man sie mal brauchen könnte. Und kein Leerrohr in Wand und Decke ist zu viel. Eine sinnvolle Vorbereitung sind auch die sogenannten Gerätedosen, die man in Wände einbringt, um Schalter und Steckdosen einzubauen – und die genügend Platz haben, um später mal Aktoren oder Sensoren unterzubringen.

Doch wahre Freude kommt dabei nicht auf. Bereitet man die Smart-Home-Installation wirklich auf hohem Niveau vor, ist der finanzielle Aufwand für das Provisorium hoch. Und legt man Wert aufs Budget, wird es bei der Nachrüstung schwierig und teuer.

Einen großen Teil des Geldes verschlingen Planung und Programmierung der Smart-Home-Technik. Wer Zeit hat, Grundwissen mitbringt und bereit ist, sich tief in die Thematik einzulesen, kann problemlos fünfstellige Summen einsparen. Dabei muss aber unbedingt der Elektriker mitspielen, und es muss klare Spielregeln geben: Klar ist, dass der Fachmann nicht für Probleme haftet, die der Amateur verursacht hat. Wer das Rundum-Sorglos-Paket haben will, muss sich einen fähigen Elektriker mit umfassender Smart-Home-Erfahrung suchen, den entsprechenden Kurs bezahlen – und hat im Problemfall einen Ansprechpartner.

Wer selbst plant und programmiert, sollte sich dennoch mit dem Elektriker gut stellen. Die Erfahrung und der eine oder andere Praxis-Tipp sind oft Gold wert. Auch bei den rudimentären Arbeiten wie dem Schlitzen von Wänden, dem Verlegen von Leerrohren und dem Einziehen von Kabeln kann man, in Absprache mit und nach Anleitung von den Handwerkern, ordentlich Geld sparen.

Dabei lernt man das System auch kennen. Weder KNX noch Loxone beispielsweise sind von Haus aus kompatibel zu Sprachassistenten wie Alexa, aber es gibt etliche Wege, wie man die Funktionen nachrüsten kann.

100% Self Made und gratis: Diese Visualisierung entstammt der Open-Source-Software ioBroker, die auf einem Raspberry läuft. Die Bewegungsmelder sind per KNX angebunden, die Tür- und Fenstermelder sind billige Nachrüst-Funk-Sensoren von Xiaomi – für gerade einmal gut 6 Euro pro Stück.

Dutzende Komplettsysteme verschiedener Hersteller buhlen um die Gunst der Kunden. Da gibt es proprietäre Systeme wie Loxone oder MyGekko, Industriestandards wie den KNX-Bus oder kleinere Bussysteme wie LCN. Ein eindeutiges „gut” oder „schlecht“ gibt es nicht, jedes der Systeme hat seine Vor- und Nachteile.

Entscheidend sollte aber nicht unbedingt sein, wie sexy das aktuelle Web-Interface oder die App des Systems aussehen und welche Lösung einen dreistelligen Betrag mehr oder weniger kostet. Was man nicht vergessen darf: Man baut das Haus für die Ewigkeit, oder zumindest für das eigene Leben. Zuverlässigkeit ist ein großes Thema – was macht man auf Geschäftsreise, wenn die Frau anruft, weil weder Licht noch Heizung funktionieren?

Fast noch wichtiger ist die Zukunftsfähigkeit. Was ist, wenn neue Funkstandards kommen? Wenn neue Sprachassistenten die Marktführerschaft an sich reißen? Wenn in zehn Jahren ein Aktor, Lichtschalter oder Sensor kaputt geht – kann man ihn einfach austauschen? Gibt es den Hersteller der Anlage noch? Oder gibt es dann den Super-GAU: Alles rausreißen, Wände aufstemmen und neu verkabeln?

Die Diskussion über die richtige Vorgehensweise ist ähnlich religiös wie frühere Diskussionen zu Windows vs. Linux vs. Mac.

Der wohl älteste Standard geht zurück auf den Europäischen Installationsbus (EIB), der in den frühen 1990er Jahren auf den Markt kam. Der Nachfolger KNX hat häufig den Ruf, teuer, altbacken und umständlich zu sein, aber unterm Strich ist es eigentlich der einzig wirkliche Standard für Heimautomation. Über 200 teils namhafte, teils unbekannte Unternehmen bauen kompatible Produkte, die alle über die gleiche Software – ETS – programmiert werden und zueinander kompatibel sind.

Hier im Bild: Die ETS-Software in der inzwischen abgelösten Version 4 zum Programmieren beziehungsweise Parametrieren der KNX-Komponenten.

Fallen Komponenten aus, ersetzt man sie durch andere, die auch von anderen Herstellern kommen können. Das ist der große Vorteil gegenüber allen anderen Systemen, die nur von einem Unternehmen stammen. Wenn die Taster des einen Herstellers schöner sind und besser zur Couch passen, die Bewegungsmelder des anderen aber besser zur Wandfarbe passen und die Aktoren im Schaltschrank vom dritten schlicht günstiger sind – ja, dann kann man das bei KNX alles miteinander verbinden.

Der große Haken: Selber machen ist bei KNX eigentlich nicht vorgesehen. Das fängt damit an, dass eine Lizenz der Programmiersoftware mit über 1000 Euro zu Buche schlägt. Es gibt zwar eine günstige Light-Version, doch bereits ein anständiges Smart Home überschreitet die gesetzten Limits.

Der folgende Preisvergleich zeigt ein paar zufällig ausgewählte KNX-Produkte, um die Bandbreite des Systems aufzuzeigen.

(Kein Produktbild vorhanden)

Taster mit Display

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Wetterstation

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4fach-Dimmaktor

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Wandtaster

Merten Argus Präsenz mit Lichtregelung und IR-Empfänger weiß, Bewegungssensor (630919)

Präsenzmelder

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16x Schaltaktor

Fast alle anderen Systeme im Markt sind eigentlich Speicherprogrammierbare Steuerungen, kurz SPS. Die meisten verlangen eine sternförmige Verkabelung zu Tastern und Verbrauchern, allerdings gibt es Ausnahmen: Loxone beispielsweise bietet seit einiger Zeit einen eigenen Bus namens Loxone Tree und passende Komponenten wie Taster und Bewegungsmelder an.

Die meisten dieser Systeme wirken erheblich moderner als KNX, bringen ab Werk tolle Apps mit und sind mit kostenloser Software programmierbar – das reizt natürlich. Außerdem sind sie meist günstiger als KNX-Installationen und können mehr.

Die Loxone-Programmiersoftware ist deutlich „einsteigerfreundlicher“ und als ETS, außerdem unterstützt Loxone ab Werk Logiken – bei KNX sind dafür Zusatzmodule nötig. Oder eine andere Lösung wie Loxone in Kombination.

Der Haken: Was passiert, wenn es den Hersteller mal nicht mehr gibt? Wenn man einen proprietären Bus im Haus verlegt hat, und keine Ersatzteile mehr verfügbar sind? Im Falle einer sternförmigen Verkabelung ist das Risiko überschaubar. Im schlimmsten Fall muss man zwar sämtliche Aktoren und Sensoren tauschen, aber zumindest nicht die Wände aufstemmen.

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Loxone Miniserver

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Loxone Extension

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Tree Extension

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Tree Bewegungsmelder

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Tree Taster

Wichtig ist die Frage nach der Zuverlässigkeit des gesamten Systems. Der Autor dieses Artikels lebt seit circa zwei Jahren in einem Smart Home mit KNX-Aktoren und Sensoren, zusätzlich kommt Loxone für die komplexe Logik zum Einsatz („Fahre Jalousien im Wohnzimmer herunter, wenn es dunkel wird und die Terassentür nicht geöffnet ist“).

Während es in diesen zwei Jahren noch keine Probleme mit den KNX-Komponenten gab, hat sich das Loxone-System zwei Ausfälle gegönnt: Defekte Speicherkarten sorgten dafür, dass der Miniserver im Schaltschrank nicht mehr zuverlässig arbeitete. Da die meisten Funktionen im Haus über KNX laufen (Bewegungsmelder schaltet Licht), waren die Grundfunktionen nicht betroffen – nur die Logiken wie die bereits angesprochenen Beschattungsautomatiken fielen aus. Liefe alles über Loxone, würde im Haus nichts mehr gehen.

Eine attraktive und benutzerfreundliche Visualisierung ist eine feine Sache – aber unterm Strich weniger wichtig als eine zuverlässige Lösung.

Andere Loxone-Nutzer hingegen können solche Probleme nicht berichten und sind mit ihrer Installation zufrieden. Letztlich kommt es aber auch ein wenig auf die Wartung an: Nimmt man jedes Software-Update mit? Prüft man regelmäßig händisch den Zustand der microSD-Karte und tauscht sie aus, bevor es zu Problemen kommt? Und kann und will man seine Haustechnik regelmäßig warten oder einen Fachmann dafür bezahlen, das zu tun?

Das war viel Text, das waren viele Gedanken – und eine klare Empfehlung gibt es nicht. Aber ein paar Erfahrungen aus der Praxis:

  • Selber machen spart Geld. Vor allem beim Planen und Programmieren kann man ohne viel handwerkliches Geschick große Summen einsparen. Dafür steht man für Fehler auch selbst gerade und muss Probleme selber lösen.
  • Vorbereiten lohnt sich kaum. Entweder, man baut von vornherein smart, wenn es das Budget ermöglicht – oder man investiert später in sinnvolle Nachrüstlösungen. Alles dazwischen ist immer ein Kompromiss, der erst einmal Geld kostet.
  • Zukunftsfähigkeit ist wichtig. Bei der Kaufentscheidung sollte man sich immer überlegen, ob es das System und Ersatzteile in drei, fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch gibt.
  • Zuverlässigkeit ist noch wichtiger. Das coolste Smart Home treibt einen in den Wahnsinn, wenn rudimentäre Funktionen wie das Licht auf dem Gäste-WC nicht garantiert funktionieren.

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