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Nokia 9 Pureview mit fünf Kameras – Wie viel ist zu viel?

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Das Nokia 9 Pureview hat fünf Kameras auf der Rückseite. Macht das noch Sinn? Wir schauen auf die verschiedenen Ansätze von Multi-Kamera-Smartphones.

HMD, das Unternehmen hinter Handys der Marke Nokia, packt in Kooperation mit Zeiss fünf Kameras auf die Rückseite des Nokia 9 Pureview. Wir werfen einen Blick auf die beliebtesten Multi-Kamera-Smartphone-Pioniere und zeigen die verschiedenen Herangehensweisen der Hersteller an das Thema.

HMD geht einen etwas anderen Weg als viele Hersteller, die meist komplett unterschiedliche Kameras in einem Gerät verbauen. Denn die drei Monochrom- und die zwei RGB-Kameras im Nokia 9 Pureview haben alle die gleiche Brennweite, je einen 12 Megapixel-Sensor, f/1.8-Blende und 1,25 µm große Pixel. Schießt das Gerät nun ein Foto, lösen alle fünf Kameras parallel aus. Danach fügt die Software die Einzelbilder zusammen und speichert sie im RAW-Format auf dem Gerät. Als wir das Gerät auf dem MWC 2019 ausprobierten, dauerte das Zusammensetzen mit zwischen drei und fünf Sekunden sehr lange.

Die fertigen Bilder sollen von einem höheren Dynamikumfang und einer verbesserten Tiefenschärfe profitieren. Uns gefielen die Ergebnisse unserer Schnappschüsse auf der Messe gut. Besonders das nachträgliche hinzuzufügen eines Bokeh-Effektes in verschiedener Stärke auf beliebigen Ebenen funktionierte teilweise besser als bei der Konkurrenz. In Ausnahmen interpretierte die Software eine Ebene falsch, was in einem unnatürlichen Unschärfeeffekt mündet. Wie alltagstauglich das Setup mit fünf Kameras tatsächlich ist, muss ein ausführlicher Test zeigen.

Der Rest des Nokia 9 Pureview ist gehobener Standard. Im Inneren taktet ein Snapdragon 845 unterstützt von 6 GByte RAM. Das 5,99 Zoll große Poled-Display löst mit 2880 × 1440 Pixel auf. Der nicht erweiterbare Speicher hat eine Kapazität von 128 GByte, der Akku 3320 mAh. HMD verbaut den Fingerabdrucksensor im Display, spendiert dem Gerät Quickcharge, kabelloses Laden, eine IP67-Zertifizierung und Android One 9.0 (Kaufberatung: Diese Android-One-Smartphones sind verfügbar). Das Nokia 9 Pureview kostet derzeit für Vorbesteller 649 Euro und soll Anfang März 2019 ausgeliefert werden.

Nokia 9 PureView Dual-SIM blau

Nokia 9 PureView Dual-SIM blau

(Kein Produktbild vorhanden)

Boleyi Nokia 9 PureView Cover

Das erste kommerzielle Smartphone eines großen Herstellers mit zwei Kameras auf der Rückseite war das LG Optimus 3D anno 2011. Zwei 5 Megapixel-Kameras sollten hier 3D-Bilder und -Videos aufnehmen, die der Nutzer dann ohne zusätzliche Brille direkt auf dem Display des Gerätes mit 3D-Effekt anschauen kann.

2014 setzte HTC beim das HTC One M8 (Testbericht) erstmals auf einen 4-Megapixel-Sensor mit Ultrapixel und einer zweiten Kamera für den Bokeh-Effekt. Allerdings fiel die Kamera bei den Testern durch. Denn auch wenn durch die zusätzliche Kamera neue und für viele spannende Effekte möglich waren, enttäuschte die Hauptkamera durch eine zu geringe Auflösung und einen marginalen Mehrwert durch die extra-großen Pixel.

Anfang 2016 überraschte LG im G5 (Testbericht) mit einem neuen Ansatz. Anstatt einer Tiefeninformation nimmt die zweite Kamera hier Bilder mit einer weitwinkligen Brennweite auf. Auch wenn das LG G5 wegen seines missglückten modularen Ansatzes kritisiert wurde, feierten Tester und Nutzer gleichermaßen die zusätzliche Weitwinkelkamera.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt integriert auch Huawei erstmals eine zweite Kamera auf der Rückseite. Das Huawei P9 (Testbericht) beschreitet dabei nochmal einen neuen Weg, den Huawei auch heute noch in vielen ihrer Smartphones verfolgt: Hinter der zweiten Linse steckt eine Monochrom-Kamera. Sie soll die Hauptkamera unterstützen, indem sie zusätzlichen Licht einfängt. Bokeh ist mit ihr auch möglich.

Unserer Erfahrung nach halt sich ihr positiver Effekt auf das Bild jedoch in Grenzen. Wer jedoch gerne schwarz-weiß fotografiert, wird mit einem monochromen Sensor glücklich, liefert er doch einen deutlich höheren Dynamikumfang als Farbbilder, denen im Nachhinein per Software die Farbinformation entzogen wird.

Dieser Hund posierte vor einem Cat S60.

Um einen echten Exoten handelt es sich beim Cat S60 (Testbericht), ebenfalls aus dem Jahr 2016. Das robuste Smartphone bietet neben der klassischen 13-Megapixel-Kamera eine Wärmebildkamera von Flir. Bei bis zu 30 Metern misst sie Temperaturunterschiede und stellt sie farblich dar.

Mit dem Ende 2016 eingeführten iPhone 7 Plus (Testbericht) verbaut Apple erstmals eine zweite Kamera auf der Rückseite und verfolgt hier das Prinzip weiter, dass LG mit dem G5 einführte. Denn während die eine Kamera mit einer Brennweite von 28 mm weitwinklig ist, bietet die zweite mit einer Brennweite von 56 mm ein Teleobjektiv. Damit ist ein zweifacher optischer Zoom möglich.

Das Mate 20 Pro (Testbericht) baut wie mittlerweile auch das Samsung S10+ (Hands-On), das Xiaomi Mi 9 (Ratgeber) und einige weitere Flaggschiffe auf drei Kameras. Dabei bieten die drei Kameras je unterschiedliche Brennweiten: Eine Kamera sorgt für den Zoom, eine weitere für eine normale Brennweite und die dritte für den Weitwinkel. Das macht den Einsatz der Kameras vor allem flexibler. Ihr Problem: Meist bieten die Kameras unterschiedliche Auflösungen, Blendenzahl und Pixelgrößen. So kommt in der Hauptkamera mit Standardbrennweite meist die beste Technik zu Einsatz. Wird jedoch die Zoomlinse genutzt, fällt im Vergleich die Bildqualität ab.

HTC One (M8) 16GB silber

HTC One (M8) 16 GByte silber

LG Electronics G5 H850 grau

LG G5 32 GByte

Huawei P9 32GB grau

Huawei P9 32 GByte

Caterpillar CAT S60 schwarz

Cat S60 32 GByte

Apple iPhone 7 Plus  32GB schwarz

Apple iPhone 7 Plus 32 GByte

Huawei Mate 20 Pro Dual-SIM schwarz

Huawei Mate 20 Pro 128 GByte

Samsung Galaxy S10+ Duos G975F/DS  128GB schwarz

Samsung Galaxy S10+ 128 GByte

Xiaomi Mi 9  64GB schwarz

Xiaomi Mi 9 64 GByte

Smartphones mit mehreren Kameras auf dem Rücken sind ein Trend, der sich durchgesetzt hat. Selbst im mittleren Preissegment gehört eine Dual-Kamera fast schon zum guten Ton. Dabei fuhren die Hersteller vor allem in der Anfangszeit verschiedene Strategien. Mittlerweile scheinen sich mehrere Kameras mit unterschiedlichen Brennweiten durchzusetzen. Sie versprechen auch den größten Mehrwert – Zoom und Weitwinkel sind mit einer einzigen Kamera schwer realisierbar. Kommt noch hinzu, dass Google bei seiner Pixel-Reihe eindrucksvoll beweist, dass für einen anständigen Tiefenschärfeeffekt nicht zwingend eine zweite Linse erforderlich ist.

Das Nokia 9 Pureview bildet den bisherigen Höhepunkt, was die Anzahl der Kameras in einem Mainstream-Smartphone angeht. Trotzdem ist es wenig verwunderlich, dass andere diesen Trend auf die Spitze führen. Das Paradebeispiel dafür ist vielleicht das Light L16. Die Kamera verbaut ganze 16 Objektive auf ihrer Rückseite, die einen Brennweitenbereich von 28 bis 150 mm abdecken, verschiedenen Blendenstufen bieten und Bilder mit bis 52 Megapixeln darstellen.

Zukünftig werden wir vermutlich noch mehr Kameras in Smartphones sehen. Im Grunde begrüßen wir diese Entwicklung, solange sie nicht zur reinen Marketing-Farce verkommt und sich tatsächlich in besseren Bildern wiederspiegelt.

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