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E-Klapprad Fiido M1 im Test: Günstig, fett & illegal

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Ein vollgefedertes E-Klapprad mit 4-Zoll-Fatbike-Reifen und 450-Wh-Akku für unter 1000 Euro? E-Bikes aus China sind unverschämt günstig, aber leider auch illegal. Wir zeigen im Test des Fiido M1, warum das so ist.

Das chinesische Unternehmen Fiido fertigt E-Klappräder in erstaunlich hoher Qualität zu für deutsche Verhältnisse geradezu unverschämt günstigen Preisen. Auf ihrer guten Website sticht eines bezüglich seines Preises als auch der leicht martialischen Optik hervor: Das Fiido M1 ist ein E-Klapp-Bike mit extra breiten Reifen, einer sehr großen Batterie und kompletter Federung. Dafür verlangt Fiido 876 Euro. Warum man sich ein derartiges Fahrrad in Deutschland trotzdem nicht kaufen sollte, zeigen wir hier anhand des Tests des Fiido M1.

Wer noch weniger Geld ausgeben mag, findet im 500-Euro-Flitzezweg Fiido D2S (Testbericht) eine gute Alternative.

Der Vorteil eines Klapprads liegt auf der Hand. So nimmt es zum einen in kleinen Kellerabteilen oder Wohnung weniger Platz weg. Zum anderen bietet es sich dadurch ähnlich wie ein E-Scooter (Themenseite) für Pendler an, die es im Kofferraum, der Bahn oder im Büro zusammengeklappt verstauen.

Der Klappmechanismus funktioniert beim 25 kg schweren Fiido M1 sehr gut. Die Sicherungsklammern an Alurahmen und Lenkstange machen einen stabilen Eindruck und sind jeweils mit einem Haken gesichert. Rahmen und Lenker abklappen, Pedale anlegen und Sattelstange einfahren: fertig. Einzig der außen verlegte Kabelstrang bereitet uns beim Umklappen des Lenkers etwas Probleme. Gefaltet misst das Klapp-E-Bike etwa 95 × 80 × 45 Zentimeter und sollte auch in kleine Kofferräume passen. Bei einem Fiido D1 schrumpfen die Klappmaße auf etwa 75 × 65 × 40 Zentimeter. Wir vermissen bei den Fiido-Bikes jedoch einen Mechanismus, der sie zusammengeklappt hält.

Fiido M1 (38 Bilder)

Federung vorne und hinten machen das Fiido M1 zum Fully.

Für seinen vergleichsweise günstigen Preis, wirkt das Fiido M1 rundum sauber und stabil verarbeitet. Die Schweißnähte sind nicht sehr fein, aber eben massiv. Die 55-Zentimeter-Federgabel vorne lässt sich in ihrer Empfindlichkeit einstellen. Allerdings fehlen ihr Dämpfer, so knallt sie bei Fahrten über unebenen Untergrund schonmal unsanft in ihre Ausgangsposition zurück. Das M1 ist das einzige Fiido-Bike mit Federgabel. Die Federung des Rückrads macht es zum Fully. Auch sie wirkt stabil. Häufig befindet sich hier die Achillesferse, kann sie doch am Gelenk brechen. Während der Fahrt sorgt die Rückradfederung für ein komfortables Fahrgefühl. Auch das Fiido D2 und D2S haben eine solche Federung.

Am Lenker sitzen neben den Bremsen außerdem der Fahrradcomputer, die einfache aber gut funktionierende 7-Gang-Shimano-Schaltung, Licht und Hupe sowie der Gashebel. Das Frontlicht hängt am Stromkreis, statt eines Rücklichts hat das Fiido M1 einen Reflektor. Das scheint bei allen Fiido-Fahrädern so zu sein. Das Frontlicht ist es auch, das schrill los hupt, wenn man den entsprechenden Knopf drückt. Klingt erstmal gut, ist aber nicht erlaubt. In Deutschland benötigen Fahrräder eine helle Klingel oder Glocke, die es akustisch gleich als Fahrrad identifiziert.

Fiido M1: Schlanke Faltmaße trotz fetter Reifen.

Der Sattel sitzt von Boden aus gemessen je nach Fixierungshöhe zwischen 80 und 105 Zentimetern hoch. Der Tester hat eine Körpergröße von 186 Zentimetern und fühlt sich beim Fahren mit maximal ausgezogener Sattelstange wohl. Wer größer ist, für den könnten längere Fahrten unangenehm werden. Das gilt jedoch für die meisten Klappräder. Der Sattel selbst wirkt ausreichend gepolstert, einige Käufer werden dennoch zu einem weicheren Gel-Sattel greifen wollen.

Der Sattel geht okay, könnte aber etwas weicher sein.

Eines der Highlights des Fiido M1 sind seine 4 Zoll breiten Reifen auf den 20-Zoll-Rädern. Pumpt man sie nicht zu fest auf, federn sie zusätzlich einige Unebenheiten weg. Das Fahren macht auf ihren auch wegen ihres deutlichen Profils richtig Laune. Gerade auf weichen Untergrund bieten sie zudem einen besseren Halt als dünnere Reifen. Vielleicht stört das einige, wir finden es reizvoll: Wer mit dem Fiido M1 etwas flotter auf Asphalt unterwegs ist, wird von einem durch die Reifen verursachten, tiefen Brummgeräusch begleitet, das vereinzelt Passanten zum neugierigen Herschauen bewegt. Überhaupt verleihen die fetten Reifen dem Fiido M1 ein sehr außergewöhnliches und lässiges Erscheinungsbild. Wo sieht man schon mal ein tief surrendes Klappfahrrad mit Fatbike-Reifen?

Die breiten Reifen sorgen für guten Halt.

Vorne und hinten bringt Fiido an seinem M1 mechanische Scheibenbremsen an. Diese mussten wir zu Beginn etwas justieren, damit sie richtig greifen. Das passende Werkzeug liefert das Unternehmen mit. Richtig eingestellt bremsen sie hervorragend. Trotzdem hätten wir uns eine hydraulische Lösung gewünscht. Zunächst etwas verwirrend, sind die Bremsen zu der sonst hierzulande üblichen Richtung vertauscht. So löst der linke Bremsgriff die hintere Bremse aus, der rechte die vordere. Die guten mechanischen Scheibenbremsen bietet Fiido bei all seinen E-Klapprädern.

Der 250-Watt-Motor.

Am Hinterrad sitzt der bürstenlose 250-Watt-Motor, der in der für den europäischen Markt vorgesehen Variante das Fahrrad laut Datenblatt bis 25 km/h beschleunigt. Der digitale Tacho zeigt hier übrigens 24 km/h an, gemessen haben wir gut 26 km/h. Die maximale Geschwindigkeit bewegt sich in Deutschland damit im für Pedelecs erlaubten Rahmen. Googelt man ein wenig herum, findet man jedoch schnell eine einfache Möglichkeit, die ursprünglich für das Fiido M1 vorgesehene maximale Motorunterstützung bis 31 km/h freizuschalten. Dies scheint es für alle Fiido-Räder zu geben. Wir raten jedoch dringend davon ab, da man sich so in einen rechtlich sehr bedenklichen Bereich begibt.

Eingeschaltet bietet das M1 drei Unterstützungsstufen, die allesamt ordentlich anziehen. Allerdings setzt wie bei günstigen Heckmotoren so häufig die Unterstützung erst nach einer halben Pedalumdrehung ein und läuft dann etwas nach. Ein präzises Fahren wie bei Mittelmotoren ist so kaum möglich. Mehr Informationen zu dem Thema gibt es in unserem Beitrag E-Bike-Grundlagen: Antrieb, Akku, Schaltung & Co.

Wenn nur dieser Gashebel nicht wäre...

Ein großes rechtliches Problem stellt der Gashebel dar, der bei angeschaltetem Fahrrad immer aktiviert ist. Drück man ihn herunter, beschleunigt das E-Klapprad vergleichbar mit einem E-Scooter (Vergleichstest) auch ohne Treten der Pedale. Interessanterweise scheint der Gashebel im Gegensatz zur Tretunterstützung das volle Potenzial des Motors auszureizen, denn das M1 beschleunigt so nochmal kräftiger auf die maximale Geschwindigkeit, die wir auf gerader Strecke mit unseren 85 Kilogramm schnell erreichen. Trotzdem sind wir zutiefst betrübt, dass es diesen Gashebel gibt. Denn dieser verhindert neben einigen weiteren Faktoren, dass man das Fiido M1 genauso wenig wie die anderen Bikes des Unternehmens auf deutschen Straßen fahren darf, auf denen die Straßenverkehrsordnung gilt.

Auf der Unterseite des Rahmens steckt ein Schlüssel, dessen Sinn sich uns nicht ergibt. So funktioniert die Elektronik und damit der Motor nur, wenn er steckt. Jedoch bietet er keinen Diebstahlschutz, denn auch abgezogen kann ein Dieb ganz normal per Pedal mit dem Fahrrad davonfahren.

Der Akku kann aus den Rahmen gezogen werden. Zumindest in der Theorie.

Die Kapazität des Akkus ist häufig eine der Schwachstellen an chinesischen E-Bikes – scheinbar nicht beim Fiido M1. Denn angeblich soll der in den Rahmen geschobene Akku 450 Wh bieten. Zum Vergleich: Die anderen Fiido E-Bikes bieten Kapazitäten von 281 und 375 Wh.

Erfahrungsgemäß sind wir bei derartigen Angaben vorsichtig, es kommt durchaus vor, dass Hersteller übertreiben. Laut Fiido kommt man mit dem M1 100 Kilometer weit, bevor nachgeladen werden muss. Das muss mit einer stark untergewichtigen Person mit 15 km/h und Rückenwind ermittelt worden sein. Wenig überraschend kommen wir in der Praxis auf deutlich weniger. Rein elektrisch schaffen wir es mit einer Akkuladung bei einer Zuladung von 85 Kilogramm, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h und überwiegend Feldwegen auf gut 25 Kilometer. Schaltet sich der Motor als Tretunterstützung hinzu, unterstützt er etwa 50 Kilometer lang. Das ist ein hervorragender Wert und übertrifft unsere Erwartungen deutlich.

Aufgeladen ist das M1 laut Fido in neun Stunden, das können wir in etwa bestätigen. Skeptisch sind wir jedoch bei der Wattangabe des Netzteils. So soll es angeblich 84 Watt schaffen. Bei seinem geringen Gewicht und der Größe von gerade einmal drei übereinander gelegten Smartphones zweifeln wir das an.

Der Rahmen gibt im aufgeklappten Zustand den Akku frei – zumindest theoretisch. Denn wir schafften es trotz kleinen Kunststoffbügel zum Ziehen nicht, ihn zu lösen.

Geekmaxi (Kauflink), die uns das Testmuster zur Verfügung stellten, verkaufen das Fiido M1 mit dem Gutscheincode a2Khw6Ln für 861 Euro. Aktuell ist das Modell ausverkauft. Geekmaxi nimmt jedoch Vorbestellungen an und will das M1 ab dem 07.07.2020 ausliefern. Die etwas günstigeren Fiido-Räder kosten bei uns im Preisvergleich mit 375 Wh-Akku ab etwa 570 Euro.

Fiido, wenn ihr diese Zeilen lest: Bitte bringt eine StVO-taugliche Version eurer E-Klappräder auf den deutschen Markt. Wirklich viel muss dafür nicht geschehen: Gashebel weg, Entsperroption abschalten, Hupe weg, Klingel, Rücklicht und Reflektoren ran. Das sollte es grob gewesen sein, schon könnt ihr eure E-Bikes von TÜV oder DEKRA abnehmen lassen und den deutschen E-Klappradmarkt aufmischen. Denn eure Räder, allen voran das Fiido M1, sind genial. Das Fiido M1 bietet zu einem selten gesehen niedrigen Preispunkt zwar durch die Bank weg günstige Bauteile, aber insgesamt eine tolle Verarbeitung, einen praktischen Klappmechanismus und ein dank der Federung und der breiten Reifen richtig gutes sowie sicheres Fahrgefühl. Noch dazu ist das Fiido M1 ein echter Hingucker. Aktuell kann man die Fiido-Bikes in Deutschland nur auf privatem Gelände empfehlen. Schade, das schränkt ihren Nutzungsraum massiv ein. Abschließend lässt nur sagen: Geil, aber illegal.Das gilt auch für das deutlich günstigere Fiido D2S (Testbericht).

Etwas weniger geil, dafür aber praktisch und legal, sind E-Tretroller mit Straßenzulassung. Um herauszufinden, welcher der beste ist, haben wir sieben E-Scooter im Vergleichstest. Auf der E-Scooter Themenseite sammeln wir noch viel mehr Ratgeber und alle Einzeltests. Auch haben wir uns Gedanken gemacht, was sich besser zum Pendeln eignet: E-Scooter oder Skateboard?

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