E-Bike nachrüsten: Billig und illegal zum Pedelec | TechStage
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E-Bike nachrüsten: Billig und illegal zum Pedelec

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Ab 300 Euro gibt es Pedelec-Nachrüst-Kits. TechStage zeigt, was die Sets bieten und wo die Tücken liegen.

Pedelecs, also Fahrräder mit Motorenunterstützung bis 25 km/h, sind teuer. Wer nicht gerade 1000 Euro und mehr in ein gutes Elektro-Rad investieren will, kann sich ein Nachrüst-Kit zulegen.

TechStage stellt die verschiedenen Nachrüst-Ansätze vor, klärt die Aspekte der Legalität und zeigt wie gut sich solche Sets in der Praxis schlagen. Für unseren Test haben wir uns eines der günstigsten Kits aus China beschafft. Das iMortor ist ein Vorderradmotor mit integriertem Akku, Controller und Gashebel. Legal auf der Straße kann man damit nicht fahren wie der nächste Absatz zeigt. Aufgrund der hohen Beliebtheit dieses und vergleichbarer Modelle haben wir es aber ausprobiert.

Wer mehr zum Thema Pedelec erfahren will, sollte sich unseren Beitrag: Alles zu E-Bikes und zulassungsfreien Pedelecs durchlesen. Hier zeigen wir, was man beim Kauf von Pedelecs aber auch chinesischen E-Klapprädern wie dem Fiido D4S (Testbericht) oder Himo Z16 (Testbericht) beachten muss.

Wer „E-Bike“ sagt, meint meistens eigentlich „Pedelec“. Das Pedelec (Pedal Electric Cycle) ist ein Fahrrad mit Tretunterstützung. Fahrer brauchen keinen Führerschein und es besteht keine Versicherungspflicht. Der Elektromotor unterstützt den Nutzer bis zu 25 Kilometer pro Stunde ausschließlich beim Tritt in die Pedale. Durch den Motor wird das Fahrrad zur Maschine und damit gilt für das Pedelec eine Maschinenrichtline. Gemäß der Maschinenrichtlinie muss deshalb jedem Pedelec, das innerhalb der EU verkauft wird, eine EU-Konformitätserklärung beiliegen wie der Beitrag: Alles zu E-Bikes zeigt. Die ist meist in der Bedienungsanleitung mit abgedruckt oder als extra Papierdokument beigelegt. Das auffälligste Merkmal ist die CE-Kennzeichnung. Der Hersteller oder Importeur hat dabei die volle Verantwortung, dass das Pedelec allen Vorgaben entspricht und der Käufer die Sicherheit, dass das Pedelec zulässig ist.

Bei Nachrüstsets wird es für den Nutzer aber schwierig: Denn hier ist der Eigentümer, also derjenige der Nachrüstsatz und altes Fahrrad verbindet, der Hersteller. Er macht aus einer unvollständigen Maschine (Nachrüst-Kit) eine vollständige Maschine (Nachrüst-Kit + Fahrrad). Und er muss natürlich nochmal zur Prüfung. Nachrüst-Pedelecs müssen den Anforderungen der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG und der EMV-Richtlinie 2004/108/EG entsprechen. Eine einzelne EMV-Prüfung kostet gerne mal 3.000 Euro wie uns Andreas Hüsam vom TÜV Süd im Gespräch verrät. Die notwendige Dokumentation für die Maschinenrichtlinie muss der Eigentümer vorweisen.

Laut TÜV würde kaum ein Polizist diese Unterlagen bei einer einfachen Kontrolle im Straßenverkehr einfordern. Bei einem Unfall kann das aber rasch anders aussehen: Wurde der Motor durch irgendetwas gestört und ist selbst losgefahren? Ist alles richtig geprüft? Im Zweifelsfall dreht die Versicherung den Hahn zu und der unfallverursachende Fahrradfahrer bleibt auf den Kosten sitzen. Noch illegaler wird es, wenn der Nachrüstsatz über einen Gashebel verfügt. In Deutschland ist dieser verboten, wenn er mehr als 6 km/h hervorbringt. Dann gilt er nicht mehr als Schiebehilfe wie uns Vincenzo Lucà vom TÜV Süd sagt. Viele Kits, auch unser günstiges iMortor aus China, kommen aber gut und gerne auf 20 km/h und mehr mithilfe eines Gashebels.

Käufer können sich bei den Kits zwischen drei grundsätzlichen Varianten entscheiden: Mittelmotor, Vorderrad- oder Hinterradmotor. Den meisten Montageaufwand hat man beim Mittel- oder Hinterradantrieb. Für Front- und Hecksets stehen in aller Regel Kits für Fahrräder mit Reifengrößen von 26 und 28 Zoll.

Der Frontmotor ist der günstigste Einstieg bei den Nachrüstsets; ab 300 Euro geht es inklusive Akku los. Man kann ihn mit allen Schaltungen nutzen (Ketten- und Nabensysteme) und binnen weniger Minuten über den Schnellspanner an der Gabel austauschen. Auch Fahrräder mit Rücktrittbremse sind mit dieser Variante kompatibel. Dafür rutschen Fahrer mit einem Frontantrieb – wie bei einem Auto – leichter auf der Fahrbahn. Zudem erschwert das zusätzliche Gewicht am Vorderreifen die Lenkung.

Einfach dran: Ein Frontantrieb ist auch für ungeübte Bastler kein Thema.

Ein Mittelmotor ist in den meisten Fällen deutlich leistungsstärker als im Vorder- oder Hinterrad. Hier ist der Antrieb direkt mit dem Tretlager verbunden. Zudem bietet diese Variante einen komfortablen Schwerpunkt, der sich positiv auf die Gewichtsverteilung auswirkt. Und auch die Rutschgefahr ist deutlich geringer als mit einem Vorderradantrieb. Dafür ist der Einbau anspruchsvoll: Der Nutzer muss das komplette Tretlager austauschen, bei einigen Modellen sogar schweißen. Kostenseitig liegt diese Variante bei 500 bis 1200 Euro wie etwa die Modelle vom deutschen Anbieter Pendix (Testbericht auf heise online).

Bei einem Heckmotor kann man die Motorbremse nutzen und so Energie zurückgewinnen. Er unterstützt beim Anfahren unmittelbar, hat aber einen schlechteren Schwerpunkt (Hinterrad) und ist beim Einbau komplizierter als etwa ein Vorderradmotor. Ein Heckantrieb kostet 500 bis 600 Euro.

Wer sich eine der drei Varianten als Nachrüstsatz holt, wird sich wahrscheinlich für den Front- oder Mittelmotor entscheiden. Der Frontmotor ist sehr günstig, der Mittelmotor leistungsstark und komfortabel.

Für unseren Praxistest haben wir uns mit dem Kit iMortor für die einfachste Nachrüstlösung entschieden. China-Shops wie Banggood verkaufen das Set für rund 300 Euro mit dem Gutschein-Code BGIMOR159CN, hierzulande zahlt man bei Amazon & Co. 460 Euro und mehr. Im Lieferumfang sind Vorderrad mit integriertem Nabenmotor (240 Watt), Controller, Smartphone-Halterung, Akku (130 Wattstunden), Netzteil (Achtung: Chinesischer Stecker) sowie Werkzeug und Schrauben enthalten. Unser Testgerät ist für Fahrräder mit Scheibenbremsen ausgelegt – entsprechend liegt eine Bremsscheibe bei. Wer eine Felgenbremse hat, bestellt sich diese Variante.

Der Austausch gelingt ungeübten Bastlern in 30 Minuten, geübten in gut 15 Minuten. Zuerst kommt das alte Vorderrad vom Fahrrad ab. Danach schraubt man die mitgelieferte Bremsscheibe ans neue Rad und setzt es in der Fahrradgabel ein. Bei uns waren nicht alle Löcher für die Befestigung der Bremsscheibe sauber gefräst. Das Resultat: Nur fünf von sechs Schrauben haben gepasst. Das hält ausreichend, deutet aber auf minderwertige Verarbeitung hin.

iMortor im Detail (10 Bilder)

An Werkzeug und Teilen mangelt es beim iMortor nicht.

Mit Beilagscheiben und Muttern befestigen wir das neue Rad in der Gabel. Es sitzt fest und erweckt einen sicheren Eindruck. Der Akku kommt direkt an die Motoreinheit im Rad. Im Anschluss ziehen wir die Kabel vom Rad zur Lenkstange und befestigen sie mit zwei mitgelieferten Kabelbindern. Die Motoreinheit in der Mitte des Reifens dreht sich übrigens nicht mit – so bleibt das Kabel sauber an einer Stelle.

Als nächstes kommen Controller und Smartphone-Halterung an die Reihe. Beide können an der Lenkstange befestigt werden. Wer hier keinen Platz mehr hat, findet in der Verpackung von iMortor eine zusätzliche Schelle und Aluminiumstange, um die Komponenten anzubringen. Dann verbindet man die Kabel von Controller und Smartphone-Halterung mit dem Motor – eine farbliche Kennzeichnung macht die Arbeit einfach. Zwei Anschlüsse bleiben frei. Hier können Nutzer noch andere Sensoren oder etwa ein Display für die Geschwindigkeitsanzeige nachrüsten.

Nun kommt der spannende Teil, die Inbetriebnahme. Denn wo die Montage einfach ist, gestaltet sich die Aktivierung unseres neuen Pedelecs als Stresstest. Das Set funktioniert nämlich nur mit aktiver App! Deshalb gibt es auch die Smartphone-Halterung, denn die speist immerhin das Smartphone mit Strom, damit das nicht bei der Nutzung leer geht. Der Strom kommt direkt aus dem iMortor-Akku, das Ladekabel muss man selbst mitbringen. Zum Vergleich: Das deutlich teurere Pendix-Kit für gut 1200 Euro (Testbericht auf heise online) kommt ohne App-Zwang aus.

Bei der App hat sich der Anbieter von iMortor wenig Gedanken gemacht. Das angegebene Passwort stimmt nicht, die Verbindung klappt nur mit einem Trick und die Menüs sind lieblos gestaltet.

Laut Anleitung sollen Nutzer sich die App iMortor herunterladen. Die funktioniert aber nicht mehr. Stattdessen gibt es die App iMortor 2 für Android und iOS; über die Suchmaske der App-Stores findet man sie leicht. Um Fahrrad und App zu koppeln, schaltet man zuerst den Controller ein und startet dann die App. Diese erkennt das Fahrrad sofort und will ein Passwort wissen. Die Anleitung sagt „0000“, das ist falsch. Über Reddit haben wir das alternative Passwort „6666“ gefunden. Das funktioniert.

Danach folgt die nächste Hürde. Die App meldet „Controller failure“ – es passiert gar nichts. Um den Fehler zu beheben, halten wir den On-/Off-Button am Controller für gut 10 Sekunden gedrückt. Dann verschwindet die Fehlermeldung. Das Fahrrad ist nun einsatzbereit.

Das iMortor unterstützt nicht automatisch bei der Fahrt – eine Drehbewegungserkennung fehlt. Wer also denkt, dass der Motor beim Treten in die Pedale Gas gibt, irrt. Alternativen sind hier die Kits von Bafang. Sie kosten zwischen 250 (ohne Akku) und 450 Euro auf Amazon und bieten Tretunterstützung.

Bei iMortor müssen Nutzer den Gashebel gedrückt halten – je nach gewünschter Unterstützung stark oder weniger stark. Das sorgt bei längeren Touren für Krämpfe im Finger. Aber wirklich lange dauert eine Fahrt mit Motorunterstützung auch nicht. Bei voller Kraft und ohne eigenes Treten reicht der Akku für knapp 10 Kilometer. Wer zusätzlich in die Pedale tritt und nur zur Hälfte den Motor unterstützen lässt, kommt auf knapp 20 Kilometer. Wem das zu wenig ist, der kann sich einen Zusatzakku besorgen; mit gut 100 Euro ist der verhältnismäßig günstig.

Die Fahrt mit dem iMortor macht trotz fehlender Tretunterstützung Freude. Der Motor ist kaum bis gar nicht hörbar. Wer schon mal mit einem Pedelec gefahren ist, kennt ein gut vernehmbares „frrrrr“ während der Fahrt. Der iMortor-Motor schweigt – großartig. Mit 240 Watt Motorenleistung kommen gut statuierte Männer auf rund 20 km/h ohne eigenes Treten auf ebenen Strecken. Das ist zwar illegal, aber im europäischen Ausland oder auf Privatgrund eine wahre Freude.

Bergauf muss man in die Pedale treten, dafür ist der Motor zu schwach. Wer aber sein altes Mountainbike mit iMortor upgradet, wird mit Gangschaltung und Motorunterstützung eine angenehme Bergfahrt machen, selbst in hohen Gängen.

Alles in allem macht iMortor richtig Spaß. Wer gerne kurze Touren fährt, bekommt hier eine nette Unterstützung. Für längere Touren braucht man zwei bis drei zusätzliche Akkus. iMortor kostet in der Grundausstattung 305 Euro mit dem Gutschein-Code BGIMOR159CN. Alternativ entscheidet man sich für ein hochwertigeres Nachrüst-Kit oder doch ein ganz neues Pedelec – hier ist der Preisunterschied nur gering bis gar nicht vorhanden.

Pedelec-Nachrüst-Kits für alte Fahrräder sind an sich eine tolle Sache. Sie beginnen preislich ab 300 Euro, sind verhältnismäßig einfach eingebaut und machen aus dem geliebten alten Drahtesel ein modernes E-Gefährt.

Die Bürokratie macht der ganzen Sache aber einen Strich durch die Rechnung. Wer legal in Deutschland mit seinem Nachrüst-E-Bike fahren will, braucht mindestens eine EMV-Prüfung. Die kostet rund 3.000 Euro und macht damit die gesamte Idee des Nachrüstens zunichte.

Wer mehr zum Thema Pedelec erfahren will, sollte sich unseren Beitrag: Alles zu E-Bikes und zulassungsfreien Pedelecs durchlesen. Hier zeigen wir, was man beim Kauf von Pedelecs aber auch chinesischen E-Klapprädern wie dem Fiido D4S (Testbericht) oder Himo Z16 (Testbericht) beachten muss.

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