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Nokia vs. Microsoft: Was der Deal für uns bedeutet

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Kurz vor der IFA gibt es Neuigkeiten und coole Produkte ohne Ende, aber die große Nachricht des Tages ist eine andere: Microsoft übernimmt Nokia. Wobei das eigentlich falsch ist, denn Microsoft übernimmt nur die Mobiltelefon-Sparte. Erhalten bleiben die Abteilungen für Netzausrüstung (Nokia Siemens Networks), Kartendienste (Nokia Here) und Entwicklungs- und Lizenzgeschäft (Advanced Technologies). Nokia selbst bleibt also bestehen, und die Smartphones kommen künftig von Microsoft. Was bedeutet das eigentlich? Wir haben die Folgen analysiert – allerdings handelt es sich dabei zum Teil um unsere Vermutungen, und nicht um bestätigte Informationen.

Immer wieder machten die Gerüchte die Runde, Microsoft hätte diese Übernahme lang geplant. Verschwörungstheoretiker sehen gar Absicht hinter einigen umstrittenen Entscheidungen von Elop, um den Aktienkurs zu drücken und die Übernahme durch Microsoft günstiger zu machen. Das halten wir definitiv für übertrieben: Solche krummen Deals werden börsennotierte Unternehmen eher nicht wagen, denn Schadensersatzklagen von Aktionären können unangenehm werden. Aber ob Absicht oder nicht: Bei seinem Einstieg in das Unternehmen hatte Nokia noch einen Börsenwert von 33 Milliarden Euro. Die nun für die Handy-Sparte geflossenen 5,4 Milliarden wirken da wie ein echtes Schnäppchen. Selbst Skype war mit 8,5 Milliarden Dollar teurer.

Dass Microsoft hingegen schon länger an der Übernahme arbeitet, halten wir dagegen durchaus für realistisch – zumal solche Deals auch nicht über Nacht eingefädelt werden, sondern eine längere Vorbereitungs- und Verhandlungszeit erfordern. Dass Elop jetzt wieder bei Microsoft landet, ist allerdings eine naheliegende Entwicklung. Und wer weiß – vielleicht schafft er es dort sogar zum Oberboss und wird Ballmer-Nachfolger.

Microsoft darf den Namen "Nokia" für Smartphones und Handys weiterverwenden, allerdings nicht beliebig: Aktuelle Lumia-Smartphones dürfen weiterhin Nokia heißen, künftige scheinbar nicht. Außerdem darf Microsoft zehn Jahre lang aktuelle und künftige Handys mit den einfachen Betriebssystemen Series 30 und Series 40 mit Nokia-Aufdruck verkaufen.

Nokia selbst hat sich verpflichtet, die eigene Marke nicht vor 2015 für eigene mobile Geräte zu verwenden und für 30 Monate nicht an andere Hersteller zu lizenzieren.

Gleichzeitig ist die Marke "Lumia" für Windows-Smartphones von Nokia bereits so gut eingeführt, dass dieser Name mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erhalten bleibt. Und damit werden die Phones künftig wohl nur noch Lumia heißen – oder Microsoft Lumia.

Im Vergleich zur Übermacht von Nokia hatten es andere Hersteller mit ihren Windows-Smartphones schon immer schwer im Markt – allen voran HTC. Die Wahrscheinlichkeit, dass Huawei, LG, HTC und eventuell auch Samsung weiterhin Windows-Handys bauen werden, sinkt mit der Übernahme durch Microsoft.

Gleichzeitig wächst der Druck im Markt, eine Alternative zu Android zu finden, und das Angebot neuer alternativer Betriebssysteme wächst mit Firefox OS, Ubuntu, Sailfish und Tizen. Während Samsung wohl weiterhin auf die Tizen-Schiene setzen wird, suchen sich HTC, Huawei, LG & Co. vermutlich aber eine weitere Alternative, um nicht von einer Abhängigkeit in die andere zu geraten – schließlich ist Samsung mit Tizen inzwischen fest verwoben.

Trotz aller Dementis der Unternehmensführung von Nokia haben hartgesottene Fans die Hoffnung nie aufgegeben, dass es nicht vielleicht doch einmal ein Android-Smartphone von Nokia geben könnte – und zwar mit der begehrten 41-Megapixel-Kamera des 808 PureView. Spätestens jetzt glaubt wohl niemand mehr an diese Option. Allerdings arbeiten auch andere Hersteller an dieser Technik: So wird Sony auf der IFA wohl sein Xperia Z1 vorstellen, das immerhin über eine 20-Megapixel-Kamera verfügt, wenngleich der Bildsensor nicht so groß ist wie der von Nokia.

Die ortsbezogenen Angebote verbleiben bei Nokia – und damit Kartenmaterial, Navigationsdienste, ÖPNV-Fahrpläne und so weiter. Microsoft darf die "Here" genannten Dienste zwar für vier Jahre weiter nutzen, aber Nokia wird Geld damit verdienen wollen. Es liegt also nahe, dass die bekannten Apps und neue Anwendungen rund um Navigation und Lokales weiter ausgebaut werden und entweder direkt in den App-Stores von Microsoft, Apple und Google landen und dort von Endkunden gekauft werden können oder über große Deals mit anderen Hardware-Herstellern ab Werk künftig auch auf anderen Smartphones landen.

Es ist allerdings gut vorstellbar, dass Microsoft sich hier auch eine gewisse Exklusivität gesichert hat – und Nokia seine Navi-Programme erst in Zukunft auch anderen anbieten darf.

Nokia und Microsoft sind behäbige Unternehmen – und genau jene Behäbigkeit hat beiden so stark zugesetzt im flotten Smartphone-Business. Dazu kommt, dass sowohl der Ex-Microsoft-Boss Steve Ballmer als auch der Ex-Nokia-Boss Stephen Elop dröge Zahlenschieber statt coole Macher sind. Sorry, Jungs, aber so ist es nun mal. Während Ballmer ja gelegentlich mit übertriebene Bühnen-Auftritten in vollkommen verschwitzten Hemden für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt hat, ist uns von Elop nur ein peinlicher Auftritt in Erinnerung geblieben, bei dem er das iPhone des Moderators weggeworfen hat, statt eine konkrete Frage zu beantworten.

Wenn künftig ein Produkt-Mensch bei Nokia (und gegebenenfalls sogar der Windows-Phone-Sparte bei Microsoft) die Verantwortung inne hat, kann das echt etwas richtig Cooles werden – er muss nur die Macht (und die Cojones) haben, um Produkte, die einfach noch nicht gut genug sind, zurück in die Entwicklung zu schicken, statt sie panisch auf den Markt zu werfen. Denn dass Nokia wirklich gute Handys bauen kann, hat das Unternehmen in der Vergangenheit bewiesen. Jetzt muss es nur noch dürfen.

Und sollten Hard- und Software tatsächlich wie bei Apple aus einer Hand kommen, bringt das weitere Vorteile für die Produkte mit sich – denn attraktive Sonderlösungen wie die PureView-Kamera oder vielleicht ein Fingerabdruckscanner abseits von Branchen-Standards werden einfacher möglich. Aber: Microsoft muss schneller werden. Derzeit braucht das Unternehmen noch mehr als ein halbes Jahr, um seine Software fit für "Kleinigkeiten" wie Full-HD-Displayauflösung oder Quad-Core-Prozessoren zu machen – das geht nicht, wenn man den Anschluss nicht verpassen möchte.

Bild: Wikimedia CC-BY-SA, Montage: TechStage

Dass Nokia immer noch einen verhältnismäßig großen Marktanteil hat, liegt vor allem an der Massenproduktion günstiger Handys aus der Asha-Reihe, die in Entwicklungsländern sehr beliebt sind. Obwohl die Produktion einfacher Mobiltelefone nicht gerade zu Microsofts Kerngeschäft gehört, wäre es klug, die Marke und Modelle nicht lieblos auslaufen zu lassen oder einzustampfen – denn das ist der Schlüssel, um später auch höherwertige Smartphones in diesen Märkten an den Mann zu bringen. Wir würden dafür auch ein besonders günstiges Windows-Smartphone für realistisch halten, das unter Umständen aber nicht in Europa und in den USA auf den Markt kommt.

Eins ist klar: Das "alte" Nokia ist spätestens seit heute tot. Das Unternehmen, was die etwas älteren unter uns mit coolen Handys wie dem 7110 mit dem "Matrix-Slider" vor 15 Jahren beeinflusst hat, mit T9, dem Snake-Spiel mit Multiplayer-Modus über die Infrarotschnittstelle, mit Farbdisplays und dem Verzicht auf die Handy-Antenne.

Der Deal von heute bedeutet für Microsoft, die Nokia-Smartphones und 32.000 Nokia-Mitarbeiter einige große Chancen, die nun aber auch flott genutzt werden müssen – denn die Konkurrenz wartet nicht, bis irgendwelche Verträge geprüft oder Zahlungen geflossen sind, sondern arbeitet weiter mit Nachdruck an neuen Modellen und Technologien. Also: Packt es an.

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