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Kommentar: Warum Tizen noch lange nicht tot ist

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Totgesagte leben länger, heißt es schon im Volksmund. Interessant ist im Falle "Tizen" aber, dass erste Stimmen bereits vor dem eigentlichen Start des Open-Source-Betriebssystems dessen jähes Ende voraussagen. Vor allem die Schwierigkeit, ein eigenes App-Ecosystem auf die Beine zu stellen, ist nach Meinung vieler Experten die Krux, die Intel und Samsung zum Aufgeben zwingen wird.

Gut möglich, dass das Projekt "Tizen" das Schicksal des Nichterfolgs ereilt – so wie vorher schon Bada. Trotzdem dürfte es Samsungs oberstes Ziel sein, ein eigenes Betriebssystem für eine Vielzahl eigener Geräte zu etablieren. Ein Betriebssystem, das die Koreaner dann im Gegensatz zu Android selbst kontrollieren.

Im Grunde genommen sind heutige Smartphones gar nicht so viel smarter als manche Mobiltelefone mit E-Mail-Client und Browser von vor einigen Jahren – wenn man mal von den hübschen neuen User Interfaces und der flotteren Bedienung absieht, die das Surfen mit einem Telefon deutlich vereinfacht haben. Was ein Smartphone eigentlich erst richtig smart macht, sind die Apps. Seit der Einführung der kleinen Programme kann man das Telefon plötzlich ganz an die eigenen Bedürfnisse anpassen.

Es gibt eben für alles eine App.

Zumindest dann, wenn das Betriebssystem iOS oder Android heißt. Selbst der einstige Branchenprimus Microsoft müht sich seit Jahren, das eigene Software-Angebot attraktiver zu machen. Nicht wenige geben dem Mangel an Programmen unter Windows Phone – zumindest im Vergleich zu den beiden großen Konkurrenten – eine große Mitschuld, dass Microsoft-Smartphones wie Blei in den Verkaufsregalen liegen.

Samsung hat erst kürzlich ein App-Entwickler-Programm mit vier Millionen Dollar Preisgeld ausgelobt. Dies kann man durchaus als Zeichen werten, dass die Koreaner alles daran setzen, gute Developer für ihre Plattform zu begeistern.

Die vielen Wettbewerbs-Millionen für Apps sind allerdings kein Erfolgsgarant. Darin hat Samsung auch bereits Erfahrung. Beim eigenen Betriebssystem Bada wollte man ebenfalls viele App-Entwickler mit hohen Preisen locken. Auch wenn es keine genauen Zahlen zum Erfolg dieser Aktion gab, war eben dieser wohl sehr überschaubar. Auch Microsoft musste die Erfahrung machen, dass Geld alleine bei Entwicklern nicht zählt. Denn obwohl die Firma mit dem Sitz in Redmond noch immer mit großen Zuschüssen Software für Windows Phone zukauft oder finanziell unterstützt, kommt die Developer-Gemeinde nicht so richtig aus der Hefe.

Warum sollte es also bei Tizen dann besser laufen? Das neue Betriebssystem kann einen Vorteil ausspielen, den sowohl Bada als auch Windows Phone nicht haben: Es laufen (angeblich – das können wir aktuell natürlich noch nicht testen) auch Programme, die eigentlich für Android entwickelt wurden. Entwickler müssten ihre Applikationen also nicht extra auf Tizen anpassen. Außerdem setzt man auf HTML-5-Apps, die – dank Firefox OS – bald wie Pilze aus dem Boden schießen dürften.

Ganz nebenbei kann man bei Tizen auch auf eine recht aktive Entwicklergemeinde hoffen. So hatte der Tizen-Vorgänger MeeGo einen treuen Stamm an Programmierern, die sich durchaus für das neue Projekt reaktivieren lassen könnten. Insbesondere mit der großen Masse an Geräten, die Samsung theoretisch in den Markt spülen könnte, böte sich für einige Softwarehäuser wieder eine echte Chance.

Die Südkoreaner können, ja, dürfen nichts unversucht lassen, um selber im Reigen der großen Betriebssysteme mitzumischen. Der aktuelle Erfolg Samsungs ist vor allem auf Android gebaut – ein System, das den Koreanern nicht nur nicht gehört, sondern das vor allem maßgeblich durch ein Unternehmen kontrolliert wird, welches ebenfalls mit Motorola im Hardwarebereich mitmischen möchte. Das Fundament des Erfolgs kann also getrost als sandig bezeichnet werden.

Viel wichtiger als diese Tatsache dürfte für Samsung jedoch sein, dass unsere Daten bei Android nicht in Südkorea, sondern bei Google in den USA liegen. Und dort sind sie bares Geld wert. Immerhin kann Google so nicht nur Apps verkaufen, Suchanfragen generieren oder E-Mail-Konten loswerden (jaja, und natürlich unsere Daten an die NSA weiterreichen), sondern ganz nebenbei einen hohen Grad an Kundenbindung erzeugen. Einmal Android, immer Android – was natürlich auch für andere Betriebssysteme gilt. Schließlich ist der Aufwand erheblich, um anderswo wieder alle Apps zu erwerben, E-Mail-Konten einzurichten, und so weiter, und so fort.

Kontrollierte Samsung unsere Daten, könnte das Unternehmen uns sehr viel leichter Produkte anderer Kategorien, wie TV-Geräte oder intelligente Kühlschränke verkaufen. Schließlich müssten wir nichts mehr konfigurieren, und alle Daten wären mit einem Klick da – die Mails auf dem Fernseher, Angry Birds auf der Mikrowelle und die Lieblings-Cocktail-App auf dem Kühlschrank.

Es liegt also in der Natur der Sache, dass man in der Konzernzentrale in Seoul nicht so einfach die Flinte ins Korn werfen beziehungsweise das Tizen-OS unter den Teppich kehren möchte. Nein, hier geht es um jede Menge Macht und Geld. Es ist sicherlich viel zu verlockend, den großen Betriebssystem-Jackpot zu knacken, als jetzt bereits aufzugeben.

Andererseits: Die Entwicklung eines Betriebssystems ist nicht nur mühsam, sondern auch teuer und erfordert eine Menge Erfahrung. Diese könnte bei Samsung fehlen. Vielleicht liebäugelt so mancher Samsung-Manager von daher ja auch mit der Option, es Amazon gleich zu tun: Auf die Android-Erfahrung setzen, die bereits zweifelsohne vorhanden ist, und gleichzeitig daraus aber ein eigenes Betriebssystem aus dem Boden zu stampfen. Dass dieser Mittelweg wunderbar funktioniert, hat Amazon mit seinen Android-basierten Kindles bereits bewiesen.

Wie auch immer es ausgehen wird – fest steht: Samsung versucht, ein eigenes Operating System für mobile Endgeräte hinzubekommen. Ob am Ende Tizen oder Android die Grundlage darstellt, ist an sich nicht wichtig. Es wird aber in jedem Fall interessant, wie sich die Android-Marktanteile verändern. Schließlich ist Samsung der aktuell größte Smartphone-Hersteller der Welt.

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