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Kommentar: Sind Google-Glass-Fans verlogen?

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Du bist ein Google-Glass-Fan und wartest ungeduldig darauf, dass die Brille nun endlich auf den Markt kommt? Dann bist Du womöglich verlogen. Das ist jetzt sicherlich ein Schock, aber ich will kurz erklären, warum.

Selbstverständlich ist die Überschrift viel zu drastisch formuliert. Man hätte es viel weicher ausdrücken können. Allerdings träfe es dann auch nicht genügend den Nerv, den dieses Thema verdient – und ja, vielleicht sogar braucht.

Vor einem guten halben Jahr war die Technik-Welt noch in Ordnung, bis sie durch den Whistleblower Edward Snowden im Juni 2013 zum Wanken gebracht wurde. Er sprach aus, was wir uns schon dachten, aber was eigentlich fast jedem egal war: Amerikanische Geheimdienste spähen im großen Stil den Internetverkehr aus. Und andere westliche Länder sind daran beteiligt.

Fortschritt und Technik eröffnen Regierungen ganz neue Möglichkeiten, um uns Bürger zu überwachen. Der gesunde Menschenverstand und das Aufbegehren sind dabei fundamentale Güter, um den offensichtlichen Verfall unserer hart erkämpften Rechte zu schützen. Es kann und darf nicht sein, dass Geheimdienste die für das rechtsstaatliche Prinzip so wichtige Unschuldsvermutung durch konsequente Überwachung aus ihren Angeln heben.

Will man den Geheimdiensten das Leben wieder schwerer machen, müsste man einfach nur auf Cloud-Dienste verzichten. Außerdem könnte man die sozialen Medien wie Twitter oder Facebook umschiffen oder sollte dort keine echten Identitäten verwenden. Kritische technische Neuerungen wie den Touch-ID-Fingerabdrucksensor des iPhone 5S gilt es ebenfalls zu boykottieren.

Genau diese Diskussion konnten wir auf TechStage sehr gut verfolgen, als Apple seinen neuen Fingerabdruck-Sensor präsentierte. Er sei auch ein Geschenk an die NSA. Plötzlich gilt die Unschuldsvermutung auch für Unternehmen nicht mehr. Quid pro quo, oder?

Interessanterweise hat sich eine andere technische Neuerung ganz vorzüglich aus der NSA-Debatte heraushalten können: Viele Fans feiern Googles neue Augen in die Welt – die Google Glass – und erwarten sie sehnsüchtig. Darunter befinden sich nicht wenige NSA-Kritiker.

Dabei ist Google Glass das optimale Überwachungs-Werkzeug uns viel schlimmer als jeder Sensor für Fingerabdrücke. Schließlich meldet die Datenbrille nicht nur den Aufenthaltsort an die Google-Server im NSA-Land USA, sondern nimmt auch Bilder und Videos dieser Orte auf – für Dritte sogar mehr oder weniger unbemerkt. Diese sind dann mit dem persönlichen Account verknüpft und beinhalten eben auch Gesichter von Menschen, die gar nichts davon wissen.

Ergo: In Kombination mit immer besser und schneller werdender Gesichtserkennung lassen sich mit diesen Daten Aufenthaltsorte von Menschen feststellen und in Datenbanken erfassen, denen das in diesem Moment gar nicht bewusst war.

Obwohl ich selbst kein riesiger Glass-Fan bin (Google Glass – der spektakulärste Ladenhüter aller Zeiten), freue ich mich über den technischen Fortschritt. Aber sollte uns nicht gerade die Datenbrille in Aufruhr versetzen? Vielleicht ist unsere Kritik oft subjektiv geprägt: Den Unternehmen, die man mag, "verzeiht" man datenkritische Innovationen eher, als solchen, die man weniger schätzt. Das ist durchaus menschlich. Fair ist es aber nicht.

Unabhängig davon verlieren wir das eigentliche Problem aus den Augen: Es gibt Regierungen, die sich gesetzliche Freiräume geschafft haben, um Grundgesetze umgehen zu können. Zu Recht wächst die Skepsis gegenüber Neuerungen, die mit jeder Art von Datenerfassung einhergehen. Nur leider verhindert diese Skepsis auch irgendwann den Fortschritt: Werden neue Möglichkeiten nicht genutzt, forschen und entwickeln Unternehmen in diesen Bereichen auch nicht weiter.

Dieses Schicksal dürfte Google Glass nicht ereilen. Wenn die Brille scheitern sollte, dann eher nur deshalb, weil eine solche Brille doch nicht so praktisch ist, wie sie zunächst erscheint. Das Datensammeln sehen viele Kritiker an dieser Stelle offenbar nicht so kritisch. Begeisterung schlägt manchmal eben Vernunft.

Ich selbst bin also auch verlogen. Mir ist der Fortschritt wichtig, auch wenn Google Glass vor dem Hintergrund der NSA-Affäre eigentlich unvernünftig ist. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass die NSA und ihre Freunde jederzeit Zugang zu meinen E-Mails, meinen iMessages oder meinem Dropbox-Ordner haben. Dennoch will ich nicht komplett auf diese Annehmlichkeiten verzichten. Da rede ich mir lieber selber ein, dass ich nichts zu verstecken habe – wohlwissend, dass ich damit meine Grundrechte selbst mit Füßen trete.

Es sollten – aus meiner Sicht – auch nicht die Produkte der Unternehmen sein, die man verurteilt. Es sind Regierungen und Geheimdienste, gesetzliche Grundlagen und die fehlende Ethik, die man anprangern sollte. Ein Produkt-Boykott bestraft vermutlich die Falschen.

Es ist eine Schande, dass das Internet so stigmatisiert werden konnte. Es bleibt zu hoffen, dass weltweit umfassende Gesetze zum unbedingten Datenschutz geschaffen werden können. Schließlich möchte ich mich nicht immer selbst belügen müssen.

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