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Hersteller, legt Eure Lieferkette offen! Fairphone macht's vor

Bild: Bildmaterial: Fairphone; Collage: TechStage

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Spätestens seit den Selbstmorden bei Foxconn weiß jeder, dass Smartphone-Hersteller ihre Arbeiter in chinesischen Fabriken unfair behandeln. Auch von den Problemen beim Abbau der Hightech-Metalle Coltan, Kobalt und Gold in Afrika haben die meisten Nutzer schon einmal gehört, zum Beispiel durch den Film "Blood in the Mobile".

Eigentlich sind sich alle darin einig, dass wir etwas gegen diese Probleme unternehmen müssen. Auch die Hersteller. Fast alle haben erklärt, dass sie gegen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und gefährliche Arbeitsbedingungen sind. Und, dass sie Konfliktrohstoffe vermeiden wollen.

Ich frage mich nur: Wenn die Hersteller das ernst meinen, warum verraten sie dann nicht, woher die Rohstoffe in ihren Smartphones stammen? Und in welchen Fabriken sie welche Geräte zusammenbauen lassen? Warum darf kein Journalist bei der Produktion zusehen?

Denn: Erst wenn die Öffentlichkeit die Fakten kennt, kann sie darüber diskutieren, wie man die Situation verbessert. Erst wenn die Nutzer wissen, was genau in den Geräten steckt, können sie abwägen – und sich für den fairsten Hersteller entscheiden.

Deswegen finde ich Fairphone so spannend. Fairphone ist ein Start-up aus Amsterdam mit einer Handvoll Mitarbeitern. Sie wollen zwei Ziele erreichen: Erstens wollen sie im Herbst 10.000 Fairphones verkaufen. Zweitens wollen sie offenlegen, was in Smartphones steckt und wie sie hergestellt werden. Dieses Ziel finde ich noch wichtiger als das Gerät selbst.

Bislang haben selbst Technikexperten nur eine grobe Ahnung von den Lieferketten der IT-Industrie. Die Hersteller verraten fast nichts. Apple und HP gelten bereits als fortschrittlich, weil sie die Namen ihrer direkten Zulieferer veröffentlicht haben. Diese Listen erklären aber nicht, wer welches Teil für welches Produkt liefert. Und nicht, woher die Rohstoffe kommen.

Wer sich mit Fairphone beschäftigt, erfährt mehr: In Smartphones stecken 500 bis 1000 Einzelteile. Diese bestehen aus Keramik, Glas, diversen Kunststoffen und rund 30 Metallen. Von den Metallen bereiten unter anderem Tantal, Gold, Kobalt, Zinn, Kupfer und Wolfram ernsthafte Probleme: In vielen Minen sind die Arbeitsbedingungen gefährlich, die Umwelt wird verseucht, in Einzelfällen finanzieren sich Bürgerkriegsparteien durch den Rohstoffabbau.

Die Fairphone-Macher kaufen Tantal und Zinn aus dem Kongo. Sie wissen, dass die Arbeitsbedingungen dort noch schlechter sind als in anderen Ländern. Aber sie wollen, dass die Menschen im Kongo überhaupt Arbeit haben – und die Bedingungen dadurch Schritt für Schritt verbessern können. Außerdem arbeitet Fairphone nur mit Minen zusammen, die von der OECD als "konfliktfrei" zertifiziert sind. Dadurch wird sichergestellt, dass die Profite aus dem Abbau nicht bei bewaffneten Milizen landen.

Die Fairphone-Macher können ihre Quellen für die anderen Metalle – zum Beispiel Gold und Kupfer – zurzeit noch nicht offenlegen, weil sie sie selbst noch nicht kennen. Sie entwickeln das Fairphone nämlich nicht selbst, sondern nutzen aus Kostengründen ein Standardmodell mit kleinen "fairen" Änderungen.

Für mich ist das Fairphone trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung. Die Fairphone-Macher haben gerade erst angefangen und wissen noch nicht sehr viel über die eigene Lieferkette – verraten der Öffentlichkeit aber alles, was sie wissen. Apple, Samsung & Co. wissen fast alles über ihre Geräte – sie kennen ihre Zulieferer seit Jahren oder Jahrzehnten und haben einen zigfach größeren Einfluss auf sie als Fairphone. Aber sie verraten uns fast nichts. Zeit, das zu ändern.

Was heißt das für uns Smartphone-Nutzer? Es lohnt sich, Hersteller wie Apple, Samsung, Nokia, HTC, LG, Sony oder Motorola einfach mal nach ihren Zulieferern und Rohstoffquellen zu fragen.

Mehr über Fairphone lest Ihr in der aktuellen c't (Heft 8/13, S. 78)

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