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Google I/O: Schweine von heute sind der Schinken von morgen

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Auf der heutigen Entwickler-Konferenz Google I/O hat der Suchmaschinenkonzern seine Neuerungen vorgestellt. Leider gab es weder neue Tablets noch Smartphones oder gar eine neue Android-Version, doch die Neuerungen bei Google Maps und Chrome können sich ebenso sehen lassen wie die neuen Entwickler-Möglichkeiten für Android oder ein Samsung Galaxy S4 mit entsperrtem Bootloader und Vanilla Android.

Zunächst gab es noch ein paar spannende Zahlen: 100 Millionen Zuschauer haben sich die Keynote im Internet angesehen. 900 Millionen Android-Geräte wurden bislang aktiviert. Doch das Ziel ist größer: "Es gibt 7 Milliarden Menschen auf der Welt", sagt Google. Insgesamt wurden inzwischen 48 Milliarden Apps aus Google Play heruntergeladen, davon allein 2,5 Milliarden im letzen Monat. Und: Der Umsatz pro Nutzer weltweit hat sich binnen einen Jahres verzweieinhalbfacht.

Dieser Beitrag entstand in halbnächtlicher Zusammenarbeit des TechStage-Teams aus Daniel, Fabi und Stefan.

Obwohl die Gerüchte in den letzten Wochen nach einem weißen Nexus 4 und einem neuen Nexus 7 geklungen haben, war bereits kurz vor dem Start der I/O schon fast klar: Hardware-Technisch gibt's dieses Mal nichts neues. Das war leider auch korrekt, abgesehen von einer eigentlich sehr spannenden Randnotiz.

Samsungs Galaxy S4 gibt es ab dem 26. Juni auch mit entsperrtem Boot-Loader und Vanilla Android direkt bei Google – also fast schon als Nexus S4. Kostenpunkt: 649 Dollar. Haken: Das Gerät kommt zunächst nicht nach Deutschland.

Google erweitert sein Online-Musik-Angebot Google Play Music um einen Streaming-Dienst à la Spotify. Das neue Angebot heißt Google Play Music All Access, gibt es zunächst nur in den USA und kostet dort knapp 10 Dollar pro Monat. Dafür gibt es dann unbegrenzt Musik. Ganz nebenbei bietet Google personalisierte Musikvorschläge, die beim Konkurrenten Apple bereits seit geraumer Zeit angeboten werden. So lassen sich neue Künstler und Songs entdecken, die auf den eigenen Musikgeschmack abgestimmt sein sollen.

Google Play Music All Access startet in den Vereinigten Staaten am 16. Mai 2013. Nutzer, die sich bis zum 30. Juni für ein Abo entschließen, können das Abo für 2 Dollar weniger pro Monat beziehen. Um nicht die Katze im Sack kaufen zu müssen, bietet Google den Service 30 Tage kostenlos an.

Das Ganze funktioniert ähnlich wie der bekannte Dienst Spotify und ist eine Art Online-Radio mit einer Abfolge passender Songs, die auf dem zuvor gehörten Titel basieren. Die Funktion Listen Now schlägt dem Nutzer zudem Neuerscheinungen vor, die Google für passend hält.

Wann Google Music All Access auch nach Deutschland kommt, steht indes noch nicht fest. Traditionell dauert es aber immer eine ganze Weile, bis wir hierzulande in den Genuss solcher Dienste kommen. Bei der Einführung von Google Music mussten wir Deutschen beispielsweise mehr als ein Jahr warten, bevor wir den Service dann Ende 2012 endlich auch nutzen konnten.

Was bei Apple Siri ist, soll bei Google – beziehungsweise Chrome und Android – Converse sein. Allerdings ist der neue Google-Dienst natürlich sehr viel weniger emotional und kommt sehr viel wenig menschlicher daher, als Madame Siri. Dafür soll der Version des Suchmaschinenriesen am Ende deutlich mehr Know-how zur Verfügung stehen: nämlich der komplette Datenbestand der Google-Server.

"Answer", "Converse" und "Anticipate", also Antworten, Unterhalten und Vorausahnen, sind die Schlagworte, mit der Google das Ende der Suche im Netz erreichen möchte. Das Thema Converse geht vor allem mit der möglichst natürlichen Interaktion mit der Suchmaschine einher und soll demnächst nicht nur auf Smartphones, sondern auch via Chrome Browser auf Desktops und Laptops zur Verfügung stehen. Mit dem Kommando "OK Google" beginnt man seine Suchanfrage und spricht diese dann so ein ein, als wolle man mit einem anderen Menschen sprechen. Google will dann anhand bestimmter Signalwörter den Sinn des Satzes erkennen beziehungsweise analysieren, um dann im Nachgang ein passendes Ergebnis vorzuschlagen.

In der gezeigten Demonstration funktioniert das schon ausgesprochen gut, als via Converse nach der perfekten Reiseroute, nach den richtigen Restaurants und sogar nach den eigenen Flugdaten gefragt wird.

Google sieht, versteht, weiss alles – und Google soll zukünftig auch noch richtig antizipieren. Unter dem Stichwort "Anticipate" will man unter dem Service Google Now auch schon Antworten liefern, bevor die Frage überhaupt gestellt wurde. Erinnerungen sind da so ein Beispiel: An der richtigen Stelle und der richtigen Uhrzeit kann mich mein Smartphone an bestimmte Dinge erinnern, ohne dass ich zuvor danach gefragt habe.

Fünf Millionen Kilometer Streetview-Material in 50 Ländern, Unterwasser-Karten von beliebten Tauchspots, 3D-Modelle von Gebäuden in Städten, ein überarbeitetes Design, eine Tablet-Version mit größeren Bildern – alles cool, aber irgendwie schon gesehen und irgendwie fast zu erwarten. Dass Google endlich diese dummen Zagat-Punkte mit ihrer völlig unintuitiven Skala zwischen 0 und 30 Punkten ins Nirvana befördert, ist dagegen eine erfrischende Wohltat. Als würde die tollwütige Bulldogge endlich beschließen, dass mein Bein doch nicht schmeckt. Stattdessen gibt es: Tadaa, eine Fünf-Sterne-Skala. Dankeschön. Außerdem haben die Besitzer diverser Lokalitäten jetzt die Möglichkeit, potenzielle Kunden mit Gutscheinen zu locken.

Dann aber große Worte: Hier kommt die Zukunft von Google Maps. Wir sehen unfassbar flüssige 3D-Karten im Browser mit feinen Texturen, elegante 3D-Flüge, als wir von der Außenansicht in die ebenfalls dreidimensionale Innenansicht eines Gebäudes warpen. Und: Photosphere. Wir bekommen eine 3D-Innenansicht vom Petersdom serviert, die aus von Nutzern hochgeladenen Fotos generiert wurde. Crowdsourced mapping! Passend dazu bekommen wir auch ein 3D-Panorama aus dem Saal des Moscone Centers zu sehen, in dem die Keynote abgehalten wird. Wir sind begeistert.

Dann der Flug vom beinahe mikroskopischen in den Makrokosmos, bis wir die Erde als Ganzes sehen. Fast beiläufig werden wir mit der Bemerkung vom Stuhl gefegt, dass die Wolken übrigens nicht irgendeinem Satellitenfoto entstammen, sondern in Echtzeit abgebildet werden. Das gleiche gilt übrigens für den Schatten auf der der Sonne abgewandten Seite. Und jetzt bitte zoomen. Noch ein bisschen weiter. Noch ein kleines bisschen. Ja, genau, da hat's gerade das TechStage-Team aus den Latschen gehauen.

Wer das neue Maps schon ausprobieren möchte, kann sich auf maps.google.de/preview vorab registrieren.

Die ersten Neuerungen richten sich primär an Android-Entwickler: Es gibt neue APIs, also Programmierschnittstellen, auf die Apps zurückgreifen können. Natürlich profitieren auch die Nutzer davon, wenn das neue System zur Positionsfeststellung des Nutzers schneller geht und deutlich weniger Energie verbraucht. Die Activity Recognition weiß, ob der Anwender gerade zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto unterwegs ist – und teilt dieses Wissen auf Wunsch Apps mit. Zusätzlich gibt es ein neues Single-Sign-On-Verfahren, das das Einloggen in Apps und auf Webseiten mit dem Google-Plus-Account ermöglicht. Dazu kommen diverse kleinere Verbesserungen, etwa am Nachrichtensystem von Android. Mehr Details dazu finden sich in der Mitschrift unseres Live-Blogs.

Deutlich spannender finden wir die Google Play Game Services, die uns doch stark an das Game Center von iOS erinnern. Hier wie dort lassen sich Erfolge und Ranglisten in Spielen mit Freunden vergleichen, Mulitplayer-Games gegen Freunde oder Unbekannte starten und so weiter. Da sich künftig nicht mehr die Programmiere der Spiele mit den Details und der technischen Realisierung herumschlagen müssen, können wir auf deutlich mehr Games mit Mehrspielermodi hoffen. Die Demonstration der Funktion auf der Bühne hat übrigens nicht funktioniert.

Ein ganz nettes Feature am Rande: Spiele können unter Android den Fortschritt des Nutzers auch in der Cloud abspeichern. Angry Birds können wir also auf dem Smartphone beginnen, auf dem Tablet weiterzocken und auf der nächsten Smartphone-Generation fertig spielen.

Damit Programmierer künftig bessere Apps entwickeln können, gibt Google ihnen mit Android Studio einen neuen Werkzeugkoffer mit. Die Entwicklungsumgebung macht vieles einfacher. Viele Funktionen müssen nicht von Grund auf programmiert werden, sondern lassen sich aus einer Art Baukasten zusammenziehen. Dazu gibt es eine Live-Vorschau auf Ressourcen und das Layout, das sich auch On-the-Fly auf verschiedene Display-Größen und Auflösungen sowie auf die Darstellung auf Tablets umschalten lässt.

Um die Entwickler nachhaltig mit Brot zu versorgen, hat Google zusätzlich verschiedene Tools vorgestellt, die Tipps geben, wie etwa durch zusätzliche Sprachen oder ein Layout für Tablets größere Zielgruppen erreicht werden können. Außerdem teilt ein Analytics-ähnliches Programm den Entwicklern künftig mit, welche Anzeigen innerhalb der Programme besonders gut funktionieren. Beim Übersetzen in andere Sprachen hilft ein Service, der entsprechende Dienstleister und Entwickler zusammenbringt.

Das Unternehmen aus Mountain View hat auch hier mit Apple gleichgezogen und ein Programm für Bildung an Universitäten und Schulen veröffentlicht. Damit können Lehrer dann Apps, Bücher und andere Lerninhalte an die Android-Geräte von Schülern und Studenten pushen, ohne dass diese langwierig nach den richtigen Inhalten suchen und diese dann installieren müssen.

Auch hier hat Google beim Konkurrenten Apple abgeguckt – oder sich inspirieren lassen. Dort hat man vor knapp eineinhalb Jahren einen ähnlichen Dienst gelauncht, um auf diese Weise iPads und iPhones interessanter für Bildungseinrichtungen zu machen. Der Push der ausgewählten Apps geht dort allerdings nicht. Google hat außerdem ein zentrales Abrechnungssystem eingebaut, mit dem man die Lerninhalte direkt über ein Konto bezahlen kann. Außerdem können Lehrer Bewertungen anderer Kollegen zu einzelnem Content einsehen, um so besser entscheiden zu können, ob eine Investition darin lohnt.

Der neue Lern-Store soll noch in diesem Herbst starten. Google hat Entwickler dazu aufgerufen, jetzt für entsprechende Apps zu sorgen.

Für Apple könnten das schlechte Nachrichten sein. Im Vergleich zum iPad sind Android-Tablets und ChromeBooks in der Regel günstiger und von daher für Klassenverbunde deutlich erschwinglicher.

Google+ hat 41 neue Features bekommen, sagt Google. Oder vielleicht auch 341, 7 oder 29. Spielt auch keine Rolle. Denn für uns sind es heute vier wichtige Neuerungen, die Google+ erfahren hat.

Einmal hat Google das Layout massiv überarbeitet. Im hochauflösenden Desktop-Browser ist es dreispaltig – und schrumpft je nach Displaygröße und Einstellung bis auf einspaltig zusammen. Außerdem sind zig Animationen hinzugekommen. Die Kacheln klappen smooth um und rutschen wie geölt übers Display. So weit, so nett.

Außerdem kann Google+ jetzt auch Hashtags. Im Gegensatz zu Twitter werden diese aber nicht mit Raute versehen hinten an irgendwelchen Textbröckchen angehängt, sondern automatisch hinzugefügt. Erstes Beispiel auf der Keynote: In einem Beitrag wird ein Sportler erwähnt, der Beitrag erhält das dazu passende Hashtag. Zweites Beispiel: Auf einem Foto ist der Eiffelturm zu sehen, das Bauwerk selbst wird aber nicht im Beschreibungstext erwähnt. Per Bilderkennung bekommt das Bildchen trotzdem das passende Hashtag. Gänsehaut. Google kriegt uns alle.

Feature Nummer drei ist wohl das, was zuvor als Babel, Babbel oder Brabbel im Netz die Runde machte – und jetzt schlicht und ergreifend Hangout heißt. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um einen kostenlosen Chat, der sowohl auf Desktop-PCs und auf Android- wie iOS-Geräten läuft. Als Kommunikationswege stehen Text, Fotos und Videos zur Verfügung. Bis hin zu Gruppen-Videochats ist alles kostenlos. Außerdem gibt es eine endlose History und ein nettes Design mit vielen Detail-Spielereien obendrauf.

Und last but not least: Fotos. Google+ sucht hier aus ausufernden Knips-Orgien des Nutzers die besten Fotos heraus. Automatisch. Wie das funktioniert? Google erkennt beispielsweise den betrunkenen Nachbarn, der sich bei jeder Gelegenheit ins Bild drängt. Google erkennt die unscharfen Fotos, die eben dieser geschossen hat, wenn er mal hinter der Kamera stand. Und Google erkennt auch, dass er 50 Mal seine Schuhe fotografiert hat – und wirft zumindest 49 Versionen aus der Auswahl. Bilder mit mürrisch dreinblickenden Personen? Fliegen ebenfalls raus. Bleibt am Ende nur noch: Schöne, neue Welt.

Die aber natürlich noch schöner sein könnte. Und daher packt Google jede Menge automatische Bildverbesserer ins Programm. Da gibt es die üblichen Haut-Weichzeichner, Rauschreduzierer, Kontrast-Verbesserer, Weißabgleich-Korrigierer und so weiter. Insbesondere bei den Landschaftsaufnahmen, die Google während der Keynote gezeigt hat, fällt allerdings ein deutlicher, HDR-artiger Look auf. Wer schon einmal häufiger mit HDR-Aufnahmen herumgespielt hat, weiß, wie schnell man sich daran sattsieht. Immerhin: Den automatischen Bildkasper kann man auch abschalten. Ein sanftes Drosseln scheint aber leider nicht möglich. Serienbildfreaks dürfen sich noch über eine Funktion freuen, die Bildreihen erkennt und daraus animierte GIFs, Pardon, animierte WebPs zusammenschustert. Siehe unten.

Neben Neuerungen bei Android, Chrome OS & Co. hat Google noch ein paar spannende Änderungen im "klassischen Internet" zu bieten. Vieles davon passiert unter der Haube – wir normalen Nutzer bekommen davon wenig mit, zum Beispiel vom neuen Bildformat WebP. Im Vergleich zu JPEG-Fotos wurde die in der Demo gezeigte Foto-Datei bei gleicher Qualität um 31 Prozent kleiner, und zusätzlich beherrscht das Bildformat Animationen wie GIF und Transparenz wie PNG – und wirkt sich bei größerer Verbreitung positiv auf unseren Trafficverbrauch aus.

Eine neue Kompression gibt es auch für Videos. VP9 könnte der Nachfolger von H.264 werden; zumindest Youtube will noch in diesem Jahr umsteigen. Der Grund ist wieder die benötigte Bandbreite: Im Beispielvideo kann Google nach eigener Aussage bei vergleichbarer Qualität 60 Prozent Spreicherplatz, und damit auch Traffic, einsparen.

Praktisch für Handy-Surfer mit kleinem Datentarif oder DSL-Kunden der Telekom ist der neue Proxy-Server, den Google künftig für mobile Browser anbieten will. Webseiten werden dabei nicht, wie derzeit, vom Smartphone in voller Größe aberufen und dann auf die kleinen Displays heruntergerechnet. Stattdessen übernimmt ein Google-Server bereits vor der Übertragung auf das Handy das Umrechnen und die Kompression. Das beschleunigt den Seitenaufbau und begrenzt den Verbrauch. Allerdings bekommt Google auf diesem Weg natürlich auch jede Adresse mit, die man unterwegs aufruft.

Zig neue und geniale Funktionen, insbesondere bei der Software. Und praktisch alle sind sie umsonst – ist das nicht fantastisch? Die beste Antwort gibt wohl folgendes Bild: Treffen sich zwei Schweine im Stall: "Mensch, haben wir's hier nicht geil - kostenlose Unterkunft und Essen und Trinken, so viel wir wollen?"

Aber so ist das nun einmal: Ist der Service umsonst, bist Du die Ware.

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