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Gigaset GS195 Test: „Made in Germany“ ist zu teuer

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Gigaset bringt jetzt schon länger Smartphones unter dem Label „Made in Germany“ auf den Markt, neuester Vertreter ist das GS195. Wir klären im Test, ob es noch andere Kaufgründe gibt.

„Made in Germany“ sollte einst eigentlich als Negativmarke für Waren aus Deutschland dienen, etablierte sich aber schließlich als Synonym für Qualitätsprodukte. Darauf setzt nun schon seit über einem Jahr auch Gigaset und will damit unter anderem auch Kunden anziehen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. So besteht das Verpackungsmaterial aus recyclingfähigem und kompostierbarem Grasfasern aus „lokalen Quellen“, wodurch CO2-Ausstoß, Wasser- und Energieverbrauch für Herstellung und Transport gesenkt werden. Der Qualitätsgedanke macht sich unter anderem auch in der freiwilligen Garantieleistung bemerkbar. Sie liegt zwar wie bei anderen Herstellern auch bei 24 Monaten, darüber hinaus gibt Gigaset für das GS195 das 3-Monate-Garantieversprechen. Das beinhaltet innerhalb der ersten 90 Tage nach Kauf eine kostenfreie Reparatur von Sturz- und Feuchtigkeitsschäden, sowie ein Rückgaberecht, sollte der Kunde doch nicht mit dem Gerät zufrieden sein. Das spricht für die Überzeugung des Herstellers, ein richtig gutes Produkt zu liefern.

Beim Thema Design stimmt das auch. Gigaset setzt beim GS195 auf kratzresistentes 2,5D-Glas sowohl auf der Vorder-, als auch auf der Rückseite. Ein in Gehäusefarbe eloxierter Kunststoffrahmen hält beides zusammen. Die Verarbeitung ist ordentlich, auch wenn Interessenten nicht die Perfektion einen 1000-Euro-Smartphones erwarten sollten. Dafür liegt das Smartphone wegen der ausreichenden Rundungen des Rahmens angenehm in der Hand, Kanten oder sonstige Verarbeitungsmängel spürt man nicht.

Viel Rand, große Notch - dem Preis angemessen.

Die Rückseite ist bestenfalls „unaufgeregt“ zu nennen: Viel Fläche, die für 5 Euro Aufpreis mit bis zu 26 Zeichen graviert werden kann, ein Fingerabdrucksensor, das Gigaset-Logo und eine Kamera, die ins obere linke Eck gequetscht wurde – das ist alles. Die Front dominiert wie immer bei modernen Smartphones der große Bildschirm. Hier sieht man den günstigen Preis des GS195 durchaus: Die Notch am oberen Display-Rand ist recht ausladend, unterhalb des Screens befindet sich ein ausgeprägter Rand ohne ersichtliche Funktion. Auch an den Seiten sind Ränder durchaus erkennbar, insgesamt geht das aber im Hinblick auf den Verkaufspreis in Ordnung und es überwiegt ein positiver Gesamteindruck.

Gigaset baut in das GS195 ein 6,2 Zoll großes LCD mit einer Auflösung von 2246 × 1080 Pixel ein. Das ergibt eine Bildschärfe von knapp über 400 PPI und sorgt für ein scharfes Bild. Farben werden ausreichend intensiv dargestellt, die Wiedergabe tendiert dabei zu einer eher warmen Farbtemperatur. Die Helligkeit geht mit gemessenen knapp 450 cd/m² voll in Ordnung. Überraschenderweise spricht der Hersteller nur von 400 cd/m², normalerweise überbieten Herstellerangaben unsere Messwerte deutlich. Dank der guten Blickwinkelstabilität sollten Nutzer damit auch im Freien keine großen Probleme bekommen.

Ziemlich große Notch.

Als Hauptkamera setzt Gigaset beim GS195 auf eine Dualkamera aus 13 und 5 Megapixel, wobei die kleinere Optik ausschließlich für künstliches Bokeh zuständig ist. Für Selfies steht eine Frontkamera mit 8 Megapixel zur Verfügung, Videos lassen sich bei beiden Kameras mit maximal Full-HD aufnehmen.

Einfache Kamera.

Die Bildqualität ist angesichts des niedrigen Preises zumindest bei guten Lichtbedingungen angemessen. Dann punktet das Gerät zumindest in der Vollbildbetrachtung mit adäquater Bildschärfe, keinem sichtbaren Bildrauschen und einer ausreichenden Bilddynamik. Leider wird der insgesamt durchaus ansprechende Eindruck von völlig übersättigten Farben zunichte gemacht. Grün- und Blautöne sind schon im Normalmodus übertrieben hervorgehoben, im nur manuell zuschaltbaren HDR-Modus werden alle Farben insgesamt noch einmal verstärkt. Fotos sehen dann bestenfalls wie gemalt aus, mit natürlicher Farbgebung hat das nichts mehr zu tun. Was immer sich Gigaset dabei gedacht hat – das ist bei weitem zu viel des Guten! Mit schwindendem Licht bekommt das GS195 die gleichen Probleme wie alle günstigen Smartphones ohne optischen Bildstabilisator: Die Bildschärfe sinkt sichtbar und Bildrauschen drängt in den Vordergrund.

Bei Selfies geht die Bildschärfe so weit in Ordnung, die Bilddynamik ist aber noch einmal sichtbar schlechter als bei der Hauptkamera. Wer hier zu HDR greift, wird noch mehr als zuvor erschrecken: Das Gesicht des Testers wies auf Fotos mit High Dynamic Range mehr Farben als jemals zu Karneval auf und der auf dem Bild sichtbare Heiligenschein mag zwar der Eigenwahrnehmung des Redakteurs entsprechen, nicht aber der Realität. Der Portraitmodus für künstliches Bokeh im Hintergrund sollte nicht überstrapaziert werden, selbst bei Wahl von schwacher Unschärfeintensität schleichen sich schnell Bildfehler ein. Videos sehen bei gutem Licht ähnlich wie Fotos ordentlich aus, zumal hier die starke Übersättigung der Farben weniger ausgeprägt ist. Mangels Bildstabilisators braucht es hier allerdings einer sehr ruhigen Hand oder besser noch eines Stativs.

Ein Blick ins Datenblatt offenbart die ein- oder andere Überraschung. So stammt der im Gigaset GS195 verwendete Prozessor nicht von Qualcomm oder Mediatek, sondern von Unisoc, dessen Hauptsitz in Shanghai ist. Das Unternehmen, das zuvor unter dem Namen Spreadtrum firmierte, ist hierzulande ziemlich unbekannt, entsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass der Spreadtrum SC9863A mit seinen bis zu 1,6 GHz getakteten Kernen während des Tests nur Stirnrunzeln und fragende Gesichter hervorrief. So viel sei verraten: Sowohl CPUs als auch die GPU orientieren sich am Einstiegssegment, zu viel Leistung sollte man also nicht erwarten. Das bestätigt sich im Antutu-Benchmark, in dem das Gerät gerade einmal knapp 75.500 Punkte erreicht. Auch im Alltag macht sich der schwache Chipsatz in Kombination mit gerade einmal 2 GByte RAM bemerkbar.

USB Typ C.

So dauert es gelegentlich einen spürbaren Augenblick, bis Befehle vom Gerät umgesetzt werden und außer einfachen Spielen sollten Nutzer keine Gaming-Eignung erwarten. Davon abgesehen ist die Darstellung bei typischen Aufgaben wie Websurfing, Navigation auf den Homescreens oder ähnlichem aber überwiegend flüssig und auch ausreichend schnell. Die restliche Technik ist ebenfalls eher aus dem unteren Regal gegriffen: Nur 32 GByte interner Speicher – immer hin mit Speichererweiterungsmöglichkeit um 256 GByte – treffen auf Bluetooth 4.2 und WLAN n. Immerhin nimmt das GS195 zwei SIM-Karten und zusätzlich eine microSD auf. LTE, ein UKW-Radio und USB Typ C sind ebenfalls mit an Bord. Ein Headset für die Nutzung von Radio und 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse findet sich im Lieferumfang nicht. Der rückseitige Fingerabdrucksensor ist ausreichend zuverlässig, aber nicht übermäßig schnell.

Als Betriebssystem verwendet Gigaset Android 9 Pie ohne angepasste Nutzeroberfläche. Der Sicherheits-Patch stammt von Mai 2019 und ist damit hoffnungslos veraltet. Wer mit „Made in Germany“ wirbt, sollte so etwas besser im Griff haben.

Stolze 4000 mAh fasst der Akku des Gigaset GS195, das ist eine ganze Menge angesichts der einfachen Ausstattung. Im Test stellten sich dennoch eher zwei als drei Tage Nutzungsdauer als realistisch heraus – einfache Ausstattung bedeutet leider oftmals auch nicht gerade energiesparende Bauweise der Bauteile. Interessant ist der Hinweis des Herstellers auf Schnellladen – davon kann bei 10 Watt Ladeleistung und fast 3 Stunden für eine vollständige Ladung wohl kaum die Rede sein.

Das Gigaset GS195 gibt es in Titanium Grey und Dark Purple, zum Testzeitpunkt kostete das Lila-farbene Modell ab 170 Euro.

Gigaset GS195 dark purple (S30853-H1514-R112)

Gigaset GS195 Lila

Gigaset GS195 titanium grey (S30853-H1514-R111)

Gigaset GS195 Grau

Angemessen schick und wertig ist das Gigaset GS195 in Relation zum Preis durchaus und auch das Display überzeugt. Im Alltag wird auch der verwendete Chipsatz seine Arbeit ordentlich machen, aber 2 GByte RAM und 32 GByte interner Speicher sind auch für ein Smartphone unter 200 Euro etwas mager. Hinzu kommt dann eine zumindest bei Tageslicht eigentlich brauchbare, aber total farbübersättigte Kamera und das war es dann auch schon wieder. Denn der Akku ist auf dem Papier zwar ziemlich stark, im Alltag aber eher Durchschnitt.

Bleibt als letztes Kaufargument noch „Made in Germany“, allerdings ist das auch nur bedingt korrekt. Denn die verwendeten Bauteile werden in Deutschland größtenteils nur zusammengesetzt, sie stammen aber wie bei fast allen anderen Smartphones auch aus China. Immerhin gibt es eine minimal bessere Ökobilanz, doch wer darauf Wert legt, sollte ohnehin eher zu Konkurrenten wie dem Fairphone 3 greifen. Technisch gibt es also leider wenig Gründe, die für das Gigaset GS195 sprechen, ein schlechtes Smartphone ist es aber auch nicht.

Mehr für's Geld bieten etwa Honor 8X (Testbericht) für etwa 200 Euro, das Xiaomi Redmi Note 7 (Testbericht) für rund 175 Euro oder das Motorola Moto G7 Power (Testbericht) mit dickem Akku für etwa 165 Euro. Die besten Smartphones unter 200 Euro haben wir hier aufgelistet.

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