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Die Mutter aller Smartwatches: WristPDA von Palm und Fossil

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Apple kopiert wie jeder andere Hersteller gerne mal von anderen – soweit nichts Neues. Was ihr bisher aber wahrscheinlich noch nicht wusstet: Der Urvater der Apple Watch erblickte bereits im Jahr 1999 das Licht der Welt. Der Uhrenhersteller Fossil kontaktierte damals Palm um eine Lizenz für das hauseigene Betriebssystem.

Das Team um Donald Brewer leistete Großartiges. Der als FX2001 bezeichnete Prototyp beeindruckte Analysten auf der Comdex 2001 – leider war er für die praktische Nutzung zu groß und zu schwer. Im Laufe der nächsten vier Jahre wurden die Spezifikationen mehrfach verbessert: das Endresultat war der auf die Größe einer fetten Armbanduhr geschrumpfter m500.

Im Unterschied zur I'm Watch war der Bildschirm des WristPDA immer aktiv. Zudem realisierte Fossil einen der ersten „Zweikern-PDAs“: Der SuperVZ-Hauptprozessor konnte den aktuellen Bildschirminhalt auf Wunsch an einen Mikrocontroller weiterleiten. Dieser übernahm danach die Aktualisierung des mit 160 × 160 Pixeln durchaus hochauflösenden LCDs.

Fossil löste die permanente Uhr-Anzeige auf einem LCD-Display mit einem dedizierten Microcontroller.

Aus Softwaresicht war der WristPDA ein vollwertiger Organizer mit Palm OS. Daten konnten per HotSync mit Outlook abgeglichen werden: Termine, Kalenderdaten, ToDos und Apps wanderten automatisch auf den Handheld. Der 8 MByte große Arbeitsspeicher scheint heute völlig underdimensioniert, war damals aber geradezu gigantisch.

Dank HotSync mussten Daten nicht von Hand eingegeben werden.

Der WristPDA konnte beliebige PalmOS-Applikationen ausführen. In der Praxis erwies sich dies jedoch als nicht sonderlich befriedigend: Aufgrund der geringen Nutzeranzahl waren Entwickler nicht wirklich bereit, ihre Programme mit an die Uhr angepassten Benutzerinterfaces auszustatten. Daraus folgte, dass die auf der Seite des Geräts befindliche Navigationswippe nur wenig zum Einsatz kam.

Der WristPDA ist der Pebble in Sachen Eingabefunktionen haushoch überlegen.

Fossil begegnete diesem Problem durch das Integrieren eines Stifts. Die Schnalle des Armbandes enthielt einen ausklappbaren „Zahnstocher“, der das Antippen von Elementen erlaubte.

WristPDA: Krücke oder grenzgenial?

Palm kämpfte während seiner gesamten Historie mit Qualitätsproblemen. Der „Fluch des P“ setzte sich bei Fossil nahtlos fort: Viele der Uhren wurden mit Batterien ausgeliefert, die ihre Nominalkapazität nur nach gutem Zureden erreichten. Warum man sich für die mit 66 MhZ getaktete Version des SuperVZ-Prozessors entschied, bleibt ebenfalls unklar: die Verdoppelung der Leistung war irrelevant, die Reduktion der Akkulaufzeit spürbar.

Im Alltag nervte die Uhr nicht nur mit permanenter Batteriestandswarnungen. Sie war zudem auch nicht wasserfest, was beim Duschen oder auch nur Händewaschen für Ärger sorgte. Zudem war der Lautsprecher zu schwach, um den Nutzer zuverlässig zu wecken.

Aufgrund der schleppenden Verkäufe senkte Fossil den Preis des Produkts mehrfach. Am Ende wurden die Restbestände der einst fast 300 Dollar teuren Uhr um 49 US-Dollar verramscht: Wie bei den letzten WebOS-Smartphones war auch hier reißender Absatz gegeben.

Da Fossil seit mehr als zehn Jahren keine Smartwatches baut, wollen wir einen Blick in die Glaskugel werfen. Mike Mace war als ehemaliger PalmSource-Mitarbeiter bestens über die Entwicklungen der Lizenznehmer informiert: Er berichtete 2005 in einem Blogpost darüber, dass Fossil eine Vielzahl von geilen Produkten abgekündigt hat.

Stellen wir uns einen WristPDA vor, der dank eines Bluetooth-Moduls zur drahtlosen Synchronisation seiner Daten befähigt wäre: Das Produkt wäre dank der Funkverbindung auch ohne Workstation immer auf dem aktuellen Stand. Die immer breiter werdende Adaption würde Entwickler zum Anbieten von optimierten Applikationen animieren, das Bedienkonzept mit der Fünf-Wege-Wippe wäre aufgegangen.

Sowohl der schwache Lautsprecher als auch die fehlende Wasserdichtigkeit wären im Rahmen eines Produktupdates behebbar gewesen. Ein Dock hätte das Ladeproblem behoben: Die nächste Generation der Uhr wäre weitaus akzeptabler gewesen.

Fossil versteckte den Micro-USB-Anschluss hinter einer (schwer zu öffnenden) Klappe.

Während der Auslieferung dieses zweiten Modells hätte sich die Technologie rasend weiterentwickelt. Die Arbeiten an der dritten Iteration wären unter einem anderen Stern gestanden: Organische LCDs hätten den Stromverbrauch reduziert, während dedizierter Flashspeicher (Stichwort NVFS) die Akkulaufzeit durch das Verfügbarmachen der bei RAM erforderlichen Speichererhaltungsreserve verlängert hätte.

Wer mit seinem Raumschiff Kurs auf den Mond nimmt, landet mitunter in den Sternen – oder in einem schwarzen Loch. Dem Team von Fossil passierte genau dies: die erste Generation des WristPDA war auf dem richtigen Weg, konnte sich aufgrund der damaligen Technik aber nicht voll entfalten. Die Abkündigung der von Insidern als großartig bezeichneten Nachfolger war ein Akt beispielloser Kurzsichtigkeit – Fossil wäre heute eine ernstzunehmende Macht im Smartwatch-Bereich.

Weitere Eindrücke von der Smartwatch aus dem letzten Jahrtausend findet Ihr in der folgenden Bildergalerie.

Habt ihr weitere Fragen zum Thema WristPDA? Ich freue mich persönlich darauf, euch Antworten zu beschaffen – hinterlasst mir einfach einen Kommentar.

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