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Test: HTC U Ultra – mehr Schein als Sein

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Das Anfang Januar 2017 vorgestellte U Ultra von HTC ist ein Oberklasse-Smartphone, dessen Preis auf hohem Flaggschiff-Niveau liegt. Im Vergleich zu Geräten wie dem Xperia XZ Premium oder dem LG G6 hat es technisch kaum etwas Besonderes zu bieten. Die Stärke des Telefons ist gleichzeitig seine größte Schwäche: das Aussehen. Warum das U Ultra zum aktuellen Zeitpunkt völlig fehlplatziert ist und warum das Design den Preis von 749 Euro nicht gerechtfertigten kann, lest Ihr im Testbericht von TechStage.


Ein Wort: hochwertig. In Sachen Optik sucht das neue HTC-Smartphone seinesgleichen. Die Rückseite des U Ultra ist ein einziger Spiegel, der das Licht umwerfend schön reflektiert und in alle Richtungen zurückwirft. Anders als in der Vergangenheit setzt der Hersteller nicht mehr auf Aluminium, sondern nur noch auf widerstandsfähiges Glas. Das Material wird in einem aufwändigen Verfahren veredelt und erreicht so seinen einzigartigen Look. Ein Nebeneffekt soll die Robustheit des dreidimensionalen Gorilla Glass 5 sein. Beim in-die-Hand-Nehmen des U Ultra verspürt man das Gefühl von Zerbrechlichkeit, als ob es jeden Moment zerplatzen könnte – wie ein dünner Spiegel. Gerade deshalb sind wir mit dem Testgerät sehr vorsichtig umgegangen. Es sollen aber Macher von Inhalten geben, die das Gerät schon vollstens auf die Probe gestellt haben.

Der Preis für diesen Glanz beträgt 749 Euro.

Genug schöngeredet. Wo viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Hier kommt das ernsthafte Problem des U Ultra: Fingerabdrücke. Es ist so schlimm, dass man ständig damit beschäftigt ist, es zu säubern. Egal wie fettfrei die Hände sind, seine Spuren hinterlegt man stets. Man müsste seine Haut schon in Alkohol tränken, damit es beim Bedienen rein bleibt. Über die Herausforderung ist sich auch Hersteller HTC bewusst und legt deshalb eine einfache Schutzhülle aus durchsichtigem Kunststoff mit in den Karton. Ob dann noch etwas vom dem Design, der Besonderheit des Smartphones, übrig bleibt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für uns ist das leider ein klarer Fall: Ohne Hülle geht nicht, mit aber auch nicht.

Das U Ultra gibt es in den drei Farben Brilliant Black, Ice White und Sapphire Blue. Letzteres haben wir vor Ort. Am wenigsten sichtbar sind die Fingerabdrücke bei der weißen Ausführung, am deutlichsten bei der blauen.

Das U Ultra gibt es in den drei Farben Blau, Schwarz und Weiß.

Das Gehäuse des HTC U Ultra hat keine IP-Zertifizierung, wie die teure Konkurrenz – etwa das Galaxy S7, das G6 von LG oder das Xperia XZ Premium von Sony. Auch ist es nicht staub- und wasserdicht – eigentlich ist es noch nicht einmal wasserresistent. Ist das denn jetzt so wichtig? Die Antwort: Ja, ist es! Vielleicht möchte man nicht unbedingt mit seinem Smartphone schwimmen gehen, aber Unfälle passieren. Und ein Gerät für 750 Euro sollte darunter nicht leiden. Inzwischen kann das ja sogar Apple.

Der Fingerabdrucksensor arbeitet schnell und verlässlich.

5,7 Zoll haben sich noch nie so überdimensional groß angefühlt wie beim U Ultra. Mit einer Höhe von 162 und einer Breite von knapp 80 Millimetern (laut Herstellerangabe sind es 79,8) sowie einer Masse von 170 Gramm fühlt sich das HTC nicht nur wuchtig an, sondern auch gigantisch. Eine Einbandbedienung ist in diesem Formfaktor ohnehin kaum noch möglich, aber auch das Greifen und sichere Festhalten fällt schwer, besonders wenn man keine großen Hände hat. In Kombination mit dem rutschigen Glasrücken sind Stürze bereits vorprogrammiert. Und die dürften teuer werden.

Das U Ultra ist derart riesig, dass es auffällig aus einer herkömmlichen Jeanstasche heraus guckt; es passt einfach nicht vollständig hinein. Auch wenn man sich beugen möchte, weil die Schuhe noch zugebunden werden müssen, macht es sich mit seiner ausgestreckten Existenz bemerkbar.

Die geriffelte Powertaste hat einen festen Widerstand.

Auf der vorderen Seite des U Ultra gibt es zwei elektronische Tasten mit Beleuchtung. Ihre Platzierung ist nicht mittig im Layout des Telefonrahmens, stattdessen kleben sie leicht an der in der Mitte sitzenden Starttaste, die zugleich als Fingerabdrucksensor fungiert. Die zwei Bedienfelder sind ein wenig klein geraten; oft kommt es vor, dass man sie beim Betätigen verfehlt.

Der Fingerabdrucksensor reagiert prompt auf Eingaben und entsperrt das Telefon auch im gesperrten Zustand. Die physischen Tasten an den Seiten benötigen viel Druck.

Im Inneren des U Ultra arbeitet der Vierkerner Snapdragon 821 von Qualcomm, der in wenigen Wochen von seinem Nachfolger, dem Snapdragon 835, abgelöst wird. Die Taktfrequenz ist 2,15 GHz – im Edge des chinesischen Anbieters ZUK Mobile sitzt derselbe Prozessor, allerdings in einer leistungsstärkeren Form mit 2,35 GHz. Der Arbeitsspeicher des HTC U Ultra hat eine Größe von 4 GByte, an internem Speicher stehen 64 GByte bereit. Eine Erweiterung per microSDXC-Speicherkarte um bis zu 2 TByte ist möglich.

Groß. Größer. HTC U Ultra.

HTC hat einen hervorragenden Ruf, wenn es um performante Smartphones in der Oberklasse oder im High-End-Segment geht. Diese Reputation wird auch vom neuen U Ultra fortgeführt. Das Telefon arbeitet in allen Situationen exzellent und meistert in 99 von 100 Fällen alles souverän. Während des Testzeitraums verhielt es sich immer schnell, zu Ruckeln oder Abstürzen kam es nie. Die Darstellung von Animationen und das Verschieben des Bildschirminhaltes funktionierten flüssig.

Beim U Ultra verzichtet HTC auf den 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss. Stattdessen läuft die Audio-Ausgabe über den Daten- und Stromanschluß USB Type C. Anders als bei den neuen iPhones von Apple oder dem Moto Z der Lenovo Group kann es nicht der Platzmangel sein, weshalb der analoge Stecker weichen muss. Dafür ist das Gerät groß und mit 8 mm Bauhöhe auch dick genug.

„Wir haben die Kopfhörerbuchse entfernt, weil wir glauben, dass das Audioerlebnis auf dem Handy mehr können soll, als einfach nur Ton zu übertragen. Unsere Sonar-ähnlichen Kopfhörer mit der Technologie HTC USonic erfasst das Innere des Ohrs und optimiert den Klang. Das ist nur digital möglich. Wir glauben daran, dass der Markt bereit für positive Veränderung ist.“ – HTC, Januar 2017.

Beim U Ultra kommt ein USB Type C mit USB 3.1 zum Einsatz.

Musik lässt sich entweder über die mittelmäßigen Stereolautsprecher hören oder über die überraschend guten Kopfhörer, die im Lieferumfang enthalten sind. Die jeweiligen Hörer erfassen die Form der Ohrmuschel und stimmen so den Klang ab. Initial muss der Nutzer ein Audioprofil anlegen und einrichten, danach läuft der Abtastvorgang. Alternativ kann die USonic-Optimierung auch ausgeschaltet werden, ein Unterschied ist nur minimal hörbar. Das U Ultra verfügt über vier Mikrofone. Sie ermöglichen eine kristallklare Aufnahme mit einer kugelförmigen Richtcharakteristik.

Vier Mikrofone im U Ultra sorgen für eine kristallklare Sprachaufnahme.

Der festeingebaute Akku hat eine Nennladung von 3000 Milliamperestunden. An dieser Stelle ein Vergleich: das Redmi 4 Prime von Xiaomi (Testbericht) hat einen deutlich kleineren Fußabdruck, verfügt aber trotzdem über eine Kapazität von 4100 mAh. Dabei ist es lediglich 0,9 mm dicker als das U Ultra. Wie dem auch sei, die Botschaft ist klar: Wenn schon das Gehäuse so groß ist, warum geht man mit dem Akku so unausgeglichen um? Aufladen lässt sich dieser – wie angesprochen – über USB Type C mit der USB-Spezifikation 3.1. Die Schnellladetechnik QuickCharge 3.0 füllt den Akku in einer Stunde und 49 Minuten. Die Laufzeit des Akkus hängt ganz vonm Nutzer und dem konkreten Einsatz ab. Bei einer mittleren Display-Helligkeit haben wir eine Betriebsdauer von 9:11 Stunden erreicht.

Auf der Vorderseite: ein zweites Display für ergänzende Informationen.

Das U Ultra verfügt über zwei Bildschirme, die übereinander positioniert sind. Die Hauptanzeige hat eine Diagonale von 5,7 Zoll und löst Quad-High-Definition auf, also 2560 × 1440 Pixel. Das Panel ist ein LC-Display, es ist ansprechend hell und auch an sonnigen Tagen gut ablesbar. Bildschirme bleiben nach wie vor ein Qualitätsmerkmal von HTC; es gibt schlicht nichts zu beanstanden: Schärfe, Blickwinkel, Farben, Weiß- und Schwarzwerte, Lebhaftigkeit sowie Klarheit sind bestechend.

Das Dual-Display mit Touch-Funktion oben rechts ist in der Breite kleiner als die untere Anzeige. Es hat eine Auflösung von 160 × 1040 Pixeln und zeigt hauptsächlich zusätzliche Informationen wie das Wetter, beim Hochheben des Telefons die Uhrzeit und relevante Benachrichtigungen an. Auch sind Schnellzugriffe zu Applikationen und Kontakten möglich.

Das 5,7 Zoll große IPS-LCDisplay leuchtet und gibt Farben ziemlich realistisch wieder.

Eine künstliche Intelligenz, die teilweise zum Zeitpunkt des Tests noch nicht freigeschaltet war und von der deshalb nur oberflächlich berichtet werden kann, soll denk- und lernfähig entscheiden, welche Inhalte dem Nutzer dargestellt werden sollen. Ein Beispiel: Nicht jede eingegangene Nachricht der Facebook-App spielt eine Rolle für den Besitzer, sondern nur manche. Die Interaktionen werden stets analysiert, je länger das Verhalten untersucht wird, desto konkreter ist die Prognose für künftige Ereignisse. In der Theorie klingt das ziemlich nach einem Nutzer-zentrierten Feature – wie die Praxis aussieht, kann nur ein Langzeittest zeigen. Seit Freitag, den 17. März 2017 haben wir HTC Sense Companion auf unserem U Ultra, bisher ist uns nichts Vernunftbegabtes auf dem kleinen Bildschirm aufgefallen.

Die K.I. soll aber mehr können als nur Informationen verteilt anzuzeigen. Der Companion soll als Ratgeber zur Seite stehen: dem Anwender zum rechtzeitig Aufladen auffordern, wenn der Akku für den Rest des Tages knapp werden könnte. Die Einheit durchleuchtet den Kalender und die Gewohnheit des Standortes, um proaktiv zu warnen.

Die Kamera guckt aus dem 8 mm dicken Gehäuse heraus.

Die Kamera im U Ultra gehört zu den besten auf den Markt. Das Modul und die entsprechende Optik ist bereits einigen Nutzern aus dem HTC 10 (Testbericht) sowie von den Google-Phones Pixel und Pixel XL (Testbericht) bekannt. Hier geht HTC kein Risiko ein und verlässt sich auf Bewährtes. Der IMX377-Bildsensor von Sony Semicon hat im 4:3-Bildverhältnis eine Auflösung von 12 Megapixeln mit großen Einzelpixeln mit einer Kantenlänge von je 1,55 Mikrometer. Im Breitbildformat mit 16:9 beträgt die Auflösung neun Millionen Pixel. Der Chip hat eine Größe von 1/2,3 Zoll und kann Videos im Format 4K High-Definition aufzeichnen.

Die Blende hinter der Schutzabdeckung aus Saphirkristall hat ein Öffnungsverhältnis von f/1.8 und ist damit besonders gut geeignet für Situationen mit schwachem Licht. In dem Linsensystem wurde auch ein optischer Bildstabilisator (OIS) verbaut, er gleicht kleine Bewegungen aus und vermeidet Verwackelungen. Für das präzise und schnelle Scharfstellen des Motivs greift das U Ultra auf drei miteinander arbeitende Subsysteme zurück: Kontrastautofokus (AF), Phasendetektionsfokus (PDAF) sowie Laserautofokus (LAF).

Genau wie beim kleinen Bruder, dem HTC U Play (Testbericht), kommt auch im U Ultra eine Selfie-Kamera mit 16 Megapixeln zum Einsatz. Über die Applikation stehen dem Nutzer viele Funktionen zur Verfügung, unter anderem ein Sprachauslöser, Beautification in Echtzeit und vieles mehr.

Testbilder

Die Qualität der Hauptkamera gefällt uns! Sie besitzt all das, was heutzutage in die Oberklasse gehört – und sogar noch mehr. Der Fairness halber muss aber auch sagen, dass uns das bereits aus dem letzten Jahr bekannt ist. Die Technik und die entsprechend sehr guten Ergebnisse sind nicht neu. Bei der Gegenüberstellung mit anderen elitären Geräten wie dem LG G6 hat sie allerdings nichts wirklich Innovatives zu bieten. Die Entscheidung auf eine Substitution mit einer kongruenten Kamera fällt insofern leicht.

Das U Ultra läuft mit der neusten Sense-Software von HTC. Das zugrundeliegende Betriebssystem ist Android OS in der Iteration 7.0 Nougat. Das System und die Oberfläche sind außerordentlich gut durchdacht und benutzerfreundlich gestaltet. Auf dem Telefon ist keinerlei Bloatware vorinstalliert. Die meisten Dienste hat HTC externalisiert und aktualisiert diese stillschweigend im Hintergrund über den Google Play Store. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern auch Nerven in der Hauptzentrale in Taiwan. Mit dieser Methode umgeht HTC diverse überflüssige Freigabestellen und sichert sich in der Tat einen Wettbewerbsvorteil. Einige Hersteller wie TCL Communication mit dem BlackBerry PRIV und BlackBerry KEYone sowie die Lenovo Group mit ihren zahlreichen Moto-Produkten (Moto Z Test) gehen ebenfalls dieser Strategie nach.

Grundsätzlich gehört HTC zu den Ersten, die ihren Kunden sicherheitsrelevante Updates und sogar auch Upgrades in Form einer komplett neuen Software anbieten. Dieses Privileg ist jedoch nur im hochpreisigen Segment vorhanden. Langfristiger Software-Support existiert, muss aber im voraus bezahlt werden – genau wie bei Apple und Google.

Das HTC U Ultra ist in vier verschiedenen Ausführungen zu haben, die sich nur durch die Farbe unterscheiden. Wir hatten das blaue Modell im Test.

Ein solides Smartphone, das HTC U Ultra. Aber nicht für den aktuellen Preis von 749 Euro.

Nein! Nicht kaufen, auch nicht vorbestellen mit einem Vertrag bei o2 Telefónica Germany, Telekom oder Vodafone – zumindest bis der Preis nicht spürbar sinkt. HTCs Smartphone für die erste Jahreshälfte gibt vor, ein Flaggschiff-Smartphone zu sein. Gemessen an Können und dem Nebeneinanderstellen mit Geräten in der gleichen Preisgruppe schneidet es in seiner Gesamtheit schlecht ab. Es fehlen viele Dinge wie das drahtloses Laden, das bei einem Glasgehäuse kein Problem sein sollte. Oder eben die nicht vorhandene Wasserdichtigkeit. Hinsichtlich des Ausmaßes ist es gestalterisch ein Fehlschlag: zu dick, zu groß; zu unhandlich. Hier hätte man mehr herausholen und effizienter sein können – nichts anderes gehört sich im Jahr 2017.

Die Stärken liegen beim Display und der Kamera. Auch die Software ist klasse. Empfang und Klang bei Telefongesprächen waren tadellos. Den kleinen Bildschirm halten wir für unnötig und verschwenderisch. Dann lieber gleich einen ordentlichen Always-on-Screen, statt beschränkte Insellösungen.

Nichtsdestotrotz, blendet man die Rationalität für einen Moment aus, gibt es tatsächlich eine besonders große Motivation das HTC U Ultra zu kaufen: das emotional getriebene Verlangen, ein derart schönes und glänzendes Smartphone zu besitzen. Diese Begierde wird in einem dann erweckt, wenn man das Telefon das erste Mal in der Hand hält und sein eigenes Spiegelbild auf der Rückseite sieht. Bilder und Videos sagen zwar mehr als 1000 Wörter aus, jedoch hat der erste und vor allem persönliche Eindruck mehr Gewicht, als alles andere. Deshalb verdient das Gerät im wahrsten Sinne des Wortes die Betitelung: Mehr Schein als Sein! Und wir empfehlen jedem, der es kaufen will – oder auch nicht – es zumindest einmal live anzusehen.

Das in diesem Beitrag getestete Smartphone wurde dem Autor kostenlos zur Verfügung gestellt von der Havana Orange GmbH, der deutschen Presseagentur von HTC Germany GmbH. Nach der Publikation dieses Artikels und weiteren Vergleichstests wird es auf eigene Kosten zurückgeschickt.

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