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Amazon Fire HD6 im Test: Perfektes 99-Euro-Tablet?

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Der Preis ist eine Ansage. Seit wenigen Tagen ist Amazons neues Einsteiger-Tablet, das Fire HD6, verfügbar. Der Online-Buchhändler verscherbelt das Gerät für 99 Euro – vorausgesetzt, der Nutzer akzeptiert Werbe-Einblendungen auf dem Lock-Screen. Ansonsten muss er 114 Euro zahlen. Aber auch dieser Preis ist noch interessant.

Übrigens: Den Namen Kindle hat Amazon aus seinem Tablet-Portfolio gestrichen. Kindle heißen ab sofort nur noch die reinen E-Book-Reader mit E-Ink-Display, Fire HD die Tablets mit Amazons Android-Abklatsch Fire OS.

Zugegeben: Eine Schönheit ist das HD6 nicht. Es ist aus grobem Plastik geschnitzt, es ist dick und schwer, und das Amazon-Logo auf der Rückseite ist unangenehm scharfkantig. Einen Designpreis wird Amazon damit sicherlich nicht gewinnen.

Doch die Verabreitung geht in Ordnung. Die Spaltmaße unseres Testgeräts stimmen, es wirkt nicht zerbrechlich und die Materialauswahl ist angemessen – allerdings immer mit Blick auf den Preis.

Das 6-Zoll-Format wirkt aus heutiger Sicht etwas klein. Viele Smartphones erreichen ähnliche Größen, und um das zu tun, was mit dem Fire HD am besten geht, Filme und Serien sehen, ist das Display fast zu klein. Daher würden wir wohl eher zum größeren Bruder mit 7-Zoll-Display greifen, der 20 Euro mehr kostet. Aber wenn es auf jeden Cent ankommt oder die 6-Zoll-Variante gerade so noch in die Jackentasche passt, kann man sich auch mit dem 6-Zoll-Modell anfreunden.

Hochwertig ist anders: Die Materialauswahl ist dem niedrigen Preis geschuldet. Dafür stimmt die Verarbeitung: Das HD6 knarzt nicht.

Etwas blöd ist das verhältnismäßig hohe Gewicht. Gerade, wenn man auf dem Sofa liegt, ermüdet der zum Abstützen eingesetzte kleine Finger schnell. Und das kleine Tablet mit zwei Händen zu halten, ist irgendwie etwas albern – muss aber irgendwann sein. Ebenfalls nicht so schön ist die Platzierung der Ladebuchse an der Oberseite direkt neben dem Ein-Aus-Taster. Besonders, wenn ein Kabel steckt, ist der Knopf nur schlecht zu erreichen.

Das Wichtigste bei einem Tablet ist sein Display – und mit dem sind wir beim Fire HD6 durchaus zufrieden. Okay, die Kontraste könnten besser sein, und die Blickwinkel sind arg klein: Bereits bei gut 30 Grad von der Seite verwaschen die Farben. Doch ein vergleichsweise kleines Tablet wird wohl ohnehin eher selten eine größere Gruppe mit Fotos und Videos bespaßen, sondern meist eine Person. Und die darf sich dann über eine schöne Farbwiedergabe und eine in dieser Preisklasse vorbildliche Schärfe der Darstellung freuen.

Amazon hat seinem kleinen Tablet nämlich HD-Auflösung spendiert: 1280 × 800 Pixel. Bei einer Diagonalen von 6 Zoll entspricht das einer Pixeldichte von 252 Pixeln pro Zoll (ppi). Zum Vergleich: Das aktuelle iPad Air von Apple kommt auf 264 ppi. Zwar hinkt diese Gegenüberstellung, denn das deutlich größere iPad wird man weiter von den Augen weg halten – doch die Auflösung reicht problemlos aus, um die Bügelfalten in den Uniformen der Enterprise-Besatzung und einzelne Haare von Kirk erkennen zu können.

Doch, das Display ist an. Für die schlechte Qualität aus hohen Blickwinkeln ist zum einen das Display-Panel selbst verantwortlich, zum anderen aber auch der Aufbau. Bei teureren Geräten ist die Glasscheibe direkt mit dem Display laminiert, bei günstigeren gibt es dazwischen aber eine Luft-Schicht – und die sorgt für zusätzliche Spiegelungen. Wenn man frontal auf die Anzeige blickt, macht sie ihre Sache aber gut.

Nicht ganz so glücklich macht uns die Empfindlichkeit des Touchscreens: Gelegentlich hat er Scrollversuche einfach ignoriert. Nach langem Herumprobieren haben wir den Grund dafür gefunden: Wird der Finger zunächst mit dem Nagel voran aufgesetzt und dann über den Bildschirm gewischt, reagiert das Display nicht. Auch dann nicht, wenn im späteren Verlauf der Bewegung der Fingernagel nicht mehr mit dem Glas in Kontakt kommt. Bei Touchscreens anderer Tablets haben wir dieses Verhalten so noch nicht beobachtet.

Die absolute Besonderheit aller Amazon-Tablets und des Fire Phones ist die Software. Amazon setzt nämlich nicht auf Android, sondern entwickelt sein eigenes Betriebssystem – auf der Basis von Android, aber ohne Google. In der Praxis bedeutet das vor allem eine ungewohnte Benutzeroberfläche sowie das Fehlen von Google-Apps – inklusive Mail, Maps und vor allem dem Play Store.

Apps lädt man bei Amazon ausschließlich aus dem hauseigenen App-Store (oder via Side-Loading von Hand) aufs Gerät. Dort finden sich rund 250.000 Apps aus allen Bereichen. Klingt nach viel, ist aber tatsächlich weniger, als Microsoft im Windows Store zu bieten hat – und nur etwa ein Fünftel von dem, was Google im offiziellen Android-App-Store anbietet. Das ist auch gleich eine der größten Einschränkungen. Eine Suche nach der App der Gebrauchtwagenbörse Mobile.de brachte nur die Konkurrenz-App von Autoscout24 zum Vorschein. Absolute Top-Apps wie Angry Birds, eBay oder Skype gibt es, aber danach wird das Eis schnell dünn. So fanden wir zum Beispiel die App des Freemium-Hits Simpsons: Springflield, aber nicht das Kult-Spiel Clash of Clans im Amazon-App-Angebot.

Die Amazon-eigene Benutzeroberfläche ist primär auf das Content-Angebot des Versandhändlers gemünzt. Android-Profis finden das verstörend, für Einsteiger, die vor allem Amazon-Dienste nutzen wollen, ist sie aber eine einfach zu bedienende Alternative.

Zumindest zum Teil macht Amazon das eingeschränkte Angebot mit Sonderangeboten und Gratis-Apps wieder wett. Doch wer eben unbedingt Clash of Clans zocken oder sein Auto auf Mobile.de verkaufen will, guckt in die Röhre. Noch dazu hat die Software bei uns im Test einige Mucken gezeigt. Simpsons: Springfield ist immer direkt nach dem Ladebildschirm ohne weiteren Kommentar oder Fehlermeldung abgestürzt, und hier und da gab es andere, kleinere Probleme.

Praktisch für Eltern: Free Time. Damit lassen sich Nutzerprofile für Kinder festlegen, die dann selbstständig mit dem Fire HD umgehen können. Nach einer einstellbaren Nutzungsdauer pro Tag oder Woche, nach 20 Uhr oder wenn nicht mindestens 30 Minunten ein E-Book gelesen wurde, geht ansonsten nichts. Außerdem lassen sich die Spiele und Apps festlegen, auf die der Nachwuchs Zugriff hat. Leider kann man den Kids innerhalb von Free Time aber keinen Zugriff auf Videos von Amazons Prime-Instant-Video-Angebot gewähren – auch dann nicht, wenn man einzelne Folgen von Spongebob heruntergeladen hat. Hoffentlich wird dieses Feature noch nachgereicht.

Unterm Strich ist klar: Das Fire HD6 ist kein Tablet für Android-Fans, Fulltime-Zocker und App-Fetischisten. Doch alle wirklich wichtigen Funktionen sind vorhanden – natürlich inklusive Webbrowser und E-Mail-App.

Perfekt zum HD6 passt Amazons Prime-Angebot. Prime-Abonnenten zahlen 49 Euro im Jahr und bekommen dafür kostenlose Express-Lieferungen von Amazon; vor allem aber auch Zugriff auf das Instant-Video-Angebot des Versandhändlers. Ohne weitere Gebühren lassen sich dort Tausende von Serien und Filmen abrufen – und auf den Amazon-eigenen Fire-Tablets sogar in beschränkter Zahl speichern, um ohne Internet-Verbindung, etwa bei einer Autofahrt, Bahnreise oder im Flugzeug, weitersehen zu können.

Zwar dürfte das Display vor allem für diesen Zweck durchaus größer sein, doch um die Kids auf der Rückbank zufrieden zu stellen oder in der S-Bahn auf dem Weg in die Arbeit eine Folge Breaking Bad zu sehen, reicht auch die 6-Zoll-Version aus.

Besonders klasse sind die Fire-HD-Tablets in Kombination mit dem Fire TV, Amazons Streaming-Kiste für den Fernseher. Laufende Serien lassen sich so problemlos in Sekunden vom Tablet auf den Fernseher und wieder zurück übertragen, wie wir es ansonsten nur bei Apple gesehen haben. Feine Sache, so muss das sein.

Allerdings: Auch wenn der Jahrespreis im Vergleich zu anderen Angeboten wie Watchever oder Netflix niedrig ist, entspricht er immerhin 50 Prozent des Gerätepreises.

Zwar verbaut Amazon in seinem günstigsten Tablet weder Asterix' Zaubertrank noch High-End-Komponenten, doch die inneren Werte reichen aus, um ein gutes Erlebnis mit dem Tablet zu ermöglichen – sprich: flotte App-Starts, ruckelfreies Scrollen auf Webseiten und schnelle Reaktion auf Eingaben (wenn die nicht gerade mit dem Fingernagel durchgeführt werden).

Das Fire HD6 hat einen von Amazon nicht näher genannten Quad-Core-Prozessor mit 15 GHz. Einem System-Analyse-Tool zufolge handelt es sich dabei um den MT8135 von MediaTek. Dazu gibt es 1 GByte RAM und 8 GByte internen Speicher, von dem gut 3,3 GByte frei sind – nicht gerade viel für ein Multimedia-Tablet. Wer das Gerät überwiegend zuhause verwenden wird, kommt damit klar. Wer es aber öfters unterwegs einsetzen möchte und für diesen Zweck auch mal Serien oder Filme herunterlädt, sollte unbedingt 20 Euro Aufpreis für 16 GByte bezahlen. Denn einen Speicherkartenslot gibt es nicht.

Man sieht der blitzlosen Kamera schon auf den ersten Blick an, dass sie nicht gerade ein Hauptmerkmal des günstigsten Amazon-Tablets ist. Hauptsache, es ist eine drin, stand offensichtlich im Lastenheft der Entwickler.

Die beiden Kameras – 0,3 Megapixel vorne und 2,0 Megapixel hinten – erfüllen das Prädikat „vorhanden“. Und sie machen bessere Bilder als eine aufgespießte Kartoffel. Für ein paar Schnappschüsse reichts, aber fotografische Meisterwerke sollte man damit nicht erwarten. Mangels Foto-LED ist in dunklen Umgebungen schnell Schluss mit lustig und nichts mehr zu erkennen.

Ins Internet geht es ausschließlich über WLAN; einen SIM-Kartenslot gibt es auch gegen Aufpreis nicht. An der Unterseite findet sich noch ein Mono-Lautsprecher. Er reicht aus, um für die nötige Beschallung bei einer Serie oder eines Films in halbwegs ruhiger Umgebung zu sorgen. Doch auch hier gilt: Wenn es irgendwie geht, würden wir unbedingt zum größeren Bruder, dem Fire HD7, greifen. Dieser hat nämlich kräftige Stereo-Lautsprecher, dank denen selbst der schwerhörige Opa noch über Youtube-Pranks lachen kann. Den Test des Fire HD7 reichen wir diese Woche nach.

Im Preisbereich bis 100 oder 120 Euro tummeln sich vor allem No-Name-Geräte, auf die wir hier nicht näher eingehen – es gibt schlicht zu viele. Häufig handelt es sich dabei um baugleiche oder -ähnliche Geräte, die in China produziert und unter unterschiedlichen Marken auf den Markt gebracht werden. Üblicherweise sind vor allem dort die Software-Updates ein Problem: Es gibt häufig keine. Das Produkt wird auf den Markt gebracht, und aus die Maus.

Unter den Markengeräten findet sich das Samsung Galaxy Tab 3 7.0 Lite, das Lenovo IdeaTab A7-40, das Asus Memo-Pad HD7 und das Acer Iconia One 7. Das Samsung würden wir aufgrund der niedrigeden Display-Auflösung aus der näheren Wahl ausschließen. Auf den anderen Geräten läuft zwar „nur“ Android 4.2, was auch schon keine gute Aussage für die Update-Politik der jeweiligen Hersteller ist, aber dafür gibt es Zugriff auf den Play Store und die anderen Google-Apps.

Das Fire HD6 ist eines von den Testgeräten, die wir zunächst etwas stiefmütterlich betrachtet haben: Klein, dick, schwer und eingeschränkt. Doch in der Praxis macht es gar keinen schlechten Eindruck. Vor allem als Wiedergabegerät von Amazons Inhalten macht es eine erstklassige Figur, es ist leicht zu bedienen und problemlos im Internet unterwegs. Um auf die Überschrift zurück zu kommen: Es ist definitiv nicht perfekt. Aber seinen Preis wert.

Kaufen oder nicht? Unterm Strich kommt es darauf an, was man mit dem Tablet machen möchte. Als Video-Player mit Amazon Prime ist das Angebot des Fire HD fast unschlagbar. Und auch als Gelegenheitstablet macht sich das HD6 gut – im Wohnzimmer, um das TV-Programm zu checken, Nachrichten zu lesen oder um gelegentlich mal ein Spiel zu spielen. Wer aber jeden Tag neue Spiele aus dem App-Store zieht, an Android basteln will und Einschränkungen nicht mag, sollte sich lieber die Alternativen ansehen. Und wenn es irgendwie geht, lieber gleich den großen Bruder, das Fire HD7, kaufen.

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