TechStage
Suche

Ein Angebot von

Interview zu BMW Connected: Autos und Smartphones

0
von  //  Twitter Google+

Zum Auftakt des Pariser Autosalons hatten wir die Möglichkeit, mit Dieter May über BMWs Vision zum Thema Vernetzung und digitaler Dienste im Fahrzeug zu sprechen. Herr May ist als Senior Vice President Digital Services and Business Models für Software-Lösungen und digitale Dienste sowie die dazugehörigen Geschäftsmodelle verantwortlich.

TechStage: Herr May, die Auto-Industrie steht an einem Scheidepunkt. Manche Auto-Hersteller verbauen zunehmend mehr Technik im Fahrzeug und versuchen, ihre Kunden mit eigenen Diensten versorgen; andere reduzieren die eigene Technik und setzen auf die bereits vorhandenen Endgeräte der Fahrzeug-Käufer – Stichwort Apple Car Play und Android Auto. Wie verhält sich BMW?

Dieter May: Ist das so? Natürlich gibt es gerade im Bereich der günstigeren Fahrzeuge einen Trend zur Integration der Smartphone-Technik. Einem Käufer eines 10.000-Euro-Autos können Sie kein Infotainment-System für mehrere tausend Euro als Zusatz-Ausstattung verkaufen. Aber mit einem per USB an einem „Bildschirm“ angeschlossenen Smartphone werden Sie kein automatisiertes Fahren ermöglichen können. Dafür ist mehr Technik, Integration und vor allem Sensorik im Fahrzeug nötig.

TS: Trotzdem ist doch die Integration des Smartphones ins Auto eine essentielle Funktion, oder?

May: Wir fahren bei BMW einen anderen Ansatz. Unserer Meinung nach sollte das Fahrzeug in die digitale Welt des Fahrers integriert werden und nicht umgekehrt. Das Auto ist ja nicht das einzige digitale Device des Kunden: So problemlos, wie beispielsweise iPhone, Apple Watch, iPad und MacBook miteinander kommunizieren und Daten wie selbstverständlich über die Cloud abgleichen, sollte auch das Auto ein zusätzliches digitales Device sein – vollkommen integriert, permanent abgeglichen und immer Up-to-Date. Natürlich gilt das auch für die anderen Ökosysteme wie Android oder Microsoft.

TS: Wie könnte das aussehen?

May: Das bieten wir schon jetzt mit BMW Connected an. Wenn wir über eine App auf dem Smartphone des Kunden beispielsweise Zugriff auf seinen Kalender haben, wissen wir, wann er wo sein muss. Wir können den Weg mit Echtzeit-Verkehrsdaten permanent abgleichen und den Fahrer beispielsweise über eine Erinnerung auf seiner Smartwatch oder seinem Smartphone darüber informieren, dass er besser ein paar Minuten früher losfahren sollte.

TS: So etwas können die Cloud-Dienste von Apple und Google auch.

May: Ja, aber wir gehen noch einen Schritt weiter. Wir wissen beispielsweise, wenn die Verkehrssituation problematisch wird – etwa bei winterlichem Wetter und vollen Straßen. Wenn wir den Kunden erst beim Start der Navigation darüber informieren, ist es doch ein bisschen spät, oder? Schon jetzt bekommt der BMW Connected Kunde bevor er im Fahrzeug sitzt eine Nachricht auf sein Smartphone, wann er losfahren muss, um rechtzeitig am Ziel zu sein. In Zukunft könnte man bei Bedarf beispielsweise den Wecker auf dem Smartphone eine halbe Stunde nach vorne stellen, um eine pünktliche und sichere Ankunft am Flughafen zu gewährleisten und vor der Fahrt das Fahrzeug vorkonditionieren, um ein personalisiertes Erlebnis anzubieten. Wir wollen für nahtlose Mobilitätserlebnisse stehen.

TS: Dafür sind aber viele Daten nötig.

May: Natürlich benötigen wir für die vollen Funktionen Zugriffe auf bestimmte Daten – eben etwa den Kalender, damit wir wissen, wer wann wo sein muss. Das Nutzerprofil des Fahrers liegt in der BMW Open Mobility Cloud und wächst mit der Nutzung des Fahrzeugs. Wenn wir beispielsweise sehen, dass jemand jeden Tag um 6:30 Uhr ins Büro fährt, könnten wir den Fahrer bei leerem Tank schon vorab informieren, dass er heute besser einen Tankstopp einplant und sich etwas früher auf den Weg macht. Und wenn morgens gelegentlich noch zwei Plätze auf der Rücksitzbank belegt sind, hat er vermutlich seine Kinder im Auto. Statt Heavy Metal könnte dann beim Losfahren sofort ein Hörspiel starten und das Navi wird so eingestellt, dass die Route ins Büro einen Zwischenstopp beim Kindergarten einplant.

TS: Haben Sie noch ein anderes Beispiel?

May: Wenn der Fahrer vor dem verlängerten Wochenende eine Route zum Gardasee berechnen lässt, liegt es nahe, dass er sich auf den Weg in den Urlaub macht. Wir könnten ihm, je nach Uhrzeit, dann gute Restaurants auf dem Weg vorschlagen. Und in Zukunft vielleicht auch anbieten: Hey, die Tour sieht nach Spaß aus. Dürfen wir Dir für die kommenden Tage zehn PS extra anbieten?

TS: Zehn PS extra? Also eine Art Feature-Store im Auto?

May: Es ist durchaus denkbar, dass wir die Hardware bestimmter Funktionen in Zukunft standardmäßig in manchen Autos verbauen – auch, wenn der Kunde ein Ausstattungsmerkmal eigentlich nicht bestellt hat. Wir könnten ihm dann beispielsweise bei schlechtem Wetter anbieten, dass er die Sitzheizung ein paar Stunden kostenlos ausprobieren kann. Und wenn ihm die Funktion zusagt, kann er sie abonnieren. Schon heute bieten wir dem Kunden über den ConnectedDrive Store die Möglichkeit, bestimmte Dienste nachträglich freizuschalten.

TS: Der BMW der Zukunft ist also immer ein vollausgestattetes Fahrzeug mit Top-Motorisierung, bei dem sich Funktionen und Leistung nachträglich gegen Gebühr freischalten lassen?

May: Das ist der extreme Fall. Ich denke nicht, dass es in absehbarer Zeit so weit kommt. Bei bestimmten Austtattungsmerkmalen können wir uns das aber gut vorstellen.

TS: Das ist ja auch eine völlig neue Einnahmequelle für einen Auto-Hersteller, der bislang ein Fahrzeug verkauft und dann, abgesehen von der Wartung, mit dem Produkt kaum noch etwas zu tun hat.

May: Wissen Sie, der typische Auto-Käufer hat nun mal ein vorgegebenes Budget. Letztlich konkurrieren verschiedene Ausstattungsmerkmale miteinander. Wenn ich maximal 30.000 Euro für mein neues Auto ausgeben kann oder möchte, muss ich mich entscheiden: Will ich eine Verkehrsschilderkennung, die Sitzheizung oder dickere Felgen? Aber ein, zwei Jahre später hat der Kunde vielleicht neue Wünsche an sein Fahrzeug – und kann sich dann ein Ausstattungsmerkmal oder eine Funktion hinzubuchen, an der er Freude hat. Letztlich wächst das Auto so über seinen Lebenszeitraum auch mit, es bleibt immer aktuell.

TS: Aktuell ist ein gutes Stichwort. Der Produktlebenszyklus eines Fahrzeugs ist im Vergleich zur IT- und Entertainment-Welt immer noch extrem lang. Wenn ich mir einen drei Jahre alten Gebrauchten kaufe, habe ich da unter Umständen „alten Kram“ verbaut – das Auto wird aber wohl noch weitere zehn Jahre auf den Straßen unterwegs sein. Wie sieht es mit Updates aus?

May: Schon jetzt haben wir es mit BMW Connected geschafft, die Geschwindigkeit der Update-Zyklen drastisch zu erhöhen. Wir können alle sechs Wochen neue Software einspielen und komplett neue Funktionen hinzufügen oder neue Dienste unterstützen. Wir haben beispielsweise eine Partnerschaft mit Amazon, um deren Sprachassistenten Echo zu integrieren.

TS: Software ist das Eine, aber wie sieht es mit der Hardware aus?

May: Wir arbeiten an Hardware-Lösungen. Aktuell können wir die neuen BMW Connected Dienste in vielen Fahrzeugen anbieten, die ab Werk mit Connected Drive ausgeliefert wurde – auch, wenn das Auto vielleicht schon einige Jahre alt ist.

TS: Thema Apps im Auto: Was ist bei BMW Stand der Dinge?

May: Wir bieten Software-Schnittstellen und ein SDK, damit sich Apps nahtlos im Auto integrieren lassen – etwa Spotify oder Glympse. Entsprechend durch den Entwickler angepasste Apps lassen sich dann über das Infotainment-System des Fahrzeugs bedienen und benutzen, ohne, dass man das Smartphone in die Hand nehmen muss.

TS: Werden Apple Car Play und Android Auto Einzug in BMWs erhalten?

May: Im Rahmen des Angebots von BMW ConnectedDrive erwarten die Kunden in der heutigen Zeit eine nahtlose Integration des Smartphone in das Fahrzeug. Dem kommen wir, neben unserer eigenen Lösung durch BMW Connected, auch mit der Integration von Apple CarPlay nach.

TS: Letztes, aber sehr wichtiges Thema: Datenschutz.

May: Selbstverständlich wissen wir, dass die Daten unserer Kunden ein hohes Gut sind. Wir verarbeiten und nutzen nur, was uns der Kunde explizit erlaubt. Um bestimmte Funktionen anbieten zu können, benötigen wir Zugriff auf den Kalender oder sammeln Daten zur Fahrzeugnutzung. Es ist aber jederzeit möglich, diese Datensammlung zu unterbrechen oder auch alle Daten, die wir zu einem Nutzer gesammelt haben, vollständig zu löschen.

TS: Vielen Dank für das Interview.

Einloggen, um Kommentare zu schreiben

Anzeige