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Kommentar: Netzneutralität auf dem Handy? Vergiss' es!

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Ende letzter Woche wurde Vodafone frontal angegriffen. Das Thema ist nicht neu, es geht um Netzneutralität, um Instant Messaging, um Voice over IP, um Peer to Peer. Um Dienste, die eigentlich selbstverständlich sind, die aber die meisten Handyverträge ausschließen – um sie gegen Zusatzgebühr zu legalisieren. Der Angriff ist aus Nutzer-Sicht vollkommen nachvollziehbar, allerdings ist Vodafone nicht der einzige Bösewicht. Sondern nur einer der richtigen Ansprechpartner, denn T-Mobile, E-Plus und O2 verhalten sich nicht besser.

Die Provider sind eben groß darin, den Kunden Kohle aus der Tasche zu ziehen. Das ist soweit nichts neues, die Konkurrenz ist groß, und jeder muss sehen, wo er bleibt. Neu ist aber die offene Diskussion. Sehr begrüßenswert ist es, dass zumindest Vodafone nun das Gespräch sucht. Doch die Argumente, die das Unternehmen nennt, wirken fadenscheinig. Tatsächlich nutzt vielleicht nicht jeder Kunde Instant Messaging, doch iMessage oder WhatsApp sind nun wirklich keine Anwendungen für Heavy User mehr, sondern mehr oder weniger Standard – deren Legalität man sich für 5 oder 10 Euro pro Monat erkaufen soll?!

Emotional, aber fair: Vodafone lässt kritische Kommentare im eigenen Blog zu. Danke für die offene Diskussion!

Die grundsätzliche Diskussion um die Netzneutralität ist nötig und wünschenswert. Also darum, dass alle Datenströme im Internet gleich behandelt werden. Dass Provider, Server, Netze und so weiter keinen Einfluss darauf nehmen, was wie schnell transportiert wird, sprich: dass legales Filesharing die gleiche Priorität hat wie das Abrufen von Nachrichten-Webseiten oder privaten Homepages, wie illegales Filesharing, das Abrufen von Apps oder das Streamen von Videos aus den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen, von Porno-Webseiten oder Youtube.

Nötig ist das zum Beispiel, um die Innovationskraft nicht zu bremsen. Würde Youtube den Providern Geld dafür bezahlen, dass die eigenen Videos mit hoher Priorität durch die Netze fließen, wäre der Stand von kleineren Konkurrenten deutlich schlechter: Würde ein- und derselbe Clip bei Vimeo, Clipfish, Dailymotion und wie sie alle heißen, langsamer laden oder beim Abspielen haken, würden die Nutzer zu Youtube wechseln. Zum ohnehin unangefochtenen Marktführer also, der seine Marktmacht so noch weiter ausbauen könnte. Und Start-Ups? Junge Unternehmer mit Ideen, wie Videos im Internet vielleicht ein noch besseres Erlebnis werden könnten? Die hätten von vornherein verloren. Zwar war auch Youtube mal ein Startup, aber inzwischen gehört die Video-Webseite zum Internet-Giganten Google – und Google machte einen Gewinn von 2,2 Milliarden US-Dollar. Im dritten Quartal dieses Jahres. Da kann der Geldhahn problemlos weit aufgedreht werden. Ähnliche Probleme könnten nicht-kommerzielle Projekte bekommen. Wikipedia zum Beispiel, private Blogs, Foto-Webseiten von der Familie. Wenn die Großen blechen, um ihre Daten schneller durchs Netz zu schieben, wird alles andere langsamer.

Kein Fake: Bei T-Mobile kommen auf eine Seite Tarifinfos drei Seiten Kleingedrucktes – und darin ist zum Beispiel Instant Messaging bei den günstigen Tarifen ausgeschlossen.

Während wir uns bei DSL-Anschlüssen zu Hause noch entspannt zurücklehnen können und die Netzneutralität genießen dürfen, sieht die Welt im mobilen Internet ganz anders aus. Einen "echten" Internet-Zugang gibt es bei den meisten Netzbetreibern ohnehin nicht. Handys, Surf-Sticks, Tablets & Co. verhalten sich bei Vodafone, T-Mobile und Konsorten nicht so wie der PC am DSL-Anschluss: Sie sind von außen nicht erreichbar, krebsen in einem virtuellen Netz. Eigentlich in einem Intranet mit Zugang ins Internet. Manche Dienste funktionieren so nicht: Das Freigeben von Daten übers Netz, der Zugriff auf Webcams, das Weiterleiten von Ports – keine Chance.

Aber auch der Zugang ins Internet ist kein Echter. Im Kleingedruckten steht's: Voice over IP? Verboten. Instant Messaging? Auch. Peer to peer? Sowieso. Heißt: Videotelefonate per Skype oder Facetime, Chats per iMessage, WhatsApp oder ICQ und Filesharing sind böse. Illegal, gegen die Vertragsbedingungen. Als Grund nennen die Provider üblicherweise Punkte wie "Netzstabilität gewährleisten". Na klar: DSL-Verbindungen in Deutschland brechen ja auch im Minutentakt zusammen, weil ihre Besitzer Videokonferenzen betreiben, chatten oder Diablo 3 herunterladen. Ach ne, sorry: tun sie nicht. Die Technik kann das.

Zugegeben: Das mobile Netz funktioniert anders. Alle Geräte in einer Funkzelle, also Tablets, Smartphones und Surfsticks, teilen sich die dort zur Verfügung stehende Bandbreite. Ist viel los, wird der Datentransport langsam. Das ist aber nicht neu, und deswegen gibt es per se keine mobilen Internet-Flatrates in Deutschland – auch wenn sie so heißen. Sie sind allesamt begrenzt. Auf 200 MByte vielleicht, oder auf 3 oder 10 GByte, aber danach ist Schluss: Dann hauen die Provider die Bremse rein. Aus Vollgas wird Schneckentempo, im Fall von LTE werden aus 100 MBit 64 KBit pro Sekunde: Das Web ist um Faktor 1500 langsamer. Zumindest für EINEN Nutzer. Das ist für den Betroffenen zwar blöd, zumal das 10-GByte-Paket bei voller LTE-Geschwindigkeit rechnerisch bereits nach gut zwei Stunden aufgebraucht wäre (ein Monat mit 30 Tagen hat 718 weitere Stunden). Unterm Strich ist das nachvollziehbar, denn wenn mein Nachbar permanent saugen würde, was die Leitung der Äther hergibt und ich dafür nicht anständig surfen könnte, wäre ich auch angepisst.

Aber einen solchen Grund gibt es nicht für das Verbot von Skype, WhatsApp & Co. Ich vermute, der Grund ist ein anderer: Ihr sollt gefälligst die Dienste der Netzbetreiber nutzen! Ja, ihr alle! Ich auch! Nicht kostenlos Nachrichten per WhatsApp verschicken. Nehmt SMS, für 19 Cent oder so. Noch besser gleich für 29 Cent. Pro Stück, nicht pro Monat! Nicht Videotelefonieren übers Internet. Ihr Schweine! Ruft gefälligst an! Gibt auch Video-Telefonie per UMTS, auch, wenn das heute kaum noch ein Gerät unterstützt. Aber die Provider bieten es an, und es kostet üblicherweise nur etwa das Doppelte eines normalen Telefonats.

Toll, oder? Ohnehin hält sich kaum ein Nutzer an diese Bedingungen. Oder wisst ihr, ob ihr Instant Messaging überhaupt nutzen dürft? Wetten nicht? Und garantiert habt ihr iMessage oder WhatsApp oder Skype oder ICQ auf dem Smartphone? Genau. Ärger gibt's deswegen üblicherweise nicht – zumindest im Moment. Für's gute Gewissen lassen sich diese Dienste legalisieren. Gegen Gebühr, versteht sich: Knapp 10 Euro extra pro Monat, und schon darf man ganz legal Chatten und Videotelefonieren. Technisch ändert der Provider nichts, wenn man Pakete wie "Internet Telefonie" für 9,95 Euro pro Monat bei T-Mobile oder "InstantMessaging" für 5 Euro pro Monat bei Vodafone bucht. Ist ja auch gar nicht nötig: Die Dienste funktionieren auch so, und ganz offensichtlich sind auch die Netze stabil. Oder kacken bei euch alle Telefonate im Umkreis ab, sobald ihr Skype startet?

Ich für meinen Fall bin bei O2. Nicht nur, weil ich die Tarife attraktiv finde. Sondern auch aus Prinzip. Zum Zeitpunkt meines Wechsels zu O2 – übrigens von Vodafone – war der Münchner Netzbetreiber der einzige, der Instant Messaging, Voice over IP & Co. nicht nur nicht verboten, sondern sogar explizit erlaubt hat. Schließlich zahle ich 30 Euro im Monat nur für meinen Internet-Zugang. Und was ich damit mache, geht niemanden etwas an. Dass inzwischen auch O2 die Nutzung dieser Dienste bei den kleineren Tarifen nicht mehr gestattet, wird meine Tarifwahl beim nächsten anstehenden Wechsel auf jeden Fall beeinflussen.

Wir haben die vier großen Provider kontaktiert, um eine vollständige Liste aller Tarife zu erhalten, die Voice over IP, Peer to Peer sowie Instant Messaging erlauben. Bislang haben wir noch nicht von allen Anbietern die Antworten erhalten – wir liefern sie diese Woche in einem gesonderten Beitrag nach.

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