Ist Android einfach nur billig und für Menschen ohne Geld?
Der Erfolg von Android ist fast schon fast sagenhaft. Nachdem es im November 2008 als Konkurrent zu iOS von Apple an den Markt gegangen war, wurde es noch von vielen Experten belächelt. Nur wenige glaubten wirklich an einen Erfolg des Open-Source-Betriebssystems – obwohl Google im Hintergrund definitiv kein kleines Licht ist.
Eigentlich ist es auch ein Wunder, dass heute rund 1,5 Millionen Android-Devices pro Tag (!) weltweit aktiviert werden, denkt man an die ersten Android-Smartphones zurück. Ich war von Anfang dabei – und ehrlich: Das erste Android-Smartphone G1 aus dem Hause HTC hatte zwar sowas wie Kult-Status, war aber echte Grütze. Der Slider wackelte, das Plastik fühlte sich einfach nur billig an und das User Interface war weit weg davon glossy, cool oder irgendwas zu sein, was man tief in sein Herz schließen könnte. Android und schnell? Fehlanzeige! Um Android einigermaßen ruckelfrei hinzubekommen, brauchte es einiges an Prozessorleistung.
Sowohl die Hardware-Hersteller als auch Google selbst haben hart daran gearbeitet, Android zu verbessern. Die Performance des Betriebssystem wurde immer besser, die Smartphones und Tablets schicker. Ist das der Grund für den gewaltigen Erfolg, den Android zweifelsohne hat? Nein, sagen einige Tech-Journalisten. In der vergangenen Woche las ich sowohl auf Gizmodo (lesenswert!), als auch auf Techcrunch (weniger lesenswert) Kommentare, die den Android-Erfolg einzig an der Tatsache festmachten, dass Telefone dort deutlich weniger Geld kosteten, als iPhones. „iPhones sind bourgeoise – Android-Smartphones für das Proletariat“, könnte man resümieren.
Ist Android das Betriebssystem für Schlechterverdienende?
Es stimmt schon: Die ganz großen Stückzahlen stammen bei Android aus den unteren Preissegmenten. Die Masse an verkauften Smartphones ist schließlich auch gewaltig (Auszug aus "The San Francisco Chronicle"):
In the third quarter of 2012, worldwide manufacturers - among them Apple, Samsung, HTC and Research in Motion - shipped 181.1 million smartphones, according to market analytics group IDC. Google's Android operating system was installed on 75 percent of them, says IDC; Apple's system, iOS, was on about 15 percent. That market share for Android was a 91 percent jump from the previous year's third quarter.
Demnach sind im dritten Quartal 2012 rund 135,75 Millionen Android-Smartphones verkauft worden. Selbstverständlich können das nicht alles Samsung Galaxy S3, Nexus 4 oder HTC One XL gewesen sein. Es handelt sich zum großen Teil, wie schon richtig bei Gizmodo angemerkt, um günstige Einsteigergeräte à la ZTE Blade oder Huawei Vision – beides Geräte, die ohne Vertrag unter 150 Euro zu haben sind.
Kann man daraus auch folgern, dass Android automatisch ein Betriebssystem für Menschen ohne Geld ist? Der Gizmodo-Autor beruft sich auf eine Umfrage des "Pew Research Center's Internet & American Life Project", in der 22 Prozent mit einem Jahresgehalt unter 30.000 Dollar angaben, ein Android-Smartphone zu besitzen. Dem stehen 12 Prozent iPhone-Nutzer in dieser Gehaltsklasse gegenüber. Bei einem Jahreseinkommen von 50.000 Dollar hielte dieser Trend: 23 Prozent für Android – 18 Prozent für iPhones. Daraus leitet der Autor den für mich nicht nachvollziehbaren Schluss ab: Je weniger Geld man hat, desto eher greift man zu Android als Smartphone-Betriebssystem.
Android kann beides: Qualität und Quantität
So einfach geht diese Rechnung nicht auf. Android hat neben seinen vielen Billig-Smartphones auch echte Verkaufsschlager in seinen eigenen Reihen. Das Galaxy S3 wurde bisher weit über 20 Millionen mal verkauft. Das Nexus 4 war binnen von Minuten ausverkauft. Auch wenn Google keine offiziellen Verkaufszahlen hierzu präsentiert und viele von einer künstlich erzeugten Knappheit sprechen: Die Nachfrage nach Android-Devices gibt es nicht nur aus dem Lager der Schönen und Reichen.
Der Artikel spricht offenbar vielen Menschen aus der Seele. Viele hundert Menschen haben ihn kommentiert, nicht selten mit kommt selbst aus dem Android-Lager Zustimmung. Man nimmt Android offenbar häufig als Betriebssystem der günstigen, ja sogar der biligen Smartphones wahr. Das ist vermutlich auch schon alleine der Tatsache geschuldet, dass es sich hierbei um ein offenes, an sich kostenloses Betriebssystem handelt.
Dabei vergisst man häufig, dass Android für Hersteller nicht so günstig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Es gibt eine Reihe Unternehmen, die für ihre Software-Patente Lizenzgebühren für jedes Android-Smartphone geltend machen. Unter anderem Microsoft und Apple, aber auch andere halten bei Android-Verkäufen die Hand auf und kassieren auf diese Weise schätzungsweise 20 Euro pro verkauftem Gerät.
Apple verliert im Tablet-Markt drastisch - Nur wegen billig?
Es ist eine Tatsache, dass Apple den Smartphone- und den Tablet-Markt überhaupt erst geöffnet hat. Tolles Design und eine einfache, noch nicht dagewesene Bedienung der Geräte haben das Unternehmen zum wertvollsten Unternehmen der Welt werden lassen.
Gleichzeitig schmelzen dem Unternehmen die Marktanteile wie Butter in der Sonne dahin. Spätestens hier zieht die Android-ist-so-billig-Argumentation nicht mehr. Ein iPad der neuesten Generation ist zwar in der 64-GByte- und LTE-Variante satte 829 Euro teuer und damit preislich sehr weit über den circa 600 Euro, die eine Samsung-Variante mit Android als Betriebssystem und 16 GByte Hauptspeicher kostet (Anmerkung: Mehr Hauptspeicher gibt es derzeit bei Samsung nicht; über microSD-Karte lässt sich das System aber um 32 GByte erweitern). Geht man aber auf ein iPad mit 16 GByte, kostet das Tablet nur noch 629 Euro und ist damit preislich nicht mehr weit vom Galaxy Note 10.1 entfernt.
Amazon räumt Feld mit Android von hinten auf – mit günstigen Tablets und gutem Service
Gerade wir Deutschen wissen, dass Geiz geil ist. Oder? Ganz so einfach ist es aber nicht. Keines der vielen Billig-Tablets, angeboten in Lebensmitteln-Discountern zum Mitnahmepreis, konnte dem iPad in Sachen Marktanteilen gefährlich werden. Und warum? Weil sie Mist sind! Die Menschen haben schnell begriffen, dass es auf mehr ankommt, als einfach nur ein bisschen Tablet für wenig Geld. Viel wichtiger ist, dass ein Gerät einfach und schnell zu verwenden ist.
Genau das weiß auch Amazon und zeigt mit seiner Kindle-Familie, wie man das Feld von hinten aufräumt. Als Betriebssystem dient Android. Allerdings ganz ohne Google; zumindest offiziell. Innerhalb nur eines Quartals schaffte es Amazon auf den dritten Platz der Tablet-Verkäufer und hält hinter Apple (50,4 Prozent) und Samsung (18,4 Prozent) einen Marktanteil von immerhin 9 Prozent. Das Kindle Fire und Kindle Fire HD – das sind die Amazon-Tablets – werden für vergleichsweise wenig Geld verkauft. Das reicht aber nicht als Begründung für den durchschlagenden Erfolg des Online-Buchverkäufers. Vielmehr ist das Erfolgsrezept das Gesamterlebnis, das einem bei Amazon geboten wird: Gute Hardware, Unmengen an Büchern, Videos oder Musik online mit einem Klick bestellen. Service rundum.
Android ist nicht billig – Android steht für Vielfalt und verschiedene Geschmäcker
Wer Android also nur in die Ecke des Billgheimers stellen möchte und damit meint, eine valide Begründung für den Erfolg gefunden zu haben, denkt aus meiner Sicht (viel) zu kurz. Google hat mit Android den Hardware-Herstellern zur richtigen Zeit ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit denen sie Smartphones für verschiedene Zielgruppen bauen konnten: für die Bastler, die Coder, diejenigen, die gerne eigene ROMs aufspielen und die Kontrolle über das Betriebssystem inne haben wollen. Smartphones für den kleinen und den großen Geldbeutel, mit kleinen, großen und sehr großen Displays. Tablets ohne, aber auch mit Stift bzw. Stylus, usw. Apple hat dagegen eines geschaffen: Eine tolle Marke und eineinhalb Modelle, die zugegebenermaßen ein Millionenpublikum ansprechen. Was besser ist? Das entscheidet der Kunde.
Kurz: Es gibt mittlerweile Devices für nahezu jeden Geschmack, die sich voneinander (hört, hört...) unterscheiden.
Dieses Jahr wird spannend werden. Eine ganze Reihe neuer, offener Betriebssystem – Firefox OS, Tizen, Ubuntu oder Jellyfish – stehen in den Startlöchern und wollen Google bzw. Android Konkurrenz machen. Es wird dutzende Telefone geben: Billige, günstige, preiswerte und sicherlich auch teure. Für uns Kunden kann die wachsende Konkurrenz nur gut sein, ganz egal, ob wir nun reich oder arm sind. Denn die belebt nicht nur dsa Geschäft (und drückt die Preise), sondern sorgt auch für Innovation. Und macht damit letztlich die Geräte besser.
Permalink: http://techstage.de/-1792696
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