TechStage
Suche

Ein Angebot von

Analyse: Warum das Kindle Fire das iPad unter den Android-Tablets ist

von  //  Facebook Twitter Google+

Ein Android-Tablet, das eigentlich gar keines ist, bestimmt seit Kurzem den Markt. Die Marktforscher von IDC sehen das Kindle Fire von Amazon auf dem zweiten Platz bei den meistverkauften Android-Tablets, Localytics wähnt Amazon bei der Nutzung sogar vor Samsung. Der Erfolg dürfte nicht nur am günstigen Preis liegen, sondern Amazon hat aus dem Google-Betriebssystem ein echtes Kundenerlebnis geschaffen, das man sonst nur aus dem Hause Apple kennt. Diese Strategie ist so nachhaltig, dass es mittelfristig Amazon zum größten iPad-Konkurrenten machen könnte. Und ganz nebenbei könnte man auch Google den Rang als größter Content-Verkäufer unter Android ablaufen.

Apple musste in den vergangenen Wochen an der Börse Federn lassen. Seit dem Höchststand von 545,50 Euro im Oktober 2012 hat der Börsenkurs um rund 40 Prozent nachgegeben. Der Markt guckt mittlerweile skeptischer auf das immer noch teuerste Unternehmen der Welt. Die Schwäche könnte ein Vorbote für schwierigere Zeiten sein. Angeblich verkauft sich das iPhone 5 lange nicht so gut wie erwartet.

Die Absätze des iPads können mit den zurückgehenden Kursen eher nichts zu tun haben. Die Konkurrenz muss immer noch beeindruckt zusehen, wie Apple fast die Hälfte der Marktanteile für sich einnimmt. Die vielen unterschiedlichen Android-Tablets der zig verschiedenen Hersteller können der Dominanz eines einzelnen Unternehmens mit nur einem in zwei Displaygrößen erhältlichen Tablet-Modell nichts anhaben.

Samsung schlägt sich im globalen Tablet-Wettrennen vergleichsweise gut – sogar besser noch als Amazon. Der Buchhändler kommt auf einen weltweiten Marktanteil von 11,5 Prozent, Samsung schafft es auf 15,1 Prozent. Das liegt auch daran, dass das Kindle gar nicht überall – oder erst seit Kurzem erhältlich ist.

Betrachtet man allerdings nur Nordamerika, zeichnet sich ein deutliches Bild ab. Vor allem das Kindle Fire konnte dem iPad deutlich Marktanteile direkt nach Weihnachten abnehmen (3,0 Prozent). Die 7- und 10-Zoll-Tablets von Samsung gewinnen auch leicht dazu (1,3 Prozent), liegen aber deutlich hinter der Amazon-Konkurrenz.

Man sollte bei diesen Zahlen nicht den schnellen Schluss ziehen, das iPad befinde sich damit auf dem absteigenden Ast. In Nordamerika schafft es Apple trotz der Verluste auf einen Marktanteil von fast 80 Prozent. Bewegt man sich auf einem so hohen Niveau, ist die Luft einfach naturgemäß dünn.

Was hat ein iPad was die Konkurrenz nicht hat? Bei Hardware und Preis haben andere Produkte meist die Nase vorn. Meine Meinung dazu: Das iPad hat einen Sinn! Apple hat das perfekte Ecosystem geschaffen. Bücher, Musik, Filme und Serien, Apps – Apple gibt seinem iPad mit ausreichend Content einen Sinn. Android hat ebenfalls eine Menge an digitalen Inhalten im Angebot. Die Art und Weise wie die Angebote integriert sind, unterscheiden sich aber. Gerade das Bezahlsystem "Google Wallet" ist immer wieder in der Kritik, da oftmals zu umständlich und fehlerhaft. Google veröffentlicht – natürlich – keine Zahlen. Alleine die Erfahrungen am eigenen Leib lassen aber eigentlich nur den Schluss zu, dass viele Kunden einen Kaufprozess nicht abschließen oder gar nicht erst beginnen. Lange Zeit konnte man im Hause Google ausschließlich mit Kreditkarte bezahlen. Mittlerweile geht der Einzug bei einigen Providern auch über die Mobilfunkrechnung, allerdings unter teilweise undurchsichtigen Bedingungen. Die beliebte Zahloption bei iTunes und Amazon via Gutscheinkarte gibt es bei Google aktuell nur in den USA.

Apple hat dagegen über 435 Millionen iTunes-Konten – samt Kreditkarten-Informationen, versteht sich. Will einer dieser Kunden etwas im Apple-Universum kaufen, reichen ein Klick und die Eingabe des Passwort. Abgebucht wird dann ganz komfortabel über die vorher hinterlegte Bezahloption, die bei Amazon Kreditkarte, Gutscheinkarte oder auch Bankeinzug sein kann.

Ende 2011 brachte Amazon die erste Version des Kindle Fire in den USA auf den Markt, ein Jahr später dann auch in Deutschland. Das Produkt ist also noch vergleichsweise jung. Samsung kam mit seinem ersten Android-Tablet, dem Samsung Galaxy Tab, bereits im September 2010 um's Eck. Der Online-Bücherverkäufer aus Seattle konnte in einer deutlich kürzeren Zeitspanne Erfolge zeigen.

Den Grund hierfür sehe ich vor allem darin, dass Amazon das Apple-Konzept sehr viel besser kopiert, als beispielsweise Google oder Samsung und gleichzeitig strategische Vorteile hat. Der wohl Wichtigste: Alleine in Deutschland hat das von Jeff Bezos gegründete Unternehmen 16,7 Millionen Kunden (Quelle: GfK) samt Kontoinformationen. Das Know-how, Online-Bestellverfahren zu implementieren und dann zu optimieren hat Amazon ebenfalls und dürfte in diesem Bereich zu den besten Unternehmen weltweit gehören. Bezahlt man einen Kauf beim Kindle, wird direkt auf die favorisierte Bezahlvariante von Amazon zugegriffen. Das Unternehmen verfügt außerdem über eine umfangreiche Content-Bibliothek; wahrscheinlich sogar über eine der umfangreichsten überhaupt.

Amazon hat sich schon vor Jahren auf die Fahnen geschrieben, das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt sein zu wollen. Es mag in diesem Zusammenhang komisch klingen, dass ausgerechnet der oben aufgeführte Satz von dem Mann stammt, der den Kundenservice beim Online-Händler revolutionierte. Bill Price ist der Auffassung, dass ein Kunde gar keinen Grund bekommen dürfe, bei einem Unternehmen anrufen zu müssen. Es sollte alles von Anfang an klar strukturiert sein und problemlos verlaufen. Sollte der Support doch mal notwendig sein, müssten Self-Service-Konzepte greifen, die es dem Kunden möglich machten, schnell und einfach selber auf Lösungsansätze zu kommen.

Wer schon öfters bei Amazon bestellt hat, weiss: Kaum ein anderer Online-Shop schickt Ware schneller, zuverlässiger und kostengünstiger. Es funktioniert einfach. Das gilt auch für Käufe über die Kindle-Plattform. Neue Geschäftsmodelle, wie das kostenlose Leihen von Büchern über den Kindle, sorgen für weitere Argumente als Kunde auf das Kindle-Universum zu setzen.

Jeff Bezos hat beim Kindle einfach alles richtig gemacht: Gute Hardware zu einem sehr guten Preis und jede Menge hochwertiger Content. Man ist zwar vergleichsweise spät in den Markt gegangen, hat sich aber zuvor viel Zeit gelassen, ein perfektes System für den Kauf und die Verwaltung des Contents aufzubauen. Es ist nicht zu übersehen, dass man sich durchaus dabei bei Apple Inspirationen geholt hat – nicht nur bei der Shop-Integration, sondern vielleicht sogar beim Betriebssystem. Steve Jobs setzte bei der Entwicklung von Mac OS auf das Open-Source-Betriebssystem Unix, nutzte alle bestehenden Vorteile und entwickelte es weiter. Amazon setzt auf Android ohne Google und formt auf diese Weise sein eigenes Betriebssystem.

Bisher hat das Kindle Fire nicht den gleichen Erfolg wie in den USA. Das wird sich aber noch ändern. Und dann wird es drei Tablet-Anbieter für Privatanwender geben: Apple, Amazon – und den Rest. Sollte es Amazon gelingen nachhaltig erfolgreich beim Content-Verkauf zu werden, könnte das für Apple gefährlich werden. Schließlich wäre das Ecosystem aufgebrochen und es fiele Kunden sehr viel leichter zu anderen Anbietern zu wechseln – sofern diese eine Kindle-App unterstützen.

Der Content wäre immer da, ganz gleich ob iOS, Android oder das nächste Betriebssystem.

Einloggen, um Kommentare zu schreiben

Anzeige